21.11.2018, Knust, Hamburg

Ein wahnsinniger Rausch mit ZEAL & ARDOR

Text: Jazz
Veröffentlicht am 23.11.2018

ZEAL & ARDOR. Eifer und Begeisterung. Ersteres sieht man in jedem Moment ihres Spiels, letzteres ist geradezu zwangsweise die Folge desselben. Das beweisen Manuel Gagneux und sein vom Solo-Projekt zur Band gewachsener Hybrid aus Black Metal und Gospel auf der Tour namens „Stranger Fruit“, die am 21. November 2018 auch im Hamburger Knust haltmachte.

Das Knust ist wie Hamburg: eng, hoch, etwas schmuddelig und irgendwo gibt es eine Reling, wie in einer Gasse zwischen zwei Häusern mit Balkonen. Allerdings huscht hier nicht nur ab und zu eine Ratte durch, sondern alles ist voll mit Menschen. Dicht gedrängt warten sie und freuen sich bei einem Bier, dass sie nicht mehr draußen in der nassen Kälte stehen.

Einlullende Klanghypnose

Erst um 21 Uhr – und das an einem gewöhnlichen Mittwochabend – startet die Support-Band NYOS. Das sind zwei Musiker an Drums und Gitarre, die einen Klangteppich aus Rock, Doom, Noise, Metal und mehr in der vermeintlichen Häuserschlucht auslegen. Die beiden sind dabei einander und nicht dem Publikum zugewandt, was eine gewisse Dezentralisierung fördert und die Band-Publikum-Hierarchie abbaut. Einlullend-hypnotisch dröhnt es und das sanglose Grollen hat eine Schwere, Größe, Macht, die sich über die Anwesenden legt – wie eine langsame Lawine, die ein schlafendes Volk zudeckt.

Die Finnen begeben sich allerdings auch in technisch komplizierte, progressive, fast mathrockige Gefilde, ohne jedoch dabei ihren düsteren, erdrückenden Flow zu verlieren. Stark! Weitaus stärker vor allem als ihr durchaus gutes, aber weniger überwältigendes aktuelles Album „Navigation“ vermuten lässt. Das soll heißen: Hört euch die Platte an, aber wisset, dass NYOS live noch viel, viel eindrucksvoller sind – auch weil man Tuomas Kainulainens geniales Schlagzeugspiel beobachten darf. Von einer Vorband mit Gänsehaut überrascht zu werden, ist jedenfalls ein grandioser Start in den Konzertabend.

Die Tour zum Album des Jahres

Für eine Weile wird das Publikum mit Entspannungsmusik beschallt, bis ZEAL & ARDOR die Bühne einnehmen. Manuel Gagneuxs Stimme bringt instant die Haare am ganzen Körper dazu, sich aufzustellen. Was dann folgt, ist ein Rausch, den ich hier nur anhand von drei Songs exemplarisch wiedergeben will. Der Abend wie die Tour stehen im Zeichen der aktuellen Platte „Stranger Fruit“ und so stammen auch viele der stärksten Songs von diesem absoluten Album, das sicher noch auf so mancher Album-des-Jahres-Liste auftauchen wird – auf meiner in jedem Fall, und zwar auf Platz eins!

„Servants“ ist beispielsweise ein Wahnsinns-Stück, das so viel Kraft, Geschichte, Größe, Verzweiflung und Gravitas hat, dass der Kloß im Hals keinen Weg weiß, als über die Tränendrüse ins Freie zu finden. Unglaublich bewegend! Überragend gut!

„Row Row“ fängt diese rauschhafte Überwältigung auf und fügt eingängige Songstruktur, Gospel-Gesänge und fiesen Black Metal zusammen wie sonst kein zweites Werk dieser Welt. Meine Psyche ist bis zum Bersten überfordert und zugleich unendlich beglückt. Danke!

„Don't You Dare“ lässt vor Schmerz zittern und angesichts der Gewalt toben. Die ausweglose Hoffnungslosigkeit entlädt sich körperlich und ehe man sich versieht sind die Fäuste geballt, die Zähne aufeinandergepresst und man stimmt in das markerschütternde Schreien mit ein. Erdrückend, kathartisch, befreiend!

Seit 2017 stehen bei ZEAL & ARDOR drei Sänger auf der Bühne. Zwei davon vor dem Bandgründer und Vocal-Genie Manuel Gagneux, damit er optimal zwischen extremem und klarem Gesang wechseln kann. Aber auch Denis Wagner und Marc Obrist sind stimmlich so stark, dass sie jeweils allein eine Band in den Erfolg führen könnten – aber bitte bleibt bei ZEAL & ARDOR!

Zwei Minuspunkte sind für diesen Abend allerdings leider anzuführen. Die Bässe lösen an mehreren Stellen des Veranstaltungsortes anstrengendes Scheppern aus und dann gibt es im Publikum Menschen, die der Meinung sind, der Musik würden unpräzise Klatschlaute fehlen. Bei einer Band, die trotz einer unendlich sympathischen Bühnenpräsenz ganz bewusst auf die Immersion störende Ansagen verzichtet, schaffen derart plump-debile Einmischungsversuche nicht etwa Stimmung, sondern tendieren dazu, ebendiese zu zerstören. wir sind doch nicht im Musikantenstadl! Also lasst das verfluchte Mitklatschen!

Fazit

ZEAL & ARDOR sind einer der Höhepunkte, vielleicht sogar die alleinige Spitze des gegenwärtigen Metals! Jeder Abend mit ihnen eine Offenbarung, ein Rausch, ein Tauchbad in die tiefen der eigenen Seele, eine therapeutische Reinigung des Selbst im Angesi… Ach, Schluss mit dem Blabla! ZEAL & ARDOR sind einfach scheiße gut!


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