17.11.2018, Neue Gebläsehalle, Neunkirchen

GLOOMAAR FESTIVAL 2018

Veröffentlicht am 27.11.2018

Manchmal kommt man in Gegenden, in die wäre man nicht gekommen, wäre dort nicht irgendein schönes Festival mit einem netten LineUp. So auch im Falle des GLOOMAR FESTIVALs in Neunkirchen (Saar), einem kleinen Städtchen nahe Saarbrücken und ebenso nahe an der französischen Grenze. Aber allein der Erstkontakt mit dem Konzertplakat sagte mir innerlich: Da muss man einfach hin. Dieses Billing, so unzusammenhängend und bunt wie auch interessant, kann das funktionieren? Und das trotz eines Gigs von POWERWOLF in Reichweite? Zur unchristlichen Uhrzeit um 16.30 eröffneten die recht jungen, bereits 2007 gegründeten Post-Rocker FLARES aus dem benachbarten Saarbrücken den Reigen vor einem noch sehr steifen, aber stetig mehr werdenden Publikum. Die instrumentale Musik des Quartetts ist grade sehr angesagt (und an diesem Abend, sagen wir mal, überpräsent), ist vielleicht etwas nerdig und introvertiert, gestaltet den Einstieg in diesen langen Abend mit experimentellen, manchmal fast improvisiert erscheinenden Klängen für Gehirn und Bauch trotzdem stimmig und chillig zugleich.  

                                                                                           DOOL

Da passt dann die floydeske Schiene der Norweger SOUP genau richtig, deren Setup und vor allem Sänger/Keyboarder Erlend Viken einen unweigerlich an LEPROUS denken lässt. Der atmosphärische Indie-Rock steht aber im Gegensatz ganz in der Tradition von Helden wie MOGWAI oder MOTORPSYCHO, die Laut-Leise-Dynamik der Band hebt das Ganze auf eine neue, fast sphärisch-schwebende Ebene. Vor allem der zentrale Track „Sleepers“ vom aktuellen Output „Remedies“, dieser fast tagtraumhafte Bastard aus PINK FLOYDs „Echoes“ und ARCHIVEs „Lights“, kann Freunde der fortgeschrittenen Progressiv-Mucke überzeugen. Eine überzeugende Präsentation ohne Ausfälle, und Multiinstrumentalist/Bandgründer Erlend kann noch dazu mit einer Top-Stimme punkten.

                                                                                       TOUNDRA

DOOL sind immer noch ein Phänomen, und das nicht nur – aber vor allem – live. Sobald Ryanne van Dorst und ihre Mannen die Bühne entern, ist High-Energy-Rock erster Güte angesagt, der in seiner intensiven Darbietung momentan konkurrenzlos auf weiter Flur steht. Zwar scheint die Bühne der Neuen Gebläsehalle für die schweisstreibende Performance der Holländer fast schon eine Spur zu groß, trotzdem steckt die Mucke die Meute im Saal sofort an. Selbst Gitarrist Jordi, der ja die Band bald verlassen wird, gibt nochmal 150 Prozent. Genau weiß man ja nicht, was konkret die Magie von DOOL ausmacht, aber am Ende ist es einfach nur die Quintessenz eines Rockkonzertes – mitreißend, nachhaltig, Gänsehaut fördernd. Die „Wanderer“ setzen somit am frühen Abend bereits einen von zwei echten Höhepunkten dieses Abends und jeder, der danach auf die Bühne muss, ist sowieso ein armes Schwein.

                                                                  AND SO I WATCH YOU FROM AFAR

Das sind in diesem Falle die spanischen Instrumental-Rocker TOUNDRA, und die übernehmen die noch im Saal hängende Euphorie dankend und liefern ein Set ab, das einem das Lächeln ins Gesicht zaubert und ein wohliges Kribbeln im Bauch hinterlässt. Und selbst ich, der Instrumentalmusik momentan in seiner inflationären Verbreitung oftmals langweilig findet (ich sollte mich bei der folgenden Band wiederum bestätigt finden!) wurde vom Groove der sympathischen Vier aus Madrid komplett infiziert. Und durch die höchst intensive Interaktion der Musiker untereinander, die überbordende Spielfreude, vermisst man letztendlich auch einen Sänger am Ende nicht. Für mich jedenfalls die Überraschung des Abends!

                                                                                     RIVERSIDE

Und normalerweise hätten AND SO I WATCH YOU FROM AFAR den Ball locker aufnehmen können und die Stimmung weiter ausbauen. Dass sie das nicht ganz taten, hat hauptsächlich zwei Gründe: Erstens ist der verkopfte Math-Post-Core der Nordiren einfach zu selbstverliebt-frickelig, und im Gegensatz zu TOUNDRA springt auch der Funke trotz einiger Bemühungen nicht wirklich endgültig über. Und zweitens (und das ist halt einfach nur Pech…) wollte der Amp von Gitarrist Rory nicht so richtig und musste nach 15 Minuten Improvisation komplett ersetzt werden, was den Set und die Band natürlich ein wenig schaumgebremst hinterließ. Die extra für ASIWYFA gekommenen Fans (normalerweise unter anderem am Sea Sheperd-Pulli oder ähnlichem erkennbar) nahmen es, ebenso wie die Band, gelassen und feierten das Quartett – das ungeachtet der Troubles kompetent und artig performte - trotzdem ab.

                                                                                      RIVERSIDE

Dann folgte, nach DOOL, der zweite Höhepunkt und ein weiterer Stilbruch. Zugegeben, ich wäre auch für RIVERSIDE alleine heute hier her gekommen, zu lange waren die Polen – völlig verständlich, nach dem Tod von Gitarrist Piotr – weg von den Bühnen dieser Welt. Und heute stehen sie da, wie Phoenix aus der Asche, wirken immer noch ein wenig gezeichnet und fast bescheiden, trotz Riesen-Drumkit und effektiver Extra-Lightshow. Ob die Trauermusik in der Umbaupause aber (wenngleich natürlich als Farewell zu verstehen) stimmungsfördernd war, wage ich zu bezweifeln. Mariusz Duda meint auch gleich mal lapidar „We don’t play any Post Rock songs tonight!“ und das ist auch gut so, denn man hat ohnehin ein riesiges Repertoir und kann auch so aus dem Vollen schöpfen. Das Publikum ist leider schwer ausgedünnt, verglichen mit den Acts davor, woran es liegt, ist aber schwer zu sagen. Die Stimmung unter den Verbliebenen ist aber gut, jedoch typisch teutonisch-steif und etwas verhalten. Die Band glänzt mit einer tollen Setlist, und bei „Second Life Syndrome“ und vor allem beim hymnischen „Lament“ hab wohl nicht nur ich Tränen der Freude und Rührung in den Augen.

Die Light-Effekte sind nicht übertrieben, unterstreichen die Stimmung, Drummer Piotr Kozieradzki wirkt zwar hinter seinem Kit oft ein wenig verloren (weniger wäre hier durchaus mehr) und lässt seinen Sound leider auch viel zu sehr durch Effektgeräte schleusen, dafür ist Tastenmann Michal Lapaj ein Blickfang am rechten Bühnenrand und fast schon hyperaktiv. Aushilfs-Gitarrist Maciej Meller (ex-QUIDAM) wird natürlich voll und ganz in den Set mit einbezogen, die Tatsache, dass Herr Duda den Tod seines „Vorgängers“ jedoch nur mit einem Satz erwähnt, zeigt, dass man sich bei aller Trauer auch mit deren Verarbeitung beschäftigt. Nachdem die Band noch enthusiastisch für eine Zugabe herausgeklatscht wird, ist nach 90 wunderbaren Minuten der offizielle Teil des Abends beendet, und die meisten Leute gehen entweder an die Bar oder nach Hause.

                                                                                    RIVERSIDE

Als „Black Night Special“ dürfen anschließend noch die österreichischen Post-Black-Hopefuls HARAKIRI FOR THE SKY diesen stilistisch fein durchmischten Abend abrunden. Den Schwarzmetall-Shirts nach zu urteilen sind einige Menschen heute einzig und alleine für das Wiener Quintett gekommen, und immerhin geben sich noch stattliche 80 bis 100 Nasen den nächtlichen Spaß. Und auch wenn HFTS stilistisch komplett aus dem Rahmen fallen, so meistern sie den rund einstündigen Auftritt doch mit Bravour. Man merkt den Jungs die Live-Erfahrung mittlerweile an, einzig Sänger J.J. wirkt ein wenig fahrig und nervös, und die Frequenz seines Gesangs lässt sich oft schwer mit dem Rest der Musik vereinbaren. Souverän und brachial allemal, und sogar die DOOL-Mannschaft war anwesend um sich das Spektakel zu geben. Und dann ist es bald mal 2 Uhr früh und auch dieser lange Abend geht irgendwann mal zu Ende.

                                                                         HARAKIRI FOR THE SKY

Zusammenfassend kann man sagen, das Konzept des GLOOMAAR Festivals ist aufgegangen, und auch wenn man mancher Band ein wenig mehr Publikums-Zuspruch gewünscht hätte, war es doch ein recht kurzweiliger Abend. Die Neue Gebläsehalle, Teil eines als Museum dienenden Industriekomplexes der hier ansässigen Saarstahl AG, erweist sich als moderne Top-Location mit geräumiger Bühne und 1A-Soundanlage, im Foyer gibt’s sogar eine kleine Craft-Bier-Auswahl (das reguläre Hopfensafterl ist mit 2,50 Euro für ein „Kleines“ auch relativ billig!) und vor der Tür einen Food-Truck. Die Crew arbeitet reibungslos und kompetent, in Rekordgeschwindigkeit wird die Bühne ein paar Mal komplett umgebaut (RIVERSIDE hatten etwa noch nichts im Hintergrund aufgebaut, wie normal bei Headlinern so üblich), und im hinteren Teil der Halle kann man durch die relativ großzügige Merch-Meile flanieren, an der jede Band einen eigenen Stand mit lecker Vinyl und anderen Goodies hat, und wo man im Laufe des Abends auch die eine oder andere Band  persönlich zum Smalltalk und für Fotos treffen kann (SOUP etwa, oder DOOL – wie immer publikumsnah as fuck). Bleibt zu hoffen, dass das GLOOMAAR-Team auch für nächstes Jahr wieder ein ähnlich überzeugendes LineUp zusammenstellen kann, das – wie in diesem Fall – auch die lange Anreise von Wien mehr als rechtfertigt.

                                                                                      RIVERSIDE

Setlist RIVERSIDE (ohne Gewähr):
Acid Rain
Vale Of Tears
Reality Dream I
Lament
Out Of Myself
Second Life Syndrome
Lost (Why Should I Be Frightened By A Hat?)
The Struggle For Survival
Wasteland
02 Panic Room
Encore:
River Down Below

Alle Fotos (c) Mike Seidinger

 


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