7.12.2018, Planet.tt, Bank Austria Halle, Gasometer, Wien

AS I LAY DYING + ERRA + BLEED FROM WITHIN

Veröffentlicht am 11.12.2018

Manche Dinge im Leben sind einfach toll, und manche Dinge einfach nur scheiße. Manchmal spielen Karma und Schicksal einfach Karten, und was dabei rauskommt scheint mehr als nur eine Ironie des letzteren zu sein. Dass AS I LAY DYING nach ihrer Quasi-Neugründung viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden, war von vornherein klar. Dass die komplette Europa-Tour jedoch binnen kürzester Zeit komplett ausverkauft sein wird, selbst nach Verlegung in teils größere Venues (so wie in diesem Falle von der SimmCity ins Gasometer), wagte wohl niemand so recht vorherzusagen. Und damit hier eines gleich klar ist: Das, was Tim Lambesis abgezogen hat, ist natürlich zutiefst verachtenswert und sollte auch Jahre danach nicht im Geringsten irgendwie verklärt werden. Aber jeder verdient zumindest eine zweite Chance, und das wissen auch die AILD-Boys aus dem schönen Kalifornien. Auch wenn sich Tim hier erwartungsgemäß jeder Nachfrage verweigert (die Interviews würden ja eh bloß aus dem einen Thema bestehen…) so wird er nicht müde, seine Reue zu zeigen und auch auf Facebook in schöner Regelmäßigkeit zu betonen: Ja, ich habe Scheiße gebaut, aber lassen wir doch mal Gras drüber wachsen und widmen wir uns den wirklich wichtigen Sachen, nämlich der Musik.

Ich denke, heute Abend hat das Gasometer und dessen euphorisierter Inhalt kollektiv Gras darüber wachsen lassen, denn auch in diversen Foyer-Gesprächen wird das „Thema“ nicht wirklich angeschnitten, und wenn, dann allerhöchstens am Rande. Dafür ist die Vorfreude auf den Gig und die allgemeine Freude über die (Wieder-)Existenz der Band heute viel zu überpresent. Los geht’s aber erst mal mit den schottischen Deathcore-Haudegen BLEED FROM WITHIN, die die riesige Gaso-Bühne gleich mal vollends in Beschlag nehmen und dem bestens gelaunten Publikum mit genügend Hummeln im Arsch ordentlich einheizen. Vor allem Frontwurst Scott Kennedy kann auch schön einen auf Entertainer und spielt mit fettem Posing und der kecken Aufforderung, zu so früher Stunde doch bitte schon mal ein paar dezente Walls of Death klatschen zu lassen. Die Gitarren- und Bass-Schwinger Craig und Davie sehen immer noch aus, als hätte man sie einer schwedischen Doom-Band entliehen, so viel Haare schön im Metalcore ist ja doch eher ungewöhnlich. Dafür glänzt Neo-Gitarrist Steven neben fetten Riffs mit dezenter Brian Molko-Gedächtnis-Frise. Musikalisch kann man sich an diesem Abend keinen besseren Opener wünschen: die nach 13 Jahren bestens eingegroovte Combo aus Glasgow weiß nur zu gut, wie man die Leute aus der Reserve lockt und macht mit genügend Hardcore-Einschüben selbst bei mir den Fakt vergessen, dass ich ja Metalcore generell eigentlich nicht so mag.

Die Arschkarte haben heute Abend dann eindeutig ERRA gezogen, und das nicht mal musikalisch, obwohl sie ebenjenen Nullachtfuffzehn-Metalcore zelebrieren, den ich eben bereits anschnitt. Obwohl das Quintett aus Birmingham, Alabama mit durchwegs positiver Bühnenpräsenz punktet und sich wirklich Mühe gibt, kann man die Leute, die sich noch von den BLEED FROM WITHIN-Todeswänden und Circlepits erholen müssen, nicht wirklich hundertprozentig überzeugen. Noch dazu wirkt das Sandwich-Set drastisch gekürzt, so dass man zwar das Programm artig runterklopft, die Band aber innerlich irgendwie immer auf die Uhr zu schauen scheint. Sympathiepunkte kann die Band also bei mir durchaus einheimsen, letztendlich ist mir der aalglatte Metalcore aus dem Lehrbuch dann aber doch zu gesichtslos und unergiebig. Und so ganz nebenbei wartet alles natürlich nur auf die eine Band. Und selbst als AS I LAY DYING statt um halb Zehn bereits um zehn Minuten nach Neun die Bühne betreten, ist die Halle fast voll, die wenigsten entweder an der Bar, am Klo, oder beides. Binnen kurzer Zeit ist das ausverkaufte  Gasometer proppenvoll und am kochen, und natürlich geht sich auch dann immer noch ein amtlicher Pit vor der Bühne aus, wenn eigentlich kein Platz mehr dafür da ist. Die Truppe aus San Diego zeigt heute, dass nach wie vor schwer mit ihr zu rechnen ist, blasen sie doch einen Set raus, der neben all den Eruptionen unbändiger Energie trotzdem immer sympathisch und dankenswerterweise nicht allzu gekünstelt rüberkommt.

Tim Lambesis ist natürlich, mehr denn je, das Zentrum der Aufmerksamkeit, und der bekennende (und mittlerweile auch offensichtliche) Bodybuilder-Nerd macht gottlob nicht den Fehler, heute in irgendein Fettnäpfchen zu treten. Zwar entschuldigt er sich ein paarmal für entfernte Geschehnisse, ohne diese natürlich beim Namen zu nennen, die Bandmitglieder betonen auch immer wieder, wie dankbar man für diese zweite Chance ist und dass man aus Fehlern lernen kann. Ansonsten macht die Band aber einen richtig runderneuerten Eindruck und strotzt selbst 18 Jahre nach ihrer Gründung noch so dermaßen vor Energie, wie es selbst manche Newcomer-Jungspunde nicht hinbekommen - ja, sie explodiert förmlich. Die Setlist ist wohlweislich ein Sammelsurium an „Greatest Hits“, von denen man nach sechs Longplayern ja auch genug im Ärmel hat, und natürlich darf auch die aktuelle Single „My Own Grave“ nicht fehlen, die in Härte und Vehemenz die alten Sachen noch übertrifft – kein Wunder, ist der Song doch eine sehr persönliche Aufarbeitung der "Geschehnisse". Und irgendwie wird einem immer wieder bewusst, dass es ohne AS I LAY DYING mit ihren fast schon flockig-lockeren Singalong-Refrains auch keine Bands wie etwa FIVE FINGER DEATH PUNCH gäbe. Die Songs haben auch nach Jahren noch genug Ecken und Kanten, haben sich trotzdem bei vielen für immer im Gehör festgefressen und werden heute nach langer Zeit wieder für jeden persönlich lebendig. AS I LAY DYING ist trotz der unvermeidlichen Core-Elemente, ebenso wie etwa TRIVIUM, am Ende nämlich immer noch (Melodic Death) Metal in Reinkultur.

Bei „Forever“ kommen dann für einen emotionalen Moment auch die beiden anderen Schreihälse von ERRA und BLEED FROM WITHIN auf die Bühne, bevor man sich mit vier Zugaben-Tracks nach etwas kurzen, aber kurzweiligen 70 Minuten wieder gen Tourbus verabschiedet. Spaßeshalber wird nach dem Gig an der Bar noch gemunkelt, Tim Lambesis müsse im Rahmen seiner Bewährungsauflagen spätestens um Elf im Bett sein. Was auch egal wäre, denn es ist völlig wurscht, ob die Band vormittags oder nachmittags die Bühne entert, die Energie wird die selbe sein (was die Truppe vor einigen Jahren am PictureOn-Festival auch nachhaltig bewiesen hat), und auch wenn man heute Abend mit Konfettiregen, Rauch- und Feuerfontänen ein wenig Headliner-Pomp aus der Big League versprüht, so denke ich, dass AS I LAY DYING in den kleineren Clubs sicher nochmal doppelt so stark funktionieren, dort besser aufgehoben sind - denn irgendwie sind sie trotz ihrer Bekanntheit halt keine Stadionband, und das ist gut so.

Ob die Combo ohne die Ereignisse der Vergangenheit heute dort wäre, wo sie ist, sei in diesem Zusammenhang mal dahingestellt, und eigentlich ist es auch egal, solange man solche Live-Sets abliefert. Natürlich könnte man alles über die Moral-Klinge scheren, der Band Ausverkauf vorwerfen, ebenso wie Sensationalismus. Aber warum sollten wir das heute abend tun? Gewähren wir der Band und vor allem Tim doch diese zweite Chance. Und: Gott(sic!)lob kamen heute keine religiösen Ansagen. Komischerweise hat der bekennende Arnie-Fan Lambesis aber auch sein Idol in dessen Heimat mit keinem Wort erwähnt. Aber es wäre ja sowieso mal Zeit für eine AUSTRIAN DEATH MACHINE-Neuauflage inklusive Tour. Total Brutal sozusagen. Aber zuerst freuen sich die Fans mal auf die nächste AILD-Scheiblette, denn die kommt bestimmt. Todsicher quasi.

Setlist AS I LAY DYING (ohne Gewähr)
Washed Away (Intro vom Band)
Meaning in Tragedy  
An Ocean Between Us  
Through Struggle
Within Destruction
Forsaken
The Sound Of Truth
Condemned
Anodyne Sea
The Darkest Nights
A Greater Foundation
My Own Grave
Forever (mit Scott Kennedy und J.T. Cavey)

Encore:
Separation
Nothing Left
94 Hours
Confined

Spezial-Dank an Michael Berger, Walter Variu & Allstars Events. Alle Fotos (c) Mike Seidinger.


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: FLESHGOD APOCALYPSE - Veleno
ANZEIGE