19.04.2019, MS Connexion, Mannheim

Europe Under Black Death Metal Fire

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 22.04.2019

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Einzug

Freitag, Karfreitag genau genommen. Neben dem traditionellen Verzicht auf Fleisch und so ziemlich alles, was der Seele Freude bereitet, scheint auch besonders des Deutschen liebster Begleiter, das Automobil, dem österlichen Abstinenzritus zum Opfer zu fallen. Ein stiller Tag des Gedenkens und der Enthaltsamkeit - und hervorragende Voraussetzungen für eine ungestörte Reise zu einer andächtigen Gesangsveranstaltung. Dem Anlass angemessen in feierliches Schwarz gekleidet und mit den frisch geputzten Sonntagsstiefeln besohlt, machen wir uns auf den Weg ins baden-württembergische Mannheim. Dort angekommen, nutzen wir die Wartezeit vor dem Einlass, um die in Zement gefassten Grußworte diverser prominenter Besucher der MS Connexion zu studieren. "Ausbilder Schmidt", "Doro" (etwa die DORO?) und "Triggerfinger" (das nicht ganz leserliche Autogramm liest sich beinahe wie "Tripperfinger"...) haben dieser Location bereits einen Besuch abgestattet. Beim obligatorischen Gang zur Sanitärabteilung höre ich meine Mitbesucher verkünden, dass sie den "Spaßbereich" gefunden haben. Sie meinen damit vermutlich die eingezäunte Teerinhalationsoase im Außenbereich; trotzdem zaubert mir diese Aussage neben der Eingangstür zu einem rustikalen Örtchen mit Pissrinne ein hämisches Schmunzeln ins Gesicht. Der Wasserhahn sitzt in etwa so locker wie der Gürtel von Lothar M., weswegen ich in meiner grobmotorischen Art ganz glücklich bin, die Armatur nicht ungewollt in Händen zu halten. Nach diesem ersten Erfolgserlebnis kann es also gleich losgehen...

DARKRISE

Um Punkt 19:00 Uhr geht das Licht aus und DARKRISE eröffnen den Abend. Obwohl noch keine einzige Note gespielt wurde, stehen bereits jetzt sichtbar mehr Besucher vor der Bühne als bei meinem letzten Besuch in dieser Location (nein, ich verrate an dieser Stelle nicht, welche Band hier von ihrer Fangemeinde im Stich gelassen wurde). Der aggressiv nach vorne preschende Death Metal der Schweizer scheint das Publikum direkt einzufangen. Der Bereich zwischen Bühne und Mischpult ist gut zur Hälfte gefüllt und zumindest in der ersten Reihe wird ab dem Opener "And Then...To Kill Myself" gegröhlt und gebangt. Wie sich später noch herausstellen wird, wird der Rest des Publikums noch schwer zu knacken sein. Der heutige Terminplan ist wohlig gefüllt und insbesondere die ersten Bands haben ein dementsprechend überschaubares Zeitkontingent. Insofern bleibt DARKRISE kaum die Gelegenheit zu ausschweifenden Ansagen oder Scherzeleien mit dem Publikum. Die knappe halbe Stunde Stagetime wird mit einem knackigen Set von sechs Songs ausgefüllt und die Band verschwendet keine Sekunde. Das schweizer Quintett legt eine energiegeladene Show aufs Parkett, Basser Wils zockt seinen eleganten Fünfsaiter gezupft (sozusagen ohne Präservativ) und auch seine Kollegen sind offensichtlich früh aufgestanden. Der erste Akt des Abends ist kurzweilig und heizt die Stimmung an. Als nach etwa 25 Minuten die nachfolgenden Bands angekündigt werden, sieht man ungläubig auf seine Uhr.

Setlist DARKRISE (ohne Gewähr):

  1. And Then...To Kill Myself
  2. Fire
  3. Papierkram
  4. Lobotomized
  5. Liar Liar
  6. Old Assholes

NORDJEVEL

Während DARKRISE von der Bühne gehen, schlendert der Doedsadmiral an uns vorbei, frisch eingepinselt und mit kiloweise glänzendem Edelstahl am Körper. Schon während der Umbaupause laufen konsequent gruselige und bedrohliche Ambient-Klänge - womöglich, um das Publikum schon vorab in die richtige Stimmung für das nachfolgende Gefecht zu bringen. Nach kurzen 15 Minuten Pause betreten die Nordmänner in Dunkelheit gehüllt die Bretter. NORDJEVEL verzichten auf pompöse Bühnendekoration bzw. bevorzugen es, diese direkt am Mann zu tragen. Die bereits erwähnten Edelstahlapplikationen an Armen, Schultern und Beinen werden ergänzt durch Accecoires wie ein 30 cm langes Petruskreuz um den Hals des Fronters. Hier gibt es noch handgemachten Black Metal nach altnordischem Rezept auf die Ohren, Bild und Ton fließen zu einem harmonisch-dissonanten Ganzen zusammen. Der Sound sitzt ab dem ersten Takt und die Blast-Salven des neuen Drummers Dominator (ex-DARK FUNERAL) gehen durch Mark und Bein. Anlässlich des kürzlich erfolgten Releases ihres zweiten Albums "Necrogenesis" präsentieren NORDJEVEL heute ausschließlich neues Material, beginnend mit dem Album-Opener "Sunset Glow". Mit "Amen Whores" und "Apokalupsis Eschation" haben die Norweger noch weitere Perlen ihres neuen Outputs im Gepäck. Lediglich für den "Panzerengel" oder Material ihres Debuts "Nordjevel" fehlt heute die Zeit, denn wie beim Eröffnungsakt ist auch hier nach einer knappen halben Stunde Schicht - schade eigentlich.

Tracklist NORDJEVEL (ohne Gewähr):

  1. Intro
  2. Sunset Glow
  3. Nazarene Necrophilia
  4. The Idea Of One-Ness
  5. Amen Whores
  6. Apokalupsis Eschation

GOD DETHRONED

Gegen 20:30 Uhr entern GOD DETHRONED die Bühne und eröffnen mit "Serpent King". Die Niederländer beweisen sich in bester Form, bei der trotz ausgefeilter und verfrickelter Riffs jeder Griff sitzt. Die Todesbleikompanie, die ihre letzten drei Alben dem Thema "Erster Weltkrieg" gewidmet hat, macht ihrem Ruf als gute Liveband alle Ehre. Dennoch haben die erfahrenen Musiker es nicht leicht, die Halle auf Touren zu bringen. Die ersten gut gelaunten Partylöwen fanden sich zwar schon zum Beginn des DARKRISE-Sets im Front-of-Stage-Bereich ein, sind aber bis jetzt weitgehend unter sich geblieben. Die meisten Besucher in dem zwischenzeitlich etwas dichter besetzten Saal sind überwiegend passiv oder üben sich in vorsichtigen Headbang-Monologen. Erst, als Frontmann Henri Sattler "Soul Sweeper" vom 2003er-Album "Into the Lungs of Hell" ankündigt, scheint das Eis gebrochen und es entstehen kurzzeitig erste Zeichen eines Moshpits. Die sich allmählich aufheizende Stimmung der Crowd wird auch von der Band dankbar aufgenommen und durch wachsende Ekstase zum Ausdruck gebracht. Die Fans scheinen heute bevorzugt auf älteres Material aus zu sein, denn abgesehen von den ausgelassenen Reaktionen zu "Soul Sweeper" beantwortet die Menge die Frage "old shit or new shit?" mit einem einstimmig gregrowlten "Oooooooold!". Auf diesen demokratischem Beschluss spielen GOD DETHRONED schließlich kurz vor Ende ihres Sets "Boiling Blood" vom Album "Bloody Blasphemy" (1999). Nach 45 Minuten Spielzeit beenden die Niederländer ihren Feldzug und Basser Jeroen Pomper verabschiedet sich auf Deutsch mit den Worten "Auf Wiedersehen, saufen!". Er hält sein Wort und ist etwa fünf Minuten später beim Bier mit seinen Fans zu sehen.

Tracklist GOD DETHRONED (ohne Gewähr):

  1. Serpent King
  2. Villa Vampiria
  3. The World Ablaze
  4. Soul Sweeper
  5. No Man's Land
  6. Poison Fog
  7. Escape Across The Ice (The White Army)
  8. Boiling Blood
  9. Nihilism

BELPHEGOR

Die Hütte ist nun zu etwa drei viertel gefüllt und bereits der Aufbau sorgt für Spaß: der Soundcheck am Mikro wird von einigen Fans mit einem gegrowlten "A-B-C-D-E-F-G!" nachgeäfft und auch vereinzelte "Helmuth, du Arschloch!"-Rufe sind zu hören (...warum eigentlich?). Beim Anblick der Bühnendekoration wird klar: jetzt wird's böse! Schädel und Knochen von (womöglich) Rindern werden zwischen den Mikrophonen der Band aufgeständert, links und rechts des Drumsets prangen zwei mannshohe und abermals mit Schädeln verzierte Petruskreuze. Einer der Fotographen im Graben kratzt mit seinem Finger an den dicken Knochen, um deren Echtheit zu prüfen (die Antwort darauf kennen wir nicht...). Gegen 21:45 Uhr werden die Rufe nach dem Frontmann Helmuth Lehner erhört und die Totenbeschwörer betreten mit langsam-bedächtigen Schritten die Bühne. Es wird überwiegend neueres Material gespielt, fast das halbe Set gilt dem aktuellen Album "Totenritual". Mit "Belphegor - Hell's Ambassador" oder "Lucifer Incestus" reisen BELPHEGOR noch einmal zurück in die 2000er-Jahre. Die Band spielt souverän und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, die Show ist bis ins Detail einstudiert und kommt in der Tat mehr einem Ritual als einem Konzert gleich. Die Crowd bangt andächtig, bei der Ankündigung von "Lucifer Incestus" bricht ein wildes Brüllen aus, der Aufforderung "Let's fuck this place up!" wird ohne Zögern Folge geleistet. Zum Abschluss gibt es noch einmal "Baphomet" für "Deuuutschlaaaand", bevor der erste Headliner sein Totenritual beendet. Nachdem sich die Band bereits in den Backstagebereich zurückgezogen hat, verteilt Fronter Helmuth noch fleißig Devotionalen wie Plektren und verabschiedet sich persönlich von der Gemeinde. Wenige Meter vor dem wohlverdienten Feierabendbier kehrt er, auf Bitten zweier Fans, wieder um und gibt noch ein Paar Autogramme...ganz nett, so ein Totenbeschwörer!

Tracklist BELPHEGOR (ohne Gewähr):

  1. Sanctus Diaboli Confidimus
  2. Totenkult - Exegesis of Deterioration
  3. The Devil's Son
  4. Swinefever - Regent of Pigs
  5. Belphegor - Hell's Ambassador
  6. Conjuring the Dead / Pactum in Aeternum
  7. Stigma Diabolicum
  8. Virtus Asinaria
  9. Lucifer Incestus
  10. Baphomet

SUFFOCATION

Allmählich naht der Auftritt des zweiten Headliners und der letzten Band für heute Abend. Schon der Soundcheck der Drums lässt einem gefühlt die Bandscheiben aus der Wirbelsäule springen. Um 23:00 Uhr fällt (im übertragenen Sinne) der letzte Vorhang und die New Yorker Death-Metal-Institution beginnt eine explosive Show. Bisher mag das Publikum schwer zu knacken gewesen sein und die Musik BELPHEGORs bietet nicht unbedingt den Soundtrack für eine feuchtfröhliche Pogerei, aber sowie SUFFOCATION den ersten Akkord gespielt haben, ist die Crowd zur Stelle. Ab dem ersten Song "Thrones Of Blood" bildet sich ein Circlepit mit etwa 20 Leuten, der fortan die komplette Show begleitet und sich dem Tempo der Musik anpasst. Je nach Tempo wechselt das Schauspiel von einem Wettrennen zu einer Art Lokomotiven-Polonaise, was sehr lustig anzusehen ist. Sänger Ricky Myers ist bestens aufgelegt und wird zur Hauptattraktion der Show. Seine beispiellos schnelle Sprache und die etwas verrückt anmutende Mimik und Gestik muss man einfach live erlebt haben. Die ständig im Kreis marodierenden Fans sind hiermit natürlich bestens vertraut und imitieren den gut gelaunten Frontmann. Viele Besucher scheinen nur auf SUFFOCATION gewartet zu haben, denn neben den frappierenden Verstößen gegen das heutige Tanzverbot werden Brunftschreie ausgestoßen wie zur Paarungszeit im Wildpark. Trotzdem erkundigt sich Ricky Myers höflich, ob noch alle wach sind. Die Stimmung bleibt ausgelassen, bis die New Yorker nach "Infecting The Crypts" die heutige Show beenden und sich von ihren Fans verabschieden.

Tracklist SUFFOCATION (ohne Gewähr):

  1. Thrones Of Blood
  2. Jesus Wept
  3. Funeral Inception
  4. Cataclysmic Purification
  5. Clarity Through Deprivation
  6. Surgery Of Impalement
  7. Effigy Of The Forgotten
  8. Breeding The Spawn
  9. Pierced From Within
  10. Liege Of Inveracity
  11. Catatonia
  12. Infecting The Crypts

Auszug

Tanzverbot hin oder her - Bands wie den heute vertretenen verbietet man nicht die Show. Das sahen auch viele Besucher so, auch wenn die Stimmung hauptsächlich bei SUFFOCATION kochte. Das dargebotene Paket war auch heute wieder sehr amtlich und alle Bands haben sauber abgeliefert. Kurz vor der Heimreise läuft mir ein nassgeschwitzter Ricky Myers über den Weg und lässt sich noch auf einen kurzen Schwatz über den heutigen Abend ein. Auch außerhalb der Bühne spricht der New Yorker in kurzen Sätzen und - wie soll es anders sein - schnell. Auf dem Weg zu unserem Gefährt hören wir aus dem benachbarten Club (verstörenderweise) Technomusik und bemerken ein HEINO-Tourplakat vom vergangenen März. Ich glaube, damals hatte ich irgendetwas Anderes vor - wobei...hatte sich der Schlagersänger nicht kurz vor seinem Ruhestand dem Metal zugewandt? Bevor ich diesen Gedanken weiter ausführe, setze ich mich hinter mein Lenkrad und lasse mich von Johan Hegg über vergangene Zeiten unterrichten...


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