28.06.2019, Ferropolis, Gräfenhainichen

Full Force 2019, Tag 1: Metal und Core in Ferropolis

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 03.07.2019

Es war zu der Zeit da die Wetterorakel ein Wochenende von infernalischer Hitze vorhersagten, als das Full Force – zum ersten mal ganz ohne altes „With“ – inmitten eines Sees zur Core- und Metal-Sause lud. Drei Tage sollte diese Krachokalypse dauern, aber für manch einen Gast war der heiße Scheiß dann doch etwas zu warm. Bei 38°C im Schatten auch kein Wunder!

Doch beginnen wir an einem Punkt der Geschichte, an dem die Sonnenwinde noch nicht das Fleisch von den Knochen brannten. Der Festival-Freitag beschert einen wundervollen Sommertag, sodass die kühlen Drinks nur so die Kehlen beglücken würden, wenn das Dosenbier aus der Zeltecke nicht bereits wärmer wäre als die Dosenravioli auf dem Kocher. (Warme Ravioli sind der Shit! Ich wusste selbst nicht, dass man die auch erhitzen kann!)


Foto von Dr. DK

Die Straße, die Ferropolis, die imposante Eisenstadt, zur Halbinsel degradiert, wird in angenehmer Regelmäßigkeit von Shuttlesbussen frequentiert, sodass die Füße noch nicht müde sind, wenn man die beeindruckende Kulisse aus Beton, Containern und gigantischen Bergbaumaschinen erreicht. Ein prächtigeres Setting kann man sich für eine Klangwelt aus Metal und Core kaum vorstellen! Zunächst aber geht es zum Hardbowle, der überdachten der drei Bühnen, die im Kontrast zur Größe der Maschinen eine eher Club-artige Enge vermittelt.

Persönliche Headliner sind nicht selten andere Bands als die von den Veranstaltern des Festivals in den Mainact-Positionen platzierten Kapellen. Wenige Wochen vor dem Full Force war der Freitag für mich selbst eher Headliner-frei. Dann wurde jedoch als letzte Bestätigung eine relativ lokale und relativ kleine Band ins Line-Up aufgenommen. Dabei handelte es sich um die noch relativ unbekannten, aber sehr, sehr, sehr starken GROOVENOM.


Foto von Dr. DK

Somit bekam der Opening-Act, die Entjungferer des With-losen Full Force, um 14 Uhr am ersten Tag des Events den Charakter eines persönlichen Mainacts. Und wie? Zu recht! GROOVENOM reißen die Tent-Stage ab: Circlepits, Crowdsurfing und Moshpits nach nur wenigen Momenten.

Frontmann Mr. Sanz und seine Jungs verabschieden sich gleich zu Beginn von dem, was sie einmal waren und bleiben dabei auch komplett konsequent. Alle Songs des Auftritts kommen vom neuen Album „Wir müssen reden“. Ein Album, das auf herausragend geschickte Weise tiefe und ursprüngliche Emotionen mit starkem und mitreißendem Metal verbindet. Der alte Trancecore weicht einem neuen Industrial Metal – durch seine Eingängigkeit und Mitsingbarkeit und nicht zuletzt mittels nun ausschließlich deutscher Sprache auch durch Verständlichkeit direkt in Verbindung mit der Psyche des Zuhörers.

Ich versuche mich erst gar nicht in zum Scheitern verurteilter Objektivität: GROOVENOM, ich liebe euch! Danke für diesen wohl grandiosesten Festivalauftakt meiner längst nicht mehr ganz jungen Festivalgeschichte. Schon jetzt ist das Full Force 2019 ein Erfolg – fast schon egal, was da noch kommen mag!

Was da kommt, ist eine halbstündige Pause. So ruhig wie jetzt sollte die Stadt aus Eisen nicht so bald wieder werden. Zeit zum Durchatmen, bevor es emotional weitergeht. LANDMVRKS aus Frankreich – zum ersten Mal auf dem Full Force – gehen mit mächtiger Basslast und einer relativ hohen Shouting-Stimme zu Werk. Das Zelt ist voll und durchaus laut, wenn die Singalongs aus unzähligen Kehlen ertönen. Während Florent Salfatis Stimme in ziemlich keifender Hardcore- bis Post-Hardcore-Art meinen persönlichen Geschmack weniger trifft, überrollt die instrumentale Gewalt das Publikum regelrecht. Das macht Spaß und auch Laune, noch mal in das aktuelle Album „Fantasy“ hineinzuhören.

Dann wird die Main-Stage, Mad Max Stage genannt, eingeweiht. Deutlich gigantischer als im Vorjahr umfasst ihr Einzugsbereich die Flächen der beiden größten Bühnen aus dem Vorjahr. BLEEDING THROUGH haben die Ehre. Erst 2018 wiedervereint, spicken die Orange-County-Guys ihren Metalcore mit Elementen aus Death und Black Metal. Was mit einem geschickten Händchen zu eindrucksvoller Musik verschmelzen könnte, klingt hier in meinen Ohren tendenziell eher unausgegoren. Nichtsdestoweniger will ich die härteren Parts lobend erwähnen und ermutigen, ins neue Album „Love Will Kill All“ reinzuhören.


Foto von Dr. DK

Zwischen den Bühnen und den kolossalen Stahlgerippen der Tagebaumaschinen bietet das Infield des Full Force viel Platz für allerlei Leckereien. Von leckeren Cocktails bis zu bunten Gemüsepommes, von reichlich Bier bis hin zu klassischer ostdeutscher Nudelsoße. Die Optionen sind vielseitig und lecker, wenn auch meist nicht ganz günstig.

Im Anschluss an BLEEDING THROUGH beginnt auf der ganz neuen Bühne am Strand, der Medusa Stage, der von Doom und Black Metal beeinflusste Melodic Death Metal von WOLFHEART. Ja, so richtig richtiger Metal – ganz ohne Core! Gewaltig, gekonnt, atmosphärisch, tief, gefühlvoll, überwältigend. Die Finnen hüllen den paradiesisch-sommerlichen Strand in einen Geräuschrausch der Dunkelheit, ohne dabei einen Millimeter fehl am Platz zu wirken. Die einlullende, zugleich subtil einschleichende und brutal überrumpelnde Präsenz von WOLFHEART hält mich von TO THE RATS AND WOLVES fern, die ich dann allerdings doch nicht gänzlich verpassen mag. Die 2018er Platte „Constallation Of The Black Light“ von WOLFHEART merke ich mir aber unbedingt noch, bevor ich wieder die Bühne wechsele.

Im Zelt geben TO THE RATS AND WOLVES alles. Das klingt überwiegend tatsächlich energetischer als die neue Platte „Cheap Love“ vermuten lassen würde. Der musiklose Gesang, der einen der letzten Songs einstimmen soll, offenbart dann aber doch die sehr limitierten stimmlichen Qualitäten, die sich einst noch ziemlich angenehm in die elektronisch-metalcorigen Klänge fügten, für den heutigen Poprock aber nicht ausreichen. Den Wandel der Band respektierend verabschiede ich mich von der Truppe aus Essen und für heute auch vom Infield.

Während des Rückwegs begleitet mich noch der Metalcore von ANY GIVEN DAY, die zuletzt mit „Overpower“ überzeugen konnten. Das war schon mal eine wirklich gelungene Portion Festival, das gleich zu Beginn mit GROOVENOM einen noch nicht sehr bekannten, aber schon enorm überzeugenden Höhepunkt erleben durfte. Prost und bis morgen!


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