29.06.2019, Ferropolis, Gräfenhainichen

Full Force 2019, Tag 2: Hitzefrei in Ferropolis

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 04.07.2019

Gestern (Bericht von Tag 1) öffnete die wunderschöne Halbinsel-Stadt Ferropolis ihre eisernen Pforten. Hinein strömte das Core- und Metal-Volk, um sich am starken Line-Up, der beeindruckenden Kulisse und den vielen Speisen und Getränken zu erfreuen. Heute folgt der zweite Akt des Full Force Festivals 2019: Hitzefrei!

Die Sonne hat sich an diesem schönen Tag vorgenommen, ordentlich zu übertreiben. So muss das beinahe kochende Bier dem schnöden, aber das Überleben sichernden Wasser weichen. Es fließt durch die Kehle, es sitzt in dem Handtuch, das schützend auf dem Kopf liegt und es rinnt, aus Blumenduschen gespritzt, den Körper hinab. So vergehen die Stunden des Tages und ich leide. Habt Mitleid, verdammt! Ich komme aus dem Norden! Ab 30 °C fallen wir hier in Schockstarre!

Nicht einmal für einen Besuch bei HARAKIRI FOR THE SKY reicht es, die sicherlich gerade den grell leuchtenden Sand vor der Strand-Bühne in finstere Post-Black-Metal-Dunkelheit tauchen. Tauchen klingt gut. Tauchen unter Eis. Aber dafür müsste man sich bewegen. Und woher das Eis nehmen? Ich glaube, die Sonne hat mein Gehirn verbrannt. Abend, ich bitte dich, nähere dich schnell!

Auch wenn die Sonne noch nicht untergegangen ist und ich noch immer eine Ahnung von Sahara auf meiner vertrockneten Zunge spüre, zwinge ich meine glühenden Füße wieder in die Schuhe und den Gerstensaft in meinen Magen, um mich auf die Insel zu begeben – dem verlockenden Krach entgegen.


Foto von Dr. DK

Dort powern SMOKE BLOW gerade ihren Heavy Hardcore durch das Zelt. Für den Einstieg in den Abend kann man da gerne mal ein paar Songs mitnehmen. Ein aktuelles Album gibt es nicht. Aber das ist auch scheißegal. Mit einer entspannten, aber groben bis rüpelhaften Oldschool-Coolness rocken sich die Kerle, die sicher unser aller Väter sein könnten – sie haben aufgrund ihres hohen Alters sogar schon mit dem Joggen bekommen – groovig und punkig bis stonernd in die jungen Publikumsherzen.

Aber jetzt reicht es auch, schließlich will ich ALCEST nicht ganz verpassen. Die ziehen derweil das Strandpublikum in ihren Bann. Am Ufer herrscht eine fließende, ruhige, geradezu beruhigende Stimmung, die kaum eine bessere Kulisse hätte finden können. Der See und seine in der Abenddämmerung treibenden Menschen sind das perfekte Bild für die Post-Metal-Klänge aus Frankreich. Eine Art besserer Gegenentwurf zum oberflächlichen Feelgood-Chillout-Elektro der Sommercharts. Wie könnte ich anders, als das 2016er Album „Kodama“ von ALCEST empfehlen? Rührend schön!

Aber bevor wir uns in Knabenabend-Sonnenuntergangsträume-Romantigasmen ergehen, lasst uns doch zur Mainstage wechseln. Dort dreht nämlich in gewohnt verrückter Weise Deutschlands meiste Band der Welt durch: KNORKATOR! Gleich zu Beginn startet Sänger Stumpen zu stimmlichen Extrem-extrem-Höhenflügen, bevor alles „Kurz und klein“ geknüppelt wird. Ganz schön „Böse“! Mehr als ein „Alter Mann“ geht da auf der Bühne ziemlich ab und verteilt Kräuterschnaps an die nächste Generation. „Jubel!“
Dann eine „optische Anekdote“ mit Piratenflagge und Kanone, bevor Gastsänger RUMMELSNUFF von seiner eigenen Scheiße verfolgt wird. Mann kann Fake-Keyboarder und Sänger Alf Ator und seine Kollegen einfach nur lieben! Jetzt aber „Zähneputzen, pullern und ab ins Bett“, bevor wir alle sterben müssen! „Tod! Tod! Tod! Tod! Tod!“

Tod? Ein Thema, bei dem mir kein Ausweg bleibt, als mich der Religion zuzuwenden. Also begebe ich mich an den Strand zum Beten: Good Lord, ich danke Euch für den Gospel! Ich danke Euch für den Black Metal! Und ich danke Euch für ZEAL & ARDOR! Was Manuel Gagneux und seine Band da immer wieder auf die Bühne bringen, ist so viel mehr als ein Konzert, dass jede Beschreibung nur scheitern kann im Angesicht seiner überragenden Großartigkeit. Geht zu einem Konzert der Band und erlebt die beste Musik der Gegenwart oder lasst es sein! Ich sehe mich nicht dafür verantwortlich, irgendwen zu missionieren. Aber ich rate euch, „Stranger Fruit“ zu hören! Pure Kunst und dennoch zugänglich! Good Lord, mach, dass ZEAL & ARDOR in Zukunft oft in meiner Nähe spielen werden! Danke Good Lord! Danke Dark Lord! Amen!

Selbst, wenn ich wollte, wäre es mir nach diesem höchsten aller Hochgenüsse weitgehend unmöglich Schlumpfines Melo-Death-Kapelle ARCH ENEMY viele positive Worte zu widmen. Flammen! Grünes Licht! Nichts daran klingt falsch, sodass einem Reinhören in die aktuelle Platte „Will To Power“ nichts im Wege steht. Beeindrucken kann mich persönlich dieser Headliner auf der mächtigen Mad Max Stage aber nur sehr begrenzt und so sage ich nach einem langen Tag und von der Hitze geschwächt: Gute Nacht!


Foto von Dr. DK

Leider muss ich vermelden, dass der dritte Tag des Full Force 2019 noch viel, viel, viel heißer war als dieser zweite, sodass schon vor dem Frühstück jeder Tropfen Flüssigkeit in meinem Körper verdampft war. Trockenrisse öffneten den Boden und ein Lavastrom riss mich mit sich. Leider spühlte er mich fort von Ferropolis, sodass ich vom letzten Tag des Full Force Festivals nicht berichten kann. Es tut mir leid, aber mein Hirn hat eine Arbeitshöchsttemperatur – und die war leider um viele, viele Grad Celsius überschritten. Also: Hitzefrei!

Was mir an dieser Stelle aber zu erwähnen bleibt: Das Full Force konnte auch 2019 wieder voll überzeugen. In vielen Details sogar mehr als im Vorjahr. Wenn sich Core also nicht völlig abseits eures Geschmacks bewegt, kann ich einen Besuch auf der Ferropolis-Insel zur richtigen Zeit nur empfehlen: vorzugsweise während des Full Force 2020! Ich jedenfalls komme wieder! Danke für alles!


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