06.07.2019, Bäckerberg, Scharnstein

Sick Midsummer 2019 - 10 year anniversary

Text: Anthalerero | Fotos: Anthalerero
Veröffentlicht am 11.07.2019

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Auch 2019 lassen wir es nicht aus, das schönste Festival Österreichs: Das Sick Midsummer! In diesem Jahr feiert das familiäre Festival im Vierkanter am Bäckerberg, vor der malerischen Kulisse des oberösterreichischen Berglandes, sein 10-jähriges Jubiläum. Grund genug, sowohl für Stormbringer, ein weiteres Mal die Expedition auf den Bäckerberg auf sich zu nehmen (Baustellen, Umleitungen und spontane Straßensperren auf Schleichwegen, zwecks Einrichtung eines Dorffestes, inklusive – Ortskundige sind hier eindeutig im Vorteil!), als auch für die Veranstalter, sich ein weiteres Mal nicht lumpen zu lassen. Man könnte sich natürlich an dieser Stelle mokieren, dass ein Jubiläums-Lineup gerne mit richtigen Krachern um die Ecke kommen kann – doch am Sick Midsummer ist man vorrangig wegen der wunderbaren Atmosphäre und des runden, krawallastigen Gesamtpakets, nicht wegen einer einzigen zugkräftigen Band. Dass genau das funktioniert, das bewiesen die Zuschauer selbst, die auch in diesem Jahr wieder pflichtbewusst und in Scharen am Bäckerberg einfielen, sodass sich das Festival bereits am frühen Abend das „ausverkauft!“-Schild an den Zaun tackern konnte.


Anders als bei vielen anderen Festivals, wo zu Beginn des Programms in der Nachmittagshitze bestenfalls ein klägliches Häufchen unlustig vor der Bühne lungert, herrscht am Bäckerberg schon traditionell bereits bei den ersten Bands reger Zuspruch im Innenhof. Darüber konnten sich auch die heimischen RICHTHAMMER freuen, die augenscheinlich nicht nur beim Berichterstatter (seit dem Böller den Bauer) einen Stein im Brett hatten (wer DIESEN Insider jetzt versteht – Respekt!), sondern auch beim aufmerksam lauschenden Publikum. Aufmerksamkeit brauchte es dann bei den Niederösterreichern auch, denn wiewohl der Vierer mit außergewöhnlichen Outfits die Blicke auf sich zog (das geweihartige Konstrukt auf dem Rücken von Sänger Flo sorgte bei den deutschen Kollegen für sichtliche Verwirrung), so tötete der leider wirklich unterirdische, dröhnende und komplett übersteuerte Sound die musikalische Performance mit Vollendung. So einen dermaßen grottigen Sound hat wirklich keine Band, die sich am Nachmittag bei gefühlten 100° im Schatten die Seele aus dem Leib spielt, verdient.

Zwar etwas klarer Abgemischt, aber noch immer viel zu laut, walzten hernach die aus dem Süden Österreichs auf den Bäckerberg gereisten NORIKUM die Zuschauer im zwischenzeitlich gut befüllten Innenhof platt. Rasender Todesmetall mit einem deutlich corigen Einschlag, überzeugend und mit großen Enthusiasmus dargeboten, fiel beim Publikum, das alsbald mit seinen Haarpropellern für Umluft im zwischenzeitlich zum Backofen umfunktionierten Hof sorgte, auf fruchtbaren Boden. Trotz erheblichen Abrissfaktors konnte man sich über die komplette Spielzeit, vor allem auch wegen des Sounds, der dem Detailreichtum generell nicht zuträglich war, einer gewissen Eintönigkeit nicht erwehren. Doch die Besucher störte das nicht – es schädelte sich kurzerhand hingebungsvoll die Rübe weg.



RICHTHAMMER

Mit KULT gab es im Anschluss klassischen Schwarzmetall auf die Rübe – zwar nur mäßig originell und unterm Strich eher generisch, konnten die Italiener aber auf dem Bäckerberg mit ihrem schmissigen Liedgut gut landen. Vielleicht präsentierten sich KULT im Riffing etwas generisch, doch die gewisse Vorhersehbarkeit der Songs ließ einen wunderbar das Hirn abschalten und sich zur Essenz klassischen Black Metals die Rübe wegpusten. Der schrammelige, oldschoolige Sound, (gut die Lautstärke hätte ein bißchen geringer ausfallen dürfen) gepaart mit infernalischem Geschrei funktionierte einfach, sodass sich die Italiener über ordentlichen Zuspruch und gefälligen Applaus freuen konnten.

Die momentan schwer angesagten DEATHRITE waren als nächstes an der Reihe und konnten sich entsprechend mit ihrem geradlinigen, aber dennoch überraschend facettenreichen, irgendwo zwischen fiesem Black und räudigem Thrash angesiedelten Sound, beim Publikum beliebt machen. Dass der generelle Sound sich zwischenzeitlich nicht wirklich gebessert hatte, störte am frühen Abend schon kaum jemanden mehr – während draußen das Sold Out verkündet wurde, ging es im Innenhof bei DEATHRITE entsprechend heftig rund, da die rotzigen Songs der Dresdner die Zuschauer genau richtig zu motivieren mussten. Unterm Strich muss man die derzeitige Begeisterung um DEATHRITE vielleicht nicht unbedingt teilen, doch angesichts der durchaus enthusiastischen Reaktionen mancher Zuschauer, ist der derzeitige Erfolgslauf der Dresdner dennoch nachvollziehbar.

Ein weiteres Opfer des Sounds (zuletzt hatte man derartig infernalischen Krach am Bäckerberg 2016 vernommen, als SECRETS OF THE MOON im Soundgebräu absoffen) waren hernach die polnischen BLAZE OF PERDITION, die eine leider tragische Geschichte mit Österreich verbindet. 2013 verunfallte der Van der Band in Niederösterreich, wobei ein Bandmitglied ums Leben kam und Sänger Sonneillon schwer verletzt wurde. Seitdem behelfen sich BLAZE OF PERDITION (wie auch an diesem Abend) bei ihren doch eher raren Auftritten häufig, indem die Saitenfraktion den Gesang übernimmt. Das mag auf der Bühne durchaus wirklich stark rüberkommen – doch von den Feinheiten der episch-ausladenden Titel der Polen kam an diesem Abend am Bäckerberg kaum etwas an. Sämtliche Details der überlangen Epen, die BLAZE OF PERDITION im Verlaufe ihres 50-minütigen Sets zum Besten gaben, litten unter dem suboptimalen Sound, sodass man, trotzdem sich die Polen über lauten Applaus freuen konnten, den Gig letztendlich nicht wirklich genießen konnte.

Einzig der Abrissbrigade BEHEADED kam der wummernde Sound entgegen, denn das Brutalo-Gegurgel der aus Malta stammenden Band bestand hauptsächlich aus stumpfem, im Uptempo dahinratterndem Geprügel, dass einem den Denkapparat einmal konsequent auf links wendete. Manchmal ist stumpf schlichtweg Trumpf – ein zugegebenermaßen ausgelutschter Spruch, der aber auf BEHEADED passte, wie die Faust aufs Auge. Fast eine ganze Stunde Geprügel satt – was will der geneigte Freund derbster Todesmetallischer Klänge eigentlich mehr? Keine langsamen Passagen, keine Müdigkeit, keine Gnade! BEHEADED schlugen den Zuschauern derart mit dem Vorschlaghammer in die Fresse, dass es eine Freude war – passend dazu stemmte einem der Sound bei vollem Bewusstsein die Beißer aus der Kauleiste, während danach die Reste des Kadavers von den Ketten des musikalischen Panzers zu Matsch verarbeitet wurden.



NORIKUM

Wer nun noch nicht ertaubt war, dem schwante beim Intro von BETHLEHEM übles. Die Band, die bereits 2015 einmal am Bäckerberg spielen hätte sollen, sich aber dann temporär auflöste, holte an diesem Abend ihren Auftritt am Sick Midsummer nach – und setzte erst einmal das Intro komplett in den Sand. Doch – Überraschung – trotz infernalischer Lautstärke, präsentierte sich der Sound bei BETHLEHEM kristallklar und differenziert! Es geht ja doch! Der verschrobene Stil der Kult-Truppe konnte die Zuschauer vom Fleck weg in seinen Bann ziehen und sorgte dafür, dass im proppenvollen Innenhof die Matten nur so flogen. Wobei die Atmosphäre bei BETHLEHEM fast ausschließlich der absolut überzeugenden akustischen Performance zuzurechnen war – denn von den Musikern auf der Bühne sah man über weite Strecken so gut wie gar nichts. Quasi überhaupt kein Bühnenlicht zu verwenden, kann man schon mal machen – allerdings wäre es manchmal doch ganz schön gewesen, zumindest die Quelle der qualitativ hochwertigen Klänge ausmachen zu können. Doch was solls: BETHLEHEM lieferten, dem oft strapazierten und im Vorjahr endgültig gebrochen schienenden Headliner-Fluch zum Trotz, einen verdammt starken Gig ab, der die zahlreichen erschienenen Fans vollauf zufrieden stellte.

Warum der Fluch der letzten Band hier wieder erwähnt wurde, das zeigte sich bei NOCTE OBDUCTA, die über die „Ehre“ das Festival abschließen zu dürfen, schon nicht so ganz glücklich waren. Dass dann an diesem Tag wirklich alles schiefgehen sollte, was nur schiefgehen kann, das wünscht man jedoch keiner Band. Waren NOCTE OBDUCTA bereits im Vorjahr ihres Keyboarders verlustig gegangen und müssen seitdem ohne selbige Live-Besetzung auskommen, so setzten am Bäckerberg noch erhebliche Umbauprobleme, ein geliehener Gitarrenverstärker, ein vor dem Gig seine Seele aushauchender Bass-Amp, sowie eine aus dem (größtenteils unverschuldeten!) Umbauchaos resultierende Spielzeitkürzung um ganze 20 Minuten dem Ganzen noch die Krone auf. Die lähmend lange Wartezeit zog dann leider so einige ermüdete Besucher aus dem Innenhof ab, sodass NOCTE OBDUCTA mit einem deutlich zusammengeschmolzenen Publikum ihr Auslangen finden mussten – aber dafür einen derart energiegeladenen, aggressiven Gig in die Nachtluft stellten, dass einem schier die Luft wegblieb. Zwar „nur“ eine Stunde, doch die Kraft und Atmosphäre die die Truppe um Sänger Marcel auf der Bühne entfesselte, indem sie ihren verständlichen Groll über die Umstände einzig und allein in ihre Musik und ihre Performance legte, zeugte von einem Höchstmaß an Professionalität, das vom Publikum auch entsprechend honoriert wurde – zumal auch der Sound hier endlich sowohl brauchbar, als auch weniger infernalisch laut war. Großen Respekt an dieser Stelle für NOCTE OBDUCTA, die trotz der Umstände ein spätes Highlight und einen großartigen Abschluss des Festivals darstellten.

Doch halt – der eigentliche Abschluss des Festivals fand am geschotterten Hof, mit Blick über den Obstgarten und das atemberaubende Nachtpanorama der Bergwelt statt, wo zu später Stunde die Feuerkünstler von FERRO INIQUE noch einmal das Blut in Wallung brachten. Wer, in diversen Aggregatszuständen, noch stehen, sitzen oder zumindest kriechen konnte, verfolgte Fasziniert die diversen brennenden, durch die Nacht wirbelnden Utensilien, mit denen FERRO INIQUE präzise hantierten. Dass der Wettergott hierbei, trotz angesagter Gewittergefahr, erneut seine schützende Hand über das Sick Midsummer hielt, und damit diesen stimmungsvollen Abschluss erst ermöglichte, passte wie die Faust aufs Auge zum Ambiente dieses wunderbaren Festivals.
 

Es war schon spät in der Nacht, als auch das kleine Schreiberlein, nach seinem Zwischenstopp beim Blood Moon und der rechtzeitigen Rückkehr zum krönenden Abschluss des Festivals, seinen fahrbaren Untersatz wieder vom Bäckerberg gen Heimat steuerte. Dass dabei mehrere Rehe von der Straße gescheucht werden mussten, sowohl ein Fuchs und ein Dachs mit gemächlicher Ruhe den Weg querten, als auch beinahe ein panischer Feldhase überfahren wurde, legte ein weiteres Zeugnis von der ländlich-idyllischen Atmosphäre ab, für welche das Sick Midsummer zwischenzeitlich bereits über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt ist. So wird sich Stormbringer auch bei der Elften Auflage wieder frohen Mutes am Bäckerberg einfinden, um die Seele in der Natur baumeln zu lassen, sich mit hausgemachtem Kuchen vollzustopfen und den Schädel zu angenehm kontrastierendem Krawall kreisen zu lassen. Ein Hoch auf das schönste Festival Österreichs!

(Leider können wir euch dieses Jahr aufgrund ungünstiger Umstände nur mit Fotos der beiden österreichischen Opener RICHTHAMMER und NORIKUM versorgen. Wir geloben Besserung und eine vollständige fotografische Berichterstattung fürs nächste Jahr!)


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