31.07.2019, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken Open Air 2019 - Chroniken des Krachs - Kapitel 1

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 06.08.2019

Zwei Tage lagerte die mächtige Armee der Metalheads schon auf den fast noch grünen Wiesen, die sich um die heiligen Stätten des jubilierenden Krachs erstreckten. Unentwegt trafen weitere treue Krieger ein, um sich zum 30. Mal den zahlreichen Freuden und Gefahren zu stellen, die der heilige Acker zu bieten hat. Wie gewohnt teilt sich die Region in verschiedene Areale: Dazu gehören die Weiten der Faster-Felder, des Harder-Territoriums und des Louder-Landes, die aber erst mit höherem Erfahrungslevel freigeschaltet werden. Am dritten Tag des alljährlichen Treffens der dunklen Streitkräfte öffnen sich zunächst die Pforten zum großen Doppel-Dungeon, dem Zelt mit Headbanger- und W.E.T-Stage, dem mittelalterlichem Wackinger Village, dem endzeitlichen Wasteland und dem Garten des Gerstengetränkgenusses. Erstmalig wird in einen weiteren Dungeon geladen, der den Titel History-Stage trägt und aus der ersten Bühne des Wacken Open Air vor 30 Jahren besteht – eine Freude für Nostalgiker.

Für mich, Eure Elfenprinzessinchronistin, beginnt der dritte Tag des alljährlichen Ackeraufenthalts stets mit einer Reise. Geschwächt von den intensiven, bereits geschlagenen Schlachten gegen die überwältigenden Getränkemassen und dem Wasserfall, der durch einen bösen Zauber inmitten meiner Schlafstätte materialisierte, schleppen sich meine müden Füße … ich meine selbstredend … tänzeln meine federleichten Schritte Reselithia entgegen, dem Ort, an dem die ehrwürdigen Diener der Metalheads (Artists, Staff, Presse usw.) ihre Zugangsberechtigung zum Heiligtum erhalten. Ein beschwerlicher Marsch, den mir glücklicherweise ein mechanisches Reittier erleichterte.

Zurück an der Lagerstätte meiner Heldentruppe, traf auch die vorübergehende Verstärkung ein: ein Paar lokal ansässiger Halbriesen – sie eine Königin mit hellem, langem Haar, das selbst eine Elfenprinzessin neidisch zu machen vermag, und er ein Schallmagier höchsten Grades. Ihre Hilfe dabei, den Wasserfall aus meiner Schlafstätte zu entfernen, war ein willkommenes Geschenk, das ich mit Trank und Dank quittierte.

Sie begleiteten mich auf meinem Weg zu den heiligen Ländereien, wo wir wieder auf die anderen Helden meiner Gruppe stießen. Sie berichteten bereits von ihren ersten Schlachten. So waren sie bereits in den Kampf gegen das Monster КОМА gezogen. Dieses Ungetüm präsentierte sich im History-Dungeon und besaß die Waffen des Thrash und der Progressivität. Geschichten von Ska und Folk klangen nach Freude, die wohl aber sehr endlich war, da diese Elemente zu früh wieder verschwanden und einem eher durchschnittlichen zweiten Part den Nachklang überließen. So forderte der Spezialangriff Saxofon-Solo die Kämpfer noch sehr, doch am Ende sei der Name КОМА leider eher zum Programm geworden, wie Beeroy Hankins beteuerte – vielleicht war er aber auch einfach zu imba für das russische Ungetüm. (2015er Album: „Ремиссия“)

Überschattet wurde dieser erste Kampf aber von den Erfahrungen, die meine vier Mitstreiter mit einem weiteren Monstrum machten. Ihre Begegnung mit DIRTY SHIRT, einem grausam entstellten Bastard aus Folk, Industrial und Metalcore mit mehr als zehn Köpfen, bezeichneten sie bereits zu diesem Zeitpunkt einstimmig als einen der absoluten Höhepunkte der diesjährigen W:O:A-Questreihe und behielten diese Bewertung bis zuletzt geschlossen bei. Die Energie, die DIRTY SHIRT auf die Krieger losließ, sei überwältigend gewesen und habe sie alle in ihren Bann gezogen. Begeisterte RUSSKAJA-Vergleiche kamen auf für das spitzzahnige Wesen aus Transsylvanien und eine Träne befeuchtete meine Wange, diese außergewöhnliche Schlacht der Glückseligkeit verpasst zu haben. (2019er Album: „Letchology“)


(c) ICS Festival Service GmbH

Dann aber sollte ein Biest namens KATLA auf den Plan treten. Meine Studien hatten es mir präsentiert als wundervoll entrückten Geist von post-metallischer Natur. Doch dabei kann es sich nur um Fehlinformationen gehandelt haben. So wurde die Zeit im History-Dungeon zu einem chaotischen Durcheinander, das unter Lautstärke und unvorbereiteten Heroen litt. Schnell wurde diese Schlacht wieder verlassen und anderen überlassen.

Im Wasteland traf die vollständige Heldentruppe auf einen Unhold namens GAMA BOMB. Er war schnell und eher etwas schwach auf der Brust, hatte aber einen gewaltigen Spezialangriff namens Falsett. In höchsten Tönen werden dabei die Trommelfelle angegriffen. Bald schon fassten die Heroen diesen Unhold als besiegt auf und entfernten sich wieder. (2018er Album: „Speed Between The Lines“)

Einige aus unserer Kampftruppe wollten sich der außerirdisch-britischen Oldschool-Gefahr namens UFO stellen, aber der überfüllte Zelt-Dungeon wurde wegen eines nahenden Unwetters evakuiert. Die meisten Metalheads spotteten natürlich über die wenigen Regentropfen, die kleinen Blitze und das leise Donnern, aber heimlich dankten sie auch den Wettergöttern für die Gnade, dass sie das laut Berichten gewaltige Gewitter knapp an Wacken vorbeiziehen ließen.

Die Truppe füllte unterdessen gemeinsam mit dem schallmagischen Halbriesen ihre Lebens- und Pegel-Energien im Wackinger-Dorf wieder auf. Es gab Metbier und Handbrot, die leider nicht recht glücklich machten, für die angeschlagenen Recken. Da konnten Wackingerblut und Raclettekäse mehr überzeugen.

Plötzlich begann ein Thrash-Monster ungezügelt auf die armen Bewohner des Wastelands einzuprügeln. CRISIX war wild, zerstörerisch und voller Energie. Unsere Mage of Mind Dr. DK eilte sofort zur Hilfe. Der Rest der Heldentruppe folgte, aber die Magierin blieb uneinholbar und auch unauffindbar, obwohl der Halbriese mich, die Elfenprinzessin, auf die Schultern nahm, sodass ich über den Köpfen des Heeres schwebte. Auch über den Köpfen schwebte das vollständige Drumkit samt Drummer Javi Carrión. Während Dr. DK später voller Begeisterung vom spanischen Thrash sprach, waren wir anderen nicht viel mehr als angenehm ungelangweilt. (2018er Album: „Against The Odds“)

Zum Ende des Tages drohte noch eine ziemlich andersartige Gefahr. THE SINDARELLAS waren ungewöhnliche Wesen, die das Wackinger-Village heimsuchten. Sie traten in Begleitung sogenannter Cover-Musiker in Erscheinung und weckten durch Räkeleien und Tanz bei geringer Bedeckung ihrer weiblichen Körper die Lüste der dunklen Bevölkerung. So blieb ein Teil des Volkes erregt sabbernd zurück, ein anderer eher gelangweilt. Aber immerhin, die gespielten Rock-Klassiker konnten das ein oder andere Tanzbein überzeugen, bevor es sich wieder auf den Weg zu den Schlafstätten machte, wo bei Kerzenschein und Lautenklang die Heldentaten des Tages mit Bier und Schnaps begossen wurden – Sekt für die Elfenprinzessin.

 

Die Chroniken des Krachs (Festival-Berichte zum W:O:A 2019):
Prolog
Kapitel 1 (Mittwoch)
Kapitel 2 (Donnerstag)
Kapitel 3 (Freitag)
Kapitel 4 (Samstag)


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: NIGHTWISH - Decades: Live In Buenos Aires
ANZEIGE