10.08.2019, Flex, Wien

COHEED AND CAMBRIA

Veröffentlicht am 14.08.2019

Wenn ein Headliner Konzert, wie jenes von COHEED AND CAMBRIA in Österreich schon wieder neun Jahre her ist, wird seitens des Publikums eine immense Vorfreude, aber auch Erwartungshaltung aufgebaut. Zwar gab es mit dem 30minütigen Slot auf der Vans-Warped Tour 2013 noch ein kurzes geniales Gastspiel in der Wiener Stadthalle und auch einige frühe Festival-Slots wie am Novarock 2013 und am Frequency 2016, aber bei einer Band wie COHEED AND CAMBRIA braucht es schon eine gewisse Spielzeit, damit sich das ganze Konzept entfalten kann. Und das tat es dieses Mal auch in dem für das Publikumsaufkommen von ca. 300 Leuten perfekt passende Größe des Wiener Kultclub „Flex“.

Doch zuvor gab es mit den jungen instrumentalen Progressive-Rockern POLYPHIA noch eine Überraschung, die nicht nur mich begeisterte. Wer noch nichts von dieser genialen Band gehört hat, sollte sich die witzigen Videos auf Youtube reinziehen: „40oz“, „Champagne“ und vor allem „Look But Don’t Touch“ oder das aktuelle Album "New Levels New Devils" antesten.

POLYPHIA "Look But Don't Touch (feat. Lewis Grant)"

Interessanterweise ergab meine Recherche, dass POLYPHIA bereits mit INTERVALS 2017 im Wiener „Chelsea“ gastierten. INTERVALS waren eine meiner Bandentdeckungen im Jahr 2014, als Opener für eine PROTEST THE HERO Show in der „Szene“. Riesig freute ich mich, dass INTERVALS dann 2016 bei einem ANIMALS AS LEADERS Konzert supporteten, auf dem ich wiederrum PLINI kennenlernte. Alles Bands die ich schwerstens empfehlen kann.

Und wie war das Konzert nun im Flex, wird sich jetzt vielleicht jemand fragen: Megageil! Was die vier Jungs in den 45 Minuten, die ihnen zur Verfügung standen, fabrizierten, war nicht von dieser Welt. Auch wenn ich JOE SATRIANI oder STEVE VAI gerne wieder mal live sehen möchte, POLYPHIA tragen das Erbe dieser Gitarrenvirtuosen in die Neuzeit mit modernen Sounds, vertrackten Rhythmen und eingängigen Melodien, dass nicht nur einem Gitarristen das Herz aufgeht.

Lediglich die ständigen Motivationsansagen - das klassische Fäusterecken mit Hey-Rufen - des Bassisten gingen mir teilweise auf die Nerven, aber das ist wohl ein Problem meinerseits. Weiters sein Wunsch, dass er zumindest vier Crowdsurfer bei einer der nächsten Nummern sehen will: Schwierig bei einer Menschendichte von 2-3 Leuten pro m². Auch die scheinbar witzige Aussage, dass mal alle den Text bei dem folgenden Instumentalstück mitsingen sollen, konnten die musikalisch mitreißende Performance nicht wirklich trüben. Starke Show!

Nun aber zum großen Auftritt von COHEED AND CAMBRIA, deren neues Werk „The Unheavenly Creatures“ auch stark in der Setlist dieses Abends vertreten war. Und es gab nicht wenige Fans die auch die neuen Songs lautstark mitsangen. Die Stimmung im Publikum war vom ersten bis zum letzten Moment großartig. Die verhältnismäßig kleine Bühne direkt vorm reduzierten Zuseherraum bringt einem die Band so nahe wie selten, wie es auch beim BARONESS Konzert 2016 der Fall war.

Mit Klaviertönen und dem gesprochenen „Prologue“ wurde das Publikum in ferne Galaxien gebeamt. (Ewig schade, dass ich das GALACTIC EMPIRE Konzert 2017 im „Flex“ verpasst habe). Großes Kino bot gleich zu Beginn „The Dark Sentencer“, bei dem uns COHEED AND CAMBRIA auf eine regelrechte Reise mitnahmen, was nur wenigen Bands gelingt -  zum Beispiel LONG DISTANCE CALLING 2018 im B72. Die Hey-Rufe zu Beginn konnten sogar von textunsicheren Konzertbesuchern mitintoniert werden. Die 80er Synthieklänge des Titeltracks des neuen Albums „Unheavenly Creatures“ und der für die Band typisch hymnenhafte Refrain mit den minsingkompatiblen Textzeilen „Run, run, run, run, run like the son of a gun“ verzauberten die Zuhörer schlichtweg.

Nach dem perfekten Einstieg markierte der Titeltrack vom zweiten Album „In Keeping Secrects of Silent Earth: 3“ den ersten Höhepunkt. Fantastisch der Aufbau des über acht Minuten dauernden komplexen Opus mit Publikumschorfinale, auf das der nicht minder geniale Klassiker „A Favor House Atlantic“ folgte, der ordentlich abgefeiert wurde.

Zu Ansagen ließen sich die Bandmitglieder selten hinreißen. Gitarrist Travis verlautbarte allerdings, dass sich die kurze Konzertreise nach Europa 2019 alleine wegen des Wien-Konzertes ausgezahlt hat. Nach nur vier Deutschlanddates im Frühjahr folgte eine zweite Tour mit einem Konzert in Prag am Vortag und einem Auftritt am Sziget Festival am Folgetag. Dazwischen gab es in Amerika eine erfolgreiche Co-Headliner Tour mit MASTODON, was Frontmann Claudio zu dem Kommentar verleitete, dass seine Band es nicht mehr gewohnt sei in solchen Locations wie dem „Flex“ zu spielen, es ihn aber an die Anfangsjahre der Band zurückerinnern würde. In den USA schaut es nämlich anders aus:

COHEED AND CAMBRIA Live at Stone Pony Summer Stage

Das Konzert wurde mit den aktuellen Tracks „The Gutter“ und „True Ugly“ fortgeführt, bevor mit „No World For Tomorrow“ einer der großen Hits angestimmt wurde. Vor lauter Begeisterung wurde auch ein Rollstuhlfahrer in der ersten Reihe von Fans zum Abfeiern hochgehoben, was Neobassist Zach mit einem breiten Grinser goutiere. Manch hochmotivierter Moshpitanheizer, Crowdsurfer und Stagediver zeigte zwar auch große Begeisterung, erzeugte aber auch einiges an Unmut bei manchen Konzertbesuchern.

Ein starker Song folgte nun dem nächsten: „Gravemakers & Gunslingers“, mit „Delirium Trigger“ sogar einer vom Debüt „The Second Stage Turbine Blade“, das mit genialen Akustikgitarren-Intro versehene „Mother Superior“ und der erste obligatorische Track „The Suffering“, ohne den so mancher Konzertbesucher nicht zufrieden gestellt worden wäre. Der sehr eingängige neue Song „Old Flames“, bei dem Claudio seine Gitarre auch wieder einmal abgab um nur zu singen, markierte das reguläre Finale. Durch das fehlende Instrument, der simplen Songstruktur und dem „Nanana…“-Chorus war dieser poppige College-Rock-Song, der ohne Probleme auch im Mainstreamradio gespielt werden könnte, leider nicht nach meinem Geschmack.

Zwei Stücke versprach dann Claudio noch in der Zugabe und man durfte vielleicht auf ein weiteres „altes“ Meisterwerk hoffen, was leider mit „The Pavilion“ nicht erfüllt wurde, aber okay ging. Wenig überraschend kündigte sich dann das mit dem „Kashmir-Gedächtnis-Riff“ versehene Opus Magnum „Welcome Home“ an, auf das auch ein Jimmy Page stolz wäre. Unglaublich, welche Energie dieser Song zum Schluss noch freisetzte und richtig fett aus der Anlage des „Flex“ dröhnte. Vor allem die dominanten Drums von Joshua bliesen einen noch richtig um und hinterließen ein geplättetes und höchst erfreutes Publikum.


WERBUNG: Mass Worship – Mass Worship
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE