14.08.2019, Summer Breeze Festivalgelände, Dinkelsbühl

Summer Breeze Open Air 2019, Mittwoch, 14. August

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 24.08.2019

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Über die Vorboten einer jährlichen Pilgerfahrt

Das Summer Breeze Open Air hat in gewisser Weise etwas Magisches an sich. Nicht nur, dass man in vier Tagen harter Dauerbeschallung den Irrsinn und die Schwere der Welt um sich herum vergessen kann. Oder dass man wie aus Zauberhand mit einem adretten (wenn auch nicht immer von außen sichtbarem) Dauergrinsen gesegnet wird. Nein, selbst im Vorfeld eines der größten deutschen Festivals greift die Aura des Metal-Symposiums um sich. So führte mich der festinstallierte Verkehrsstau auf der Rückreiseroute meiner gelegentlichen Kaperfahrten bereits eine Woche vor unserer Anreise an besagtem Acker vorbei und ließ meine Vorfreude auf unsere jährliche Pilgerfahrt steigen. Auch auf meine mobilen Endgeräte schien diese Vorfreude überzugreifen, denn wie sonst sollte ich es mir erklären, dass mein Dienstfunker urplötzlich und mitten im Gespräch über hochoffizielle Sachverhalte den Bluetooth-Dienst quittierte und meinem Geschäftspartner, der natürlich weiterhin in der Leitung blieb, stattdessen eine gepfefferte Ladung PAGANIZER um die Ohren schmetterte. Nach dem erfolgreichen Versuch, die Verbindung zur Freisprecheinrichtung erneut aufzubauen, erklang der hörbar amüsierte Satz: "Datt klingt ja, als stünden Sie direkt beim Wacken vor der Bühne!" - Fast...

Mittwoch, 14. August 2019

Nachdem wir wie jedes Jahr unseren halben Haushalt umquartiert haben (wir leben sozusagen in einem Zoo), machen wir uns auf die Reise ins mittelfränkische Dinkelsbühl und damit zum Austragungsort der jährlichen Metal-Festspiele. Ganz zu unserer Freude und Erleichterung läuft alles wie am Schnürchen und wir unterbieten noch die Zeit unseres Reiseführers (dass man so etwas im Transit- und Baustellenland Deutschland überhaupt noch erleben darf). Nach dem Check-In in unserer Bleibe machen wir uns direkt auf den Weg zum Ort des Geschehens. Aufgrund der noch laufenden Anreisen und Check-Ins schaffen wir es nicht mehr zur alljährlichen Eröffnung durch die BLASMUSIK ILLENSCHWANG. Immerhin hören wir noch vom Parkplatz aus die Bläser und treffen auf unserem Weg zum Eingang diverse Musiker des Ensembles an - so nah waren wir in fünf Jahren Summer Breeze noch nie dran, den Eröffnungsakt zu erleben. Auf dem Acker angekommen, atmen wir erst einmal tief durch, machen uns auf Nahrungssuche und lauschen den letzten Songs der einheimischen Death Metaller ENDSEEKER, die die diesjährige Wera Tool Rebel Stage eröffnen.

NAILED TO OBSCURITY

Nach diesem Einstand entern NAILED TO OBSCURITY die T-Stage. Sänger Raimund Ennenga grunzt zum Soundcheck fortwährend "Biiiieeeeer!" ins Mikro (ja gebt doch dem Mann sein Bier, Herrschaftszeiten!). Und während ich mir ein solches besorge, wird das Wetter zusehends freundlicher und entschädigt die Ostfriesen für ihre Badetour 2015. Das Infield ist etwa zur Hälfte gefüllt, die Band ist gut aufgelegt und liefert einen starken Auftritt ab. Die meisten Besucher sind noch nicht ganz warmgefahren, doch werden die Hörner bereitwillig gen Himmel gereckt und auch die ersten Partylöwen sind bereits am Start. Zu "The Aberrant Host" vom aktuellen Album "Black Frost" wird getanzt, auf der aufblasbaren Gitarre mitgeklampft und ein erster Gast entblößt sich bis zur Unterhose - Festivalfeeling macht sich allmählich breit.

Setlist NAILED TO OBSCURITY:

  1. Black Frost
  2. Feardom
  3. King Delusion
  4. The Aberrant Host
  5. Tears Of The Eyeless
  6. Desolate Ruin

DEATH ANGEL

Der kurze Besuch bei den englischen Metalcorelern LOATHE bleibt in erster Linie kurz. Der heisere und TROLLFEST-würdige Gesang ist zwar irgendwie unterhaltsam, doch treibt uns das Gebräu wieder recht schnell zurück zur T-Stage, wo als nächstes die Bay Area Thrasher DEATH ANGEL auftischen. Bei den alten Hasen aus San Francisco gibt es nicht viel Raum für Überraschungen, die Herren gehen direkt, routiniert und passgenau zu Werke. Die Riffs sitzen, Mark Osegueda ist gut bei Stimme und die beiden Gitarristen Rob und Ted zersägen wieder nach allen Regeln der Kunst die Bühne. Neben Material von den jüngsten Alben "Humanicide" und "The Evil Divide" dürfen auch Songs wie "Voracious Souls" vom Debut "The Ultra-Violence" nicht fehlen. DEATH ANGEL spielen "Thrash Fuckin' Metal" und liefern ein virtuoses Geknüppel, wie man es von ihnen gewohnt ist. So ist's recht.

Setlist DEATH ANGEL:

  1. Thrown To The Wolves
  2. Claws In So Deep
  3. Voracious Souls
  4. The Moth
  5. The Dream Calls For Blood
  6. The Ultra Violence / The Pack
  7. Humanicide

INGESTED

Danach servieren INGESTED aus England eine zünftige Slammerei, die eine stattliche Anzahl von Fans anlockt. Der überdachte Bereich ist schon während des Umbaus vollgestopft und auch die gegröhlten Vorschusslorbeeren für die Brutal Deather lassen nicht auf sich warten. Nicht zu Unrecht, denn die Intensität, die die Burschen mit ihrem Highspeed-Geblaste aufs Parkett legen, hat Klasse. Technisch, brachial und knüppelhart pflügen die Engländer den Acker und erfreuen sich eines günstigen Wechselkurses von Breakdowns zu kreisenden Mähnen. Die Band will Gewalt sehen ("We wanna see violence!") und bekommt ihren Wunsch erfüllt: es wird gepogt und gemosht, sogar eine (entwendete?) Klobürste wird geschwungen. Eine kleine Nase voll Luft aus dem Moshpit zeigt an, dass der mit einer Gasmaske bekleidete Crowdsurfer sein Equipment wohl nicht ganz ohne Sinn und Verstand angelegt hat [Anm. d. Lekt.: Kausaler Zusammenhang mit der Klobürste evtl?]. Der geniale Sound auf der Wera Tool Rebel Stage rundet diesen Abriss ab.

Setlist INGESTED:

  1. Sovereign
  2. Purveyors Of Truth
  3. Better Off Dead
  4. Mouth Of The Abyss
  5. Transcendence Of Gods
  6. Invidious
  7. Skinned And Fucked

SOILWORK

Nach dieser riffgewaltigen Vollbedienung wird es wieder Zeit für etwas Melodie, die die Schweden von SOILWORK als Teil der Nuclear Blast Labelnacht gekonnt zu platzieren wissen. Der eingängige Mix aus tollen Melodien, mehrstimmigen Arrangements, auflockernden Keyboards sowie cleanem und harschem Gesang nimmt gefangen und ist nach dem brutalen Abriss auf der Wera Tool Rebel Stage genau das richtige Kontrastprogramm. Die Herren aus Helsingborg haben ihr aktuelles Album "Verkligheten" im Gepäck und sorgen für einen gut gefüllten Platz, an dem es sich die Besucher sichtlich gut gehen lassen. Zum ersten Mal am heutigen Festivalmittwoch ist im Bereich der T-Stage kein Meter Platz mehr, im vorderen Bereich sieht man eine junge Frau, die von der gut gelaunten Meute samt Rollstuhl minutenlang über die Menge getragen wird. Mit dem schleichenden Sonnenuntergang wird es zusehends kälter und so wie die Schweden die Bühne verlassen, kehrt Aufbruchsstimmung an der T-Stage ein. In dem dichten Strom von Besuchern bewegen wir uns aus dem Infield hinaus und suchen unseren Weg zur Ficken Party Stage.

Setlist SOILWORK:

  1. Arrival
  2. Like The Average Stalker
  3. Nerve
  4. Full Moon Shoals
  5. The Living Infinite 1
  6. The Nurturing Glance
  7. The Akuma Afterglow
  8. Drowning With Silence
  9. The Phantom
  10. The Ride Majestic
  11. Stabbing The Drama
  12. Stålfågel

THRON

Dort angekommen finden wir ein voll ausgestattetes Paralleluniversum samt Bühne, Essens-, Getränke- und Merchsständen vor. Als das Licht ausgeht und ein unheilvolles Dröhnen erklingt, sehe ich mich um und mir wird gewahr, dass viele dem Ruf des Untergrunds gefolgt sind. Die Band betritt in festlichem Schwarz bekleidet die Bühne und hält mit ihrer schwarzen Messe die Fahne für den spärlich repräsentieren Black Metal hoch. Das Set wird klar vom aktuellen Langläufer "Abysmal" domininiert. Leider gibt es kein Backdrop mit dem lustigen Albumcover - also muss ich mir meinen blöden Witz mit TENACIOUS Ds aufblasbarem Gemächt verkneifen. Die Jungs aus dem Schwarzwald zocken solide und erspielen sich einen stattlichen Andrang am Merchstand. Weniger erquickend ist für mich der durchwachsene Sound auf der Ficken Party Stage, die mit den "normalen" Bühnen technisch nicht mithalten kann. Trotzdem bleibt die Freude darüber, dass einer der wenigen BM-Slots in diesem Jahr an THRON mit ihrem starken Zweitwerk gegangen ist.

Setlist THRON:

  1. Purified In Fire
  2. Under A Bloodred Sky
  3. The Wrath Of Gods
  4. A Spark Of Divinity
  5. Beyond The Gates
  6. Blood Of Serpents
  7. The Shrines

MIDNIGHT

Der kleine Abstecher in die Partymeile fordert dahingehend seinen Tribut, dass wir von dem gescheiten HYPOCRISY-Gig nicht allzuviel mitbekommen und nur noch die letzten beiden Songs verfolgen können. Also geht es nach einem kurzen Besuch bei Peter Tägtgren zurück zur Wera Tool Rebel Stage, auf der nun MIDNIGHT mit ihrem unzivilisierten Black Rock'n'Roll auftreten. Wie man sieht, sind schwarze Kapuzen inklusive Gesichtserkennungs-Firewall spätestens seit MGŁA in Mode. Dank seiner beiden Live-Mitstreiter kommt die zügellose Teufelei von Bandkopf Athenar auf die Bühne - und das gekonnt. Die vermummten Schwarzheimer eskalieren auf der überschaubaren Bühne, praktizieren halsbrecherische Akrobatik und erwecken insgesamt den Eindruck, wahrhaftig vom Teufel besessen zu sein. Warum Athenar zwischendurch eine Banane ins Publikum wirft, erschließt sich genausowenig wie der Umstand, dass er zum letzten Song seinen Bass anzündet und die Nummer brandgefährlich im Publikum weiterzockt. Nach seiner kleinen Feuershow wird der Fronter crowdsurfend zurück zur Bühne transportiert und verabschiedet sich mit einem Purzelbaum von derselben - wie auch sonst? Fun Fact: paradoxerweise spielen MIDNIGHT nur bis 23:35 Uhr.

Setlist MIDNIGHT:

  1. Penetratal Ecstasy
  2. Poison Trash
  3. Black Rock'n'Roll
  4. Evil Like A Knife
  5. Prowling Leather
  6. Endless Slut
  7. Satanic Royalty
  8. Violence On Violence
  9. Lust Filth And Sleaze
  10. You Can't Stop Steel
  11. Death Scream
  12. Unholy and Rotten

ENSLAVED

Die Mitternachtsstunde gebührt schließlich den Nordmännern von ENSLAVED. Die klare Nacht über Dinkelsbühl ist inzwischen kalt geworden und wen es bis jetzt noch auf den Beinen gehalten hat, der wird mit der energiegeladenen Show der Norweger belohnt. Wenn man so will, steht die Band für den Wandel in einem eher strikt gehaltenen Mikrokosmos. Geboren in der Entstehungszeit des norwegischen Black Metal und von diesem beeinflusst, bewegten sich die Herren um Grutle Kjellson von Anfang an thematisch in eine andere Richtung und avancierten zu einer Pionierband des Viking Metal. Auf der Bühne verschmelzen die neuen, progressiven Songs wie "Sacred Horse" ("E", 2017) mit alten Stücken wie "Allfáðr Oðinn" ("Yggdrasill", Demo 1992) zu einem sinnvollen Ganzen und kommen beidermaßen gut an. Die Darbietung ENSLAVEDs schafft eine Atmosphäre, die zum Träumen (nicht zum Einschlafen!) anregt. Die Band und besonders Grutle Kjellson wirken sehr erfreut über die späte Versammlung vor der Bühne und sind um die freundliche Interaktion mit dem Publikum nicht verlegen. Das Wachbleiben hat sich gelohnt.

Setlist ENSLAVED:

  1. Ethica Odini
  2. Roots Of The Mountain
  3. Sacred Horse
  4. Havenless
  5. Allfáðr Oðinn

Nach dem ENSLAVED-Gig treten wir langsam aber sicher den Rückzug an und machen dabei noch einen kurzen Boxenstopp bei den EVIL INVADERS. Die belgischen Speed Metaller legen, wie man es von ihnen gewohnt ist, eine ekstatische Show aufs Parkett und mobilisieren zur späten Stunde noch zahlreiche Besucher. Ich würde gerne sagen, dass die Jungs um Fronter Joe auch müde Männer munter machen, doch ist man irgendwo auch nur ein Mensch. So verfolgen wir von diesem letzten Punkt unseres heutigen Wunschzettels nur noch die Hälfte und sammeln Kräfte für die folgenden Tage.


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