15.08.2019, Summer Breeze Festivalgelände, Dinkelsbühl

Summer Breeze Open Air 2019, Donnerstag, 15. August

Veröffentlicht am 25.08.2019

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Donnerstag, 15. August 2019

Der zweite Tag des Summer Breeze bricht an, am Vormittag ist der Himmel grau und es regnet - unfreundliche Vorboten an einem Tag, für den seit einer Woche Kuttenreinigung angekündigt wird. Die Prognosen reichen von "wassergebundene Apokalypse" bis zu "kurzes Donnerwetterchen mit feuchter Brise für 10 Minuten" - am Ende bleibt es glücklicherweise bei Regen am Vormittag, so dass wir schließlich alle Acts von DECAPITATED bis CRADLE OF FILTH ungewaschen zu Gesicht bekommen.

DECAPITATED

Unseren heutigen Einstand erleben wir bei den polnischen Death Metallern DECAPITATED, die zuletzt 2017 in Dinkelsbühl zu Gast waren. In den zwei Jahren zwischen ihrem letzten Besuch und dem heutigen Auftritt hatte die Band ein Martyrium durchgemacht, das mit der fallengelassenen Anklage wegen Entführung und Vergewaltigung endete. Heute meldet sich Band jedenfalls gut gelaunt zurück und zeigt sich darüber aufrichtig erfreut. Während es bei CLAWFINGER im prall gefüllten Battlefield feucht-fröhlich zugeht, versammelt sich vor der T-Stage eine überschaubare Fangemeinde, die die Polen mit einem kleinen Hexenkessel begrüßt. Rafał Piotrowskis prächtige Dreadlocks wehen im Wind und im Moshpit geht es zu wie beim Ansturm auf den einzigen Freibier-Stand im Gelände. Mit 45 Minuten ist die Spielzeit DECAPITATEDs relativ kurz, doch feiert die Band ein dementsprechend intensives Schlachtfest ab, das nach "Winds Of Creation" vom gleichnamigen Debüt ausgepowerte Fans hinterlässt. Wir für unseren Teil bereuen die Wahl der Bühne definitiv nicht.

Setlist DECAPITATED:

  1. Intro Gambit
  2. One-Eyed Nation
  3. Kill The Cult
  4. Pest
  5. Homo Sum
  6. Never
  7. Earth Scar
  8. Spheres Of Madness
  9. Winds Of Creation

KVELERTAK

Auf dem Weg zum Battlefield überzeugen wir uns kurz von den Fertigkeiten der Schwedentöter LIK, bevor wir uns vor der Main Stage versammeln und auf KVELERTAK warten. Heute erleben wir die norwegischen Freigeister zum ersten Mal mit ihrem neuen Frontmann Ivar Nikolaisen, der den bisherigen Sänger Erlend Hjelvik im vergangenen Jahr beerbte. Irgendwie wird mir zwar Erlend Hjelvik mit seiner Eule fehlen, doch macht der neue Mann am Mikro einen großartigen Job, der von Herzblut und Hingabe zeugt. Der neue Fronter schreit sich die Seele aus dem Leib, läuft rot an und präsentiert stolz seine Pulsadern. Er verschwindet immer wieder mal in der Menge, keift von Fans getragen in sein Mikro und zerreißt eine Bierdose, die er sich zuvor in den Rachen gekippt und anschließend über seinen Klamotten verteilt hat (auch so kann man eine Vorbildfunktion im Kampf gegen den Alkoholismus wahrnehmen). Zu Songs wie "Kvelertak", "Mjød", usw. lässt es sich ausgiebig feiern, was von Band und Fans gleichermaßen praktiziert wird. Zum Ende des Sets gehen Ivar Nikolaisen und Gitarrist Vidar Landa noch einmal auf Tuchfühlung, wonach Ivar Nikolaisen sein vollgesaugtes Shirt auswringt und sich das Mischerzeugnis genüsslich einverleibt. [Anm. d. Lekt.: Das... verstört mich jetzt ein wenig.] Bjarte Lund Rollands Gitarre streikt zum Schluss hin immer wieder, weswegen dieser schließlich entnervt das Feld räumt - aber geschenkt, beim letzten Takt kommt's darauf auch nicht mehr an!

Setlist KVELERTAK:

  1. Åpenbaring
  2. Bruane Brenn
  3. Nekroskop
  4. 1985
  5. Evig Vandrar
  6. Fossegrim
  7. Offernatt
  8. Blodtørst
  9. Berserkr
  10. Mjød
  11. Månelyst
  12. Kvelertak
  13. Utrydd Dei Svake

TESTAMENT

Thrash Time for the people! Bei den Bay Area Thrashern TESTAMENT weiß man, was man bekommt. Wie ihre Kollegen DEATH ANGEL am Vortag, beweisen auch Chuck Billy und Co., dass ihre Kapelle immer amtlich abliefert. Selbstredend gibt es bei den Thrash-Urgesteinen wenig Überraschungen oder Showeinlagen. Chuck Billys uriger Mikroständer dient nach wie vor als Luftgitarrenersatz und der fröstelnde Sänger ruft aufgrund der milden Witterung kurzerhand das "Winter Breeze" aus. Das Aufwärmen fällt beim Set TESTAMENTs indes nicht wirklich schwer. Die einleitenden Songs von "Brotherhood Of The Snake" heizen den Fans ein, wonach spätestens zu "Into The Pit" und "Over The Wall" ausgelassen eskaliert wird. Eigentlich wollten wir etwas früher das Feld räumen, um vor dem KRISIUN-Gig noch den ein oder anderen Eindruck von UNEARTH zu ergattern, doch wirkt die Dampfhammer-Performance der Thrasher wie ein Magnet. So bleiben wir schließlich doch bis zum Ende und erfreuen uns dieser exquisiten Bay Area Thrash Darbietung.

Setlist TESTAMENT:

  1. Brotherhood Of The Snake
  2. Pale King
  3. More Than Meets The Eye
  4. DNR
  5. Into The Pit
  6. Electric Crown
  7. Practice What You Preach
  8. New Order
  9. Over The Wall
  10. Disciples Of The Watch
  11. The Formation Of Damnation

KRISIUN

Zurück an der Wera Tool Rebel Stage sehen wir bereits die ersten Fans, die den brasilianischen Familienbetrieb mit wehenden Landesflaggen begrüßen. Sänger und Bassist Alex Camargo weist vorsorglich darauf hin, dass ihre Musik nichts für Weicheier ist ("We're playing hard, we're playing fast, I hope you'll enjoy!"). Nach der Fotosession suchen wir uns einen angenehmen Platz im Grünen und genießen die Vorzüge des antizyklischen Konzertbesuchs - denn während gefühlt 80% der Besucherschaft IN FLAMES lauscht, genießen wir zusammen mit einem kleinen Haufen Hartgesottener den hausgemachten und blastbeatreichen Death Metal der Brasilianer. Die drei Brüder prügeln ihr Programm kompetent und ohne großen Firlefanz runter und zeigen sich dankbar für den Support. Kann man so machen.

Setlist KRISIUN:

  1. Kings Of Killing
  2. Combustion Inferno
  3. Blood Of Lions
  4. Scourge Of The Enthroned
  5. Slaying Steel
  6. Descending Abomination
  7. Vengeance's Revelation
  8. Black Force Domain

IN FLAMES

Ist er nun, oder ist er nicht? Zugedröhnt? Anders Fridén steht entweder leicht unter dem Einsatz bewusstseinserweiternder Substanzen, ist ein wenig erkältet oder einfach richtiggehend gerührt vom Dinkelsbühler Publikum. Auf jeden Fall bieten IN FLAMES eine Show, welche eines Headliners würdig ist. Knackiger Sound, eine Setlist, die das bietet, was die Fans wollen und ein Sänger, der zwar die Clean-Passagen der Tracks weitgehend umgeht, aber trotzdem seine Klasse beweist - Melodeath vom Feinsten! IN FLAMES sind mittlerweile fähig, aus jeder ihrer Schaffensperioden mindestens einen Hit zu liefern. Ob das nun "Voices" aus dem aktuellen Album "I, The Mask" ist oder "Colony", "Cloud Connected" und "Where The Dead Ships Dwell". Bei diesem Track beweist der neue Gitarrist Chris Broderick - er hat Anfang des Jahres Niclas Engelin ersetzt - dass er seinen Job beherrscht und auch die komplexen Gitarrenläufe perfekt drauf hat. Dass er neben Ex-Schlagzeuger und Gitarrist Björn Gelotte trotzdem in der zweiten Reihe stehen würde, ist klar. Kaum einer bietet auf der Bühne soviel Entertainment wie der charismatische Saitenzauberer. IN FLAMES haben am heutigen Summer Breeze Donnerstag gezeigt, weshalb sie zu den größten Bands ihres Genres gehören und dass sie jede Bühne rocken können.

Setlist IN FLAMES:

  1. Voices
  2. Everything's Gone
  3. Pinball Map
  4. Where The Dead Ships Dwell
  5. Call My Name
  6. Monsters In The Ballroom
  7. All For Me
  8. (This Is Our) House
  9. Deep Inside
  10. Herer Until Forever
  11. The Chosen Pessimist
  12. Leeches
  13. Burn
  14. Colony
  15. The Truth
  16. I Am Above
  17. Cloud Connected
  18. The Mirror's Truth
  19. The End

AVANTASIA

Tobias Sammet ist und bleibt umstritten. Seinen 2016er Ausflug in die "Schlagergefilde" tragen ihm viele nach, seinen Sound bezeichnen viele als verwischt und verweichlicht. Und für manche ist AVANTASIA schlichtweg ein Projekt, in welchem er auswechselbar ist, weil die Qualität der Musik von seinen Gastsängern kommt. Dieses Mal sind das Jorn Lande, Eric Martin, Geoff Tate und Bob Catley. Da waren aber auch schon Namen wie Biff Byford von SAXON dabei oder Sharon Den Adel von WITHIN TEMPTATION. Ganz gerecht wird ihm das nicht, schliesslich ist er Komponist der Tracks. Die Show kommt beim Publikum gut an, Dinkelsbühl ist für "EDGUY"-Sammet quasi ein Heimspiel. Sammet ist ist eine Rampensau von Gottes Gnaden und weiss, wie man das Publikum auf seine Seite bringt. Das gelingt ihm auch hier, AVANTASIA sind der klare Abräumer des Abends, weniger durch die musikalische Klasse, als vielmehr durch das gepflegte Entertainment.

Setlist AVANTASIA:

  1. Ghost In The Moon
  2. Book Of Shallows
  3. The Scarecrow
  4. Lucifer
  5. Reach Out For The Light
  6. Alchemy
  7. Invincible
  8. The Story Ain't Over
  9. Dying For An Angel
  10. Twisted Mind
  11. Let The Storm Descend Upon You
  12. Mystery Of A Blood Red Rose
  13. Lost In Space
  14. Sign Of The Cross / The Seven Angels

DEICIDE

Zur späten Stunde ist es wieder an der Zeit für ein zünftiges Geknüppel - und wer könnte dies besser kredenzen als Glen Benton mit DEICIDE? Anfangs ist der Gesang noch etwas leise, so dass vorrangig die an ein gequältes Schaf erinnernden Schreie das Gehör penetrieren. Glücklicherweise pegelt sich das Ganze nach und nach ein, sonst bliebe den zahlreich erschienenen Fans noch das wahrhaft prachtvolle Röhren des Altmeisters vorenthalten, der außerordentlich gut bei Stimme ist. Auch die Band ist bestens in Form und spielt auf den Punkt. Glen Benton macht seinem Ruf als "verhaltensoriginell" alle Ehre, starrt wie besessen Löcher in den kühlen Nachthimmel und zeigt eine Mimik und Gestik, die über die Zutaten seines Frühstücks sinnieren lässt. Was immer es ist, weniger sollte der Fronter davon nicht bekommen - aber auch nicht mehr, schließlich könnte es gefährlich sein. Vor der T-Stage geschehen zuweilen eigenartige Dinge, mindestens zwei Mal schwadronieren Heerscharen von Ordnern in Richtung Moshpit (Ursache unbekannt) und auch der ein oder andere zombifizierte Besucher schleicht an uns vorbei. Nach zehn Minuten hat man im Prinzip alles gesehen, aber was soll man tun? Man könnte natürlich den Weg zurück zum Kollegen Frischknecht und AVANTASIA suchen, oder man genießt dieses herrliche Massaker bis zum Schluss - so wie wir.

Setlist DEICIDE:

  1. Dead By Dawn
  2. When Satan Rules His World
  3. Scars Of The Crucifix
  4. They Are The Children Of The Underworld
  5. Once Upon The Cross
  6. Serpents Of The Light
  7. Seal The Tomb Below
  8. Oblivious To Evil
  9. Dead But Dreaming
  10. Trifixion
  11. Excommunicated
  12. In The Minds Of Evil
  13. Kill The Christian
  14. Sacrificial Suicide
  15. Homage To Satan

MESHUGGAH

Mit der nahenden Mitternachtsstunde werden die Vorzüge der späten Slots wieder evident. Vor der Main Stage sind gerade genug Fans versammelt, um den gleich auflaufenden MESHUGGAH gebührend Tribut zu zollen, doch sind es auch wenig genug, um freie Sicht und Intimsphäre genießen zu dürfen. Der brettharte Gitarrensound der Djent-Erfinder wirkt wie der berüchtigte Hieb mit der Dachlatte unters Kinn und entfaltet erst live seine volle Wirkung. MESHUGGAH zocken präzise zu einer perfekt inszenierten Lichtshow - man stellt sich zuweilen die Frage, ob die Lichtsteuerung in irgendeiner Weise mit den Gitarrenamps verknüpft und automatisiert wurde. Die Fans feiern die Band und moshen fröhlich durch die Nacht, während sich zumindest bei uns nach 20 Minuten Müdigkeit breit macht. Klar, die Schweden sind handwerklich allererste Sahne, doch so technisch wie ihre Musik ist letztlich auch die Darbietung, die das Ganze nach meinem Eindruck (und wahrscheinlich beabsichtigterweise) auf das hochversierte Gitarrenspiel reduziert. Zudem gibt es weder besondere Showeinlagen, Variation oder eine nennenswerte Interaktion mit dem Publikum. Zumindest klärt sich dabei die Frage, wer den längsten (Gitarrenhals) hat - wobei, zählt in dieser Frage nicht eher das Volumen? Schlägt beim stattlichen Achtsaiter der Durchmesser die Länge wegen des Quadrats? Wahrscheinlich wird's ab jetzt zu mathematisch und obskur - aber Leute, es ist spät und der Verfasser wandelt an der Grenze zum Melatonin-Delirium!

Setlist MESHUGGAH:

  1. Pravus
  2. Born In Dissonance
  3. The Hurt
  4. Rational Gaze
  5. Future Breed Machine
  6. Stengah
  7. Straws Pulled At Random
  8. Clockworks
  9. Lethargica
  10. Bleed
  11. Demiurge

CRADLE OF FILTH

Zeit für den letzen Akt auf der heutigen Main Stage! Wer tapfer bis 01:00 Uhr Nachts aushalten konnte, der darf nachfolgend die "Cruelty And The Beast" Special Show von CRADLE OF FILTH bewundern, bei der das berüchtigte dritte Album von Kampfzwerg Dani Filth in voller Länge aufgeführt wird. In den Gräben wird zuweilen geschlafen und auch die Umbaupause dauert etwas länger als geplant. Im Infield ist man vorwiegend müde und abgewrackt, aber CRADLE OF FILTH müssen noch hart für ihr Brot schuften. Die verlorene Zeit wird glücklicherweise nachgeholt und im Gegensatz zu den meisten Besuchern (inklusive des Verfassers) sind Dani Filth und seine Band fit und wach und liefern wie gewohnt inbrünstig und überzeugend ab. Inzwischen ist es sehr kalt geworden, weswegen man sich umso mehr über die aufsprühenden Feuerfontänen freut und sich insgeheim wünscht, der Gashahn würde an der richtigen Stelle einrasten und für eine Beheizung des Battlefields sorgen. Die kurzweilige Special Show zum Klassikeralbum CRADLE OF FILTHs macht die Kälte jedoch erträglich und lässt die Stunde Spielzeit entsprechend schnell vergehen. Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist - in diesem Sinne packen wir zeitgleich mit den Engländern unsere Siebensachen und lassen den Festivaldonnerstag ausklingen.

Setlist CRADLE OF FILTH:

  1. Once Upon Atrocity
  2. Thirteen Autumns And A Widow
  3. Cruelty Brought Thee Orchids
  4. Beneath The Howling Stars
  5. Venus In Fear
  6. Desire In Violent Overture
  7. The Twisted Nails Of Faith
  8. Bathory Aria (I: Benighted Like Usher / II: A Murder Of Ravens In Fugue / III: Eyes That Witnessed Madness)
  9. Portrait Of The Dead Countess
  10. Lustmord And Wargasm (The Lick Of Carnivorous Winds)

Zum Team dieses Berichts:

  • Lord Seriousface
    Text mit Schwerpunkt Rülps- und Rumpelfraktion, Ich-Erzähler
  • FiniMiez
    Fotos mit Schwerpunkt Rülps- und Rumpelfraktion
  • Danny Frischknecht
    Text und Fotos mit Schwerpunkt Rock'n'Roll & Heavy Metal

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