06.09.2019, Ann and Pat, Linz

THE LAST CELL + THEIR DOGS WERE ASTRONAUTS + SOLID SKY

Veröffentlicht am 09.09.2019

Junger Gitarrengott wandelt auf Erden

Als Jugendlicher verehrte ich beim Erlernen der Kunst des E-Gitarrenspiels einige Gitarrenhelden, einer der ganz großen davon war JOE SATRIANI. Als ich den Gitarrengott im Jahr 2010 zum ersten Mal live erleben durfte, war ich schwer beeindruckt und das geniale Konzert 2013 bewog mich dann schließlich dazu, bei Stormbringer Konzertberichterstatter zu werden. Seitdem stieg mein Interesse für instrumentalen Progressive Rock und Metal.

Schicksalsweisend waren wohl für mich die am selben Tag stattfindenden Konzerte von DREAMTHEATER im „Gasometer“ und PROTEST THE HERO in der „szene“ am 25. Jänner 2014. War ich lange Zeit Fan des „Traumtheaters“ und vor allem von John Petrucci, wechselte ich an diesem Abend zu „moderneren“ progressiven Klängen. Mich beeindruckte schon bevor der Headliner die Bühne betrat der Opening Act INTERVALS nachhaltig, die ich wohl aktuell zu meinen Lieblingsbands zähle. Neben den ähnlich genialen PLINI sind aktuell noch immer ANIMALS AS LEADERS das Aushängeschild des Genres.

So sehr ich die Vorreiter des Djent bewundere und vor allem vom Konzert 2014 beeindruckt war, zeigten sich bereits bei meinem zweiten Konzert 2016 Abnützungserscheinungen. Und heuer im August im Backstage München war ich mehr von den parallel spielenden THE INTERSPHERE beindruckt, weil die Spielfreude von ANIMALS AS LEADERS ein wenig zu wünschen übrig ließ. Und nun kommen endlich THE LAST CELL ins Spiel, die mir an dem Abend des 06. Septembers im Ann and Pat genau das gaben, was ich bei der Genregröße schmerzlich vermisste: Die Spielfreude!

Doch zuvor eröffneten die Wiener „Alternative Progger“ von SOLID SKY - die einzige Band des Abend mit Sänger - den Abend. Die progressive instrumentale Ausrichtung passte auch sehr gut zu den folgenden Acts, überraschend aber der ausgezeichnete Gesang von Frontmann Gideon Clark, der mich an eine weitere Lieblingsband von mir erinnerte: KARNIVOOL, die für mich am NOVAROCK 2014 alle anderen Bands des Festivals an die Wand spielte.

Viel zu selten versuchen sich junge Bands wie SOLID SKY an dem nicht einfachen Genre, denn ein guter Sänger ist einfach schwer zu finden. Mit fallen spontan nur die großartigen ANATHEMA (zum Konzerbericht 2014) ein und national SKYLAND ESCAPE, die ihren eigenen Weg gehen. Und das wünsche ich auch SOLID SKY, bei denen jeder Musiker sein Instrument souverän zu bedienen weiß und die Leidenschaft für ihre Musik auch spürbar rüberkam, aber auch einen leicht melancholischen Touch hatte.

Was danach beim Konzert von THE LAST CELL folgen sollte, war nicht von dieser Welt. Ich habe schon viele instrumentale Bands gesehen, mit „Sängerbands“ soll sowieso kein Vergleich gemacht werden, aber so viel Spaß hatte ich als Konzertbesucher schon lange nicht. Erst zuletzt begeisterten mich POLYPHIA im Flex als Vorband von COHEED AND CAMBRIA durchaus, aber erst THE LAST CELL schafften es, mich so richtig in den Bann zu ziehen. Die Kompositionen sind durchgehend meisterhaft und die Livedarbietung vor allem von Gitarrist und Mastermind Jean-Marc - der optisch JOE SATRIANIs Sohn sein könnte - schlicht atemberaubend. Ihm zuzusehen, wie seine Finger über das Griffbrett flitzten und er die Töne phrasierte, verschlug mir die Sprache.

Mit seinem ebenfalls aus Kärnten stammenden Bassisten Lukas hat der Bandleader einen Glücksgriff gemacht, die beiden harmonierten auf der Bühne wunderbar. Die Krone setzte dem Geschehen noch der junge Drummer Robin, der auch bei IN THIS TEMPLE und THUS I END seine Stöcke schwingt, auf. Als wäre es das Leichteste der Welt, trommelte sich der Schlagzeuger durch polyrhythmische Takte, agierte zurückhaltend wenn es songdienlich war und drückte dann im Doublebass-Modus das Gaspedal durch, dass es kein Morgen gab. Es gibt viele nationale Bands, denen ich internationalen Erfolg vergönne, THE LAST CELL können sich da ganz vorne einreihen und ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen mit den drei Ausnahmetalenten.

Zwei weitere Ausnahmekünstler folgten danach mit ihrem Projekt THEIR DOGS WERE ASTRONAUTS. Das Brüdergespann Denis und Leonard Roth aus Linz, die auch bei den Metalcorern ONCE WE EMERGED die Gitarren bedienen, hat sich voll und ganz der Schaffung neuer Klangwelten verschrieben. Ganz ohne Live-Schlagzeuger und Live-Bassist, jedoch mit viel Aufwand programmierte Tracks im Hintergrund. Die zwei Gitarristen standen mit ihren Instrumenten und einem Keyboard auf der Bühne und wurden beleuchtungstechnisch von zwei fetten Stroboskopen unterstützt. Wer sich an den Rahmenbedingungen des ungewöhnlichen Live-Settings nicht störte, wurde mit einer umwerfenden Show belohnt, die alle Stücke modernen progressiven Metals spielte.

Ein Wahnsinn, wie viele durchgehend gelungene Releases THEIR DOGS WERE ASTRONAUTS seit der Gründung 2014 schon komponiert haben. Auf YouTube zwar schon mit vielen Klicks belohnt, wartet der Durchbruch an der Livefront aktuell noch, obwohl die Stimmung bei den maximal 50 anwesenden Konzertbesuchern durchwegs euphorisch war. Ich wünsche der Band große mediale Aufmerksamkeit, damit die Live-Präsenz kein Schattendasein des künstlerischen Schaffens darstellt. Verdient hätten es die zwei Jungs mit ihrem musikalischen Können und den unzähligen großartigen Kompositionen jedenfalls.


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