21.11.2019, MS Connexion, Mannheim

MAYHEM + GAAHLS WYRD + GOST

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 25.11.2019

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De Mysteriis...

Der Winter ist angebrochen. Es ist dunkel und kalt, der Blick reicht weit hinaus in lichtlose Landschaften. Die lebensverneinend wirkende Kulisse säumt den Weg zur Mannheimer MS Connexion, wo heute die Initialzündung der zweiten Welle des Black Metal in Norwegen ihre unheiligen Schriften zum Besten geben wird. (THE TRUE) MAYHEM - jene Band, um die sich seit jeher Legenden ranken und bei der man sich nie so ganz sicher ist, ob sie ihrer Musik oder ihrer filmreifen (und verfilmten) Historie wegen Kultstatus genießt. Mit Fahrtrichtung entgegen des Feierabendverkehrs sind die Armeen von Glühwürmern die einzigen Lichter weit und breit, bis wir schließlich die immer taghellen Areale des industriell geprägten Gebiets um Mannheim passieren. Wo gigantische Chemie- und Kraftwerksparks eindrucksvoll den Begriff der Lichtverschmutzung illustrieren, tummeln sich heute vornehmlich Verkehrsteilnehmer, die ihre Fahrerlaubnis offenbar per Postwurfsendung erworben haben. Gleich mehrere Nahtoderfahrungen lassen den Adrenalinpegel in die Höhe steigen und ebnen zugleich den Weg für morbide Phantasien - warum sonst kommt es mir plötzlich so vor, als könnte ich Deads toten Raben förmlich riechen? Nachdem die Stimmung schon einmal - wenn auch nicht ganz freiwillig - in geeignete Bahnen gelenkt wurde, finden wir uns am Ort des Geschehens ein und sind zunächst verwundert über den stattlichen Andrang. Der Parkplatz ist bis auf einen kleinen toten Winkel voll, Musik plärrt aus den Boxen und eine lange Schlange am Eingang lässt erahnen, wie intim der heutige Abend noch werden sollte.

GOST

Zugegeben: wenn mich im Vorfeld eine Sache mehr verunsicherte als die entfernte Möglichkeit, bei MAYHEM auf unwohl riechende Schweineköpfe starren zu dürfen, war wohl der Umstand, dass der eröffende Act von elektronischer Natur sein sollte. El-ek-tro-nisch-e Musik...für mich ein in Noten gefasstes Schreckgespenst und Sinnbild der Aversion zugleich. Kann so etwas auf einem Metalkonzert funktionieren? Ja, kann es! Als der Einzelkämpfer Baalberith, schwarz gekleidet, weiß bepinselt und nur mit einem Live-Basser und seinem Synthi bewaffnet die Bühne betritt, eröffnet ein infernales (aus der Dose stammendes) Geblaste den Abend. Weißes Licht mit Strobo-Effekten, synthetische Klangwände und ein Geschrei, das von unheimlichen Qualen zu zeugen scheint. Die Bässe dröhnen und potenzieren sich mit den Klängen des "analogen" Tieftöners; wer den beschwerlichen Weg durch den voll besetzten Saal zur Theke schafft, der kann die Trinkgefäße beim fröhlichen Tanz auf dem Tresen beobachten. Je nachdem, wie nah die Musik an metallische Klangufer manövriert, ruft sie in mir unterschiedlichste Reaktionen hervor und drängt mir das achte-Klasse-Bio-Thema "Schlüsselreize" erneut in den Sinn. Bei Synth-Musik alleine bekäme ich wahrscheinlich Fußpilz, aber diese Symbiose mit dem mir weitaus näher stehenden Metal lässt die Abneigung einer vorsichtigen Akzeptanz bis offener Zustimmung weichen. Auch GOST haben offensichtlich Spaß und es grenzt an ein Wunder, dass Baalberiths Klanggenerator bei dessen ungestümer Bühnenperformance nicht unfreiwillig den Weg ins feiernde Publikum findet.

Setlist GOST:

  1. Relentless Passing
  2. Wrapped In Wax
  3. Genesee Avenue
  4. Timeless Turmoil
  5. The Call Of The Faithful
  6. Ligature Marks
  7. Garruth
  8. Push
  9. Severance

GAAHLS WYRD

Wir hätten ja damit gerechnet, dass heute viel los sein würde, aber dass wir bereits während der ersten Bands mit der Klaustrophobie ringen sollten, überstieg unsere Erwartungen bei Weitem. Rekordverdächtige zehn Minuten nach dem GOST-Set steigt bereits wieder Nebel über den Brettern auf, woraufhin GAAHLS WYRD den Titelsong ihres Debütalbums "GastiR - Ghosts Invited" anstimmen und der Frontmann langsamen Schrittes aus dem Off ins Rampenlicht schreitet. Die markant behäbige Gestik des Sängers hat immer wieder etwas Hypnotisches und Mitreißendes. In sich gekehrt und inhärente Ruhe ausstrahlend trägt der Kultmusiker mit tiefer Stimme vor, einzig die Screams wollen heute nicht so recht sitzen - zumindest wenn ich meinen ersten, einer diabolischen Entrückung nahekommenden Besuch GAAHLS WYRDs auf dem diesjährigen Summer Breeze als Maßstab heranziehe. Drummer Spektre trommelt zurückgezogen und unscheinbar neben dem elefantösen, aber leeren Drumkit von MAYHEMs Hellhammer - für eine Weile keimt in mir sogar die Befürchtung, die Norweger seien spontan ihres Schlagzeugers verlustig gegangen und müssten notgedrungen vom Band kesseln. Die klassischen BM-Stücke von Gaahls älteren Bands werden dem danach lechzenden Publikum auch heute serviert, doch hortet das heutige Set mehr Material seiner neuen Kapelle. Das Publikum hat der Fronter jederzeit auf seiner Seite, zu "Carving The Voices" nicken die Mähnen durch die Halle synchron im Takt. Die einstündige Spielzeit vergeht zusehends schnell und sowie sich der Norweger mit einem höflichen "Herzlichen Dank!" verabschiedet, werden bereits Rufe nach Zugaben laut - in Anbetracht des straffen Zeitplans jedoch vergebens.

Setlist GAAHLS WYRD:

  1. Ghosts Invited
  2. Carving A Giant (GORGOROTH)
  3. Slave Til En Kommende Natt (TRELLDOM)
  4. Ek Erilar
  5. Carving The Voices
  6. Høyt Opp I Dypet (TRELLDOM)
  7. From The Spear
  8. Alt Liv (GOD SEED)
  9. Through Past And Past
  10. Exit - Through Carved Stones (GORGOROTH)

MAYHEM

Die Umbaupause für den Headliner nimmt etwa eine halbe Stunde in Kauf. Unterdessen entdecken wir Backpatches mit Deads Bildnis, Fans unterhalten sich bedrückt über den frühen Tod des ehemaligen MAYHEM-Sängers und seines Kollegen Euronymous, darüber, wie alt die beiden Musiker heute wären - die Vergangenheit ist allgegenwärtig. Während ich über die käfigartige Konstruktion von Hellhammers Schlagzeug sinniere, erstrahlt von der Bühne aus rotes Licht...zunächst schwach, dann langsam heller und heller werdend, bis die eigenen Hände schließlich blutrot zu leuchten scheinen. Von der gröhlenden Menge angefeuert, betreten die Gastgeber die Bühne und eröffnen ihr Set mit "Falsified And Hated" vom neuen Album "Daemon". Für mich ist es unstreitbar einer der stärksten Songs der Platte und erfährt seinen Beifall völlig zurecht, doch erscheint es dennoch erfrischend, dass die neue Nummer offensichtlich gefeiert wird wie ein alter Klassiker. Die Stimmung erreicht mit dem ersten Takt den Siedepunkt, im Geiste entgleitet mir ein ungläubiges "Wahnsinn" - die in jeder Hinsicht passendste Umschreibung für den Hauptact des Abends. Ich weiß nicht, ob es an den morbiden Klangkonstrukten der Norweger liegt, an der um sich greifenden finsteren Euphorie oder am permanent von der Bühne ausgehenden "Funeral Fog"...jedenfalls ziehen mich obskure Wellen in ihren Bann und induzieren die verrücktesten Interpretationen in meine Hirnwindungen. Dass mich bspw. eines der Crewmitglieder an einen gewissen Kristian V. erinnert, ist so absonderlich und krank, dass es eigentlich schon wieder wahr sein müsste. Auch die Bühnenaccesoires von Attila Csihar, einem in feierlicher Robe erschienenen Dämonen, inspirieren zu den entartetsten Gedankenspielen. Würde sich der dunkle Prediger wohl mit der Schlinge in seinen eigenen Händen - einem satanischen Münchhausenritual gleich - erhängen und am Folgetag wieder in alter Frische auf der Matte stehen? Mögen die Gebeine und der Schädel von natürlicher Herkunft sein und wenn ja, von wessen irdischer Verkörperung sollten sie stammen? Könnten womöglich noch verstorbene Bandmitglieder weiterhin auf der Bühne performen? Dieser Auftritt unterminiert meinen Geist und wären wir eines dieser sensationsgeilen Tagesblättchen, würde ich meine krankhaften Phantasien für bare Münze verkaufen und damit zur weiteren Legendenbildung um die Norweger beitragen. Attila Csihar, eine ebenso diabolisch-verquere Rampensau wie sein Kollege Gaahl, verkörpert seine Rolle (wobei, welche Rolle?!) mit Inbrunst und erteilt der andächtig lauschenden Menge seinen Segen. OK, manchmal scheint er seine Fans auch einfach mit imaginären Projektilen aus seiner Gebeinkanone umnieten zu wollen. Als ich während des "De Mysteriis Dom Sathanas"-Kassikers "Pagan Fears" die Kommunikation zwischen dem Frontmann und seinem Schädel beobachte, keimen erneut die pathologischen Interpretationen hinsichtlich seiner Herkunft. Wie erwähnt ist es der blanke Wahnsinn und die Band bleibt bis zum krachenden Abschluss mit "Pure Fucking Armageddon" virtuos und souverän in ihrem Element.

Setlist MAYHEM:

  1. Falsified And Hated
  2. To Daimonion
  3. My Death
  4. Malum
  5. Bad Blood
  6. Symbols Of Bloodswords
  7. A Bloodsword And A Colder Sun, Part II
  8. Invoke The Oath
  9. Freezing Moon
  10. Pagan Fears
  11. Life Eternal
  12. Buried By Time And Dust
  13. Deathcrush
  14. Chainsaw Gutsfuck
  15. Ancient Skin
  16. Carnage
  17. Pure Fucking Armageddon

...Dom Sathanas

Was für ein Abend - von einem Drogentrip ohne Drogen über avantgardistisch-düstere Riten bis hin zu einem One-Way-Flug übers Kuckucksnest in die Hölle. Heute spielen keine Kopien und keine Nachahmer, sondern leibhaftige Originale (wenn auch nicht ohne einen zumindest zwiespältigen Ruf). Allen voran Attila Csihar und Hellhammer, die sich einst mit "De Mysteriis Dom Sathanas" verewigten und Necrobutcher - der Necrobutcher, dem die Auswüchse seiner Band einst zu bunt wurden. Zum Glück steht heute statt Tierkadavern die Musik im Vordergrund und das Erlebte riecht nach Geschichte statt nach Rabe. Man stellt sich zuweilen die Frage, ob Necrobutchers Ausführungen bzgl. seiner eigenen Mordpläne an Euronymous tatsächlich wahr sind oder ob es sich einfach um billige PR handelt. Wie dem auch sei, nötig hätte es die Band nach dieser genialen Liveshow in prall gefüllter Hütte nicht. Die MAYHEMsche Aura greift um sich und nährt abnormale Gedankengänge - vor dem Konzert, währenddessen und danach. Und wie die ersten 50 Kilometer Schleicherei durch dichten Nebel andeuteten, sollte sogar das Wetter dem Ruf der Dunkelheit folgen.


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