16.02.2020, Mergener Hof, Trier

DESTRUCTION + LEGION OF THE DAMNED + SUICIDAL ANGELS + FINAL BREATH

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 19.02.2020

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Born To Perish...

Was für ein blühender Frühlingstag...mitten im Februar! Eine meteorologische Anomalie, wie sie unsere Breitengrade leider immer häufiger heimsucht, beschert uns an diesem entspannten Sonntag ein beinahe frühsommerliches Sommer-Sonne-Luftkurort-Erlebnis mit milden 15 Grad über Null. Der gemeine Deutsche mokiert sich eigentlich immer über das Wetter - aber weil wir diese typisch-teutonischen Verhaltensmuster nicht gebetsmühlenartig wiederholen wollen, sehen wir das Ganze trotz gewisser Zukunftsängste positiv, tun so als sei schon April und machen uns auf den Weg nach Trier. Denn dort steht heute ein einheimisches Musikantenquartett nebst internationalem Support auf der Agenda, das seinen Frühlingsgefühlen inmitten eines romantischen Gewölbekellers freien Lauf lassen will. Tief drunten inmitten desselben vermag man den Ejaculatio Praecox der Sommergötter nicht mehr so recht wahrnehmen, doch stimmt die lichtlose Sackgasse unweit der Porta Nigra bestens für das bevorstehende Viergespann ein.

FINAL BREATH

Den Anfang machen die deutschen Death-Thrasher FINAL BREATH, die nach 14 Jahren Pause ihr neues Album "Of Death and Sin" aus der Taufe gehoben haben. Mit besagter Platte, die der Verfasser zugegebenermaßen lange Zeit erfolglos auf seinem Einkaufszettel stehen hatte, prügeln sich die vier Herren aus Lohr zurück in das kollektive Gedächtnis der metallischen Untergrunds. Pünktlichkeit zahlt sich heute aus, weil das Quartett bereits 10 Minuten vor seiner Zeit die Bretter entert und einen auf ein ausgelassenes Tänzchen einstimmt. In dem kuschelig-engen Rübenkeller ist man vor der Bühne in direkter High-Five-Reichweite zur Band und steht nahezu gleichzeitig vor den Speakern als auch dahinter. Es scheppert und ranzt und man fühlt sich rundum untergründig wohl. Beim Anfeuern muss zusehends darauf geachtet werden, dass man seinen Nebenmann (oder seine Nebenfrau) nicht versehentlich mit der gestreckten Pommesgabel ins Nirwana schickt. Klampfer Jörg und Basser Thomas müssen sich auf Tuchfühlung aneinander vorbeischlängeln, um nicht ihren Sänger Patrick Gajda unfreiwillig zum Crowdsurfer zu machen. Dass sich bereits nach drei Liedern die ersten Fans mittels Selbstmassage (an der Schulter!!) therapieren, dürfte neben den Jubelrufen aus der Crowd als Indikation eines gelungenen Auftakts gewertet werden.

Setlist FINAL BREATH:

  1. Intro
  2. Babylon C.E.
  3. Yearning For Next Murder
  4. Eyes Of Horror
  5. ...When Finally Mighty Kings Fall
  6. Illega-Lie-Sating
  7. Let Me Be Your Tank
  8. Agonized, Zombified, Necrotized
  9. To Live And To Die

SUICIDAL ANGELS

Um kurz vor acht erklingt die berühmte Filmmusik aus "Der weiße Hai"...es ist dunkel wie auf dem Meeresgrund bei Nacht und weit und breit kein Versteck in Sicht. Es gibt kein Entrinnen, hier hilft nur noch Haare freimachen und durchmoshen! Die SUICIDAL ANGELS beginnen eine heißblütige Choreographie und amüsieren mit den aufeinander abgestimmten pädagogischen Weisheiten auf ihren Shirts: "Thrash", "Fuck Pop" und dem guten, alten "parentalen Advisorium". Dazu schwarze Jeans, Patronengurte und weiße Turnschuhe - dagegen wirken Karl Lagerfelds Kollektionen wie miefige Kartoffelsäcke! Die Griechen zocken kompetent und routiniert, Leadgitarrist Gus Drax ist völlig aus dem Häuschen und feuert seine Audienz nach Kräften und mit dem Wahnsinn im Auge an. Es scheint, als würde für den dienstjüngsten Suizidengel eine Welt zusammenbrechen, wenn nicht wirklich jeder vor der Bühne erbarmungslos ausrastet. Da sich die sonnenverwöhnten Hellenen überwiegend in Dunkelheit hüllen und zudem recht leise unterwegs sind, geht ein Teil ihrer Live-Energie leider unbemerkt im Äther verloren und die Stimmung scheint zeitweise abzuflachen. Doch alles halb so wild: auf Anfrage liefert die Besucherschaft bereitwillig einen kleinen Circle Pit und zeigt sich fortan von der Lethargie befreit...auf diese zündende Idee hätte man zum Opener kommen müssen! Einmal ausrasten - bitte sehr, bitte gleich!

Setlist SUICIDAL ANGELS:

  1. Endless War
  2. Capital Of War
  3. Years Of Aggression
  4. Bloodbath
  5. Frontgate
  6. Eternally To Suffer
  7. Bloody Ground
  8. Born Of Hate
  9. Apokathilosis

LEGION OF THE DAMNED

Wie es scheint, sind die Niederländer von LEGION OF THE DAMNED heute ebenso lichtscheu wie die thrashenden Griechen, aber wenigstens wird's ab jetzt wieder merklich lauter. Bereits der Soundcheck bläst einem den Winterspeck aus den Ohren und im Gesamtbild drücken die Legionäre selbstredend noch eine Ecke heftiger. Maurice Swinkels und Fabian Verweij suchen stetig den Kontakt zu den Jungs und Mädels im "Fotograben" (hier: in der ersten Reihe) und bemühen sich, ihnen möglichst spektakuläre Schnappschüsse zu verschaffen. Mindestens ebenbürtig in puncto Eigenmarketing ist die Performance der Thrasher. Es ist ja gemeinhin bekannt, dass LEGION OF THE DAMNED zu den straighten und geradlinigen Vertretern ihrer Zunft gehören, wonach sie weder als besonders innovationsfreundlich noch als zimperlich auf der Bühne wahrgenommen werden. Dementsprechend ist es eine beinahe undankbare Aufgabe, über ihre Musik und Gigs zu schreiben. Aber wenn es etwas besonders hervorzuheben gilt, dann ist es sicherlich das hohe Maß an Professionalität, das die Holländer heute wieder souverän unter Beweis stellen. Präzise, schnell und gewaltig wie ein D-Zug mit Schneepflug brettern die Jungs auf der kuscheligen Bühne durch ihr Set und erlauben sich nicht einen Patzer. Dass Maurice Swinkels dabei trotz Heiserkeit noch formidabel speien kann, rundet die Sache nochmal ab. Der verdiente Applaus lässt dementsprechend nicht lange auf sich warten.

Setlist LEGION OF THE DAMNED:

  1. Slaughtering The Pigs
  2. Doom Priest
  3. Palace Of Sin
  4. Undead Stillborn
  5. Taste Of The Whip
  6. Slaves Of The Southern Cross
  7. Feel The Blade
  8. The Widows Breed
  9. Legion Of The Damned
  10. Dark Coronation

DESTRUCTION

Ich finde es ein stückweit erstaunlich, dass DESTRUCTION immer noch in solch gemütlichen Etablissements anzutreffen sind und dabei Besucher aller Altersklassen vor die Bühne locken. Ersteres mag vielleicht daran liegen, dass sich die Thrash-Pioniere bis heute nie nennenswert verbogen haben und mit ungebrochener Härte den Thrash-Underground regieren. Was Zweiteres anbelangt, so findet man von Fans der vermutlich ersten Stunde bis hin zu ofenfrischen Metzger-Jüngern jeden Typus Fan vertreten. Auch an diesem Abend liegen die Schwerpunkte auf der aktuellen Platte "Born To Perish" und dem langen Backkatalog an kultigen "Thrash Anthems". "Tormentor" nimmt zunächst mit Randy Blacks Drumsolo Anlauf und treibt das feiernde Volk anschließend wie die berühmte Sau durchs Dorf. Holladiewaldfee...dieser Highspeedabriss erinnert mich zusehends an meine alte Punkrock-Coverband, die bei jedem Gig versuchte, die zuvor erreichte BPM-Zahl bei "Blitzkrieg Bop" nochmals zu toppen und den verdammten Song endlich unter die 30-Sekunden-Marke zu prügeln. Auch mit "Mad Butcher", "Thrash Till Death" oder "Bestial Invasion" übertreffen sich die alten Hasen wieder selbst. Einige Fans wundern sich, dass "Armageddonizer" anscheinend doch von "Born To Perish" stammt und sich auf wundersame Weise binnen weniger Monate zum modernen Klassiker gemausert hat - aber Fronthüne Schmier nimmt es gelassen und lässt seine Besucher noch eine zünftige Runde in der "Death Trap" rotieren.

Setlist DESTRUCTION:

  1. Born To Perish
  2. Nailed To The Cross
  3. Armageddonizer
  4. Tormentor
  5. Rotten
  6. Mad Butcher
  7. Thrash Till Death
  8. Betrayal
  9. Inspired By Death
  10. Life Without Sense
  11. Death Trap
  12. Bestial Invasion
  13. The Butcher Strikes Back
  14. Thrash Attack
  15. Curse The Gods

...Live To Win (oder so ähnlich)

Unsere Welt wird jeden Tag verrückter und manchmal fragt man sich, ob man nicht irgendwo hinterm Tollhaus falsch abgebogen ist. Nicht nur deswegen kann man es als glückliche Fügung bezeichnen, dass es noch Rückzugsorte wie diesen gibt, an denen man den alltäglichen Wahnsinn und die Irrationalität der Krone der Schöpfung vergessen kann. Hier sind alle gleich, niemand droht mit nuklearer Zerstörung und (fast) keiner versucht, den dünn gesäten Platz vor der Bühne gewaltsam zu annektieren. Der generationsübergreifende Zusammenschluss Gleichgesinnter manifestiert sich auf der Bühne und davor. Und wenn ich mir neben dem Entfallen der menschengemachten Apokalyspe eine weitere Sache wünschen kann, dann, dass es diese liebenswerte Gemeinschaft auch in 20, 30 Jahren fortbesteht und kommendenen Generationen die Möglichkeit einräumt, genau so verrückt zu sein wie wir.


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