19.02.2020, Wiener Stadthalle (Halle D), Wien

FIVE FINGER DEATH PUNCH + MEGADETH + BAD WOLVES

Veröffentlicht am 23.02.2020

PROLOG

„10.000 fans cannot be wrong“. Als ich dieses Statement nach dem Konzert von FIVE FINGER DEATH PUNCH auf der Facebook-Veranstaltung las, sah ich mich fast gezwungen, dieses genauer zu hinterfragen: 10.000 fans cannot be wrong, can they? Selten polarisiert eine erfolgreiche Metal-Band wie FIVE FINGER DEATH PUNCH so stark die Meinungen in der Metalgemeinde - das schaffen aktuell höchstens noch SABATON. Fans feiern FFDP als Zukunft des Metal, andere behaupten, dass eben jene bereits die Kontrolle über ihr Leben verloren haben.

Und wie so oft im Leben ist es einfach der Zugang, wie jemand ins Metalgenre findet. Einem Old-School Metaller schmerzt das Metalherz, wenn ein Urgestein wie MEGADETH vor einem Act wie FIVE FINGER DEATH PUNCH spielen muss. Für viele junge Kids, aber auch für „Ein-Mal-im-Jahr-Metalheads“ oder NOVA ROCK-Besucher ebnet diese Band wahrscheinlich aber den Weg in den Metal, wie es für viele auch METALLICA zu „Load“ und „Reload“-Zeiten taten. „Gimme fuel, gimme fire,…“ das war zwar cool, hatte mit den kompositorischen Meisterwerken der ersten vier Referenz-Alben aber nicht mehr viel am Hut. Hauptsache lässig, Tiefgründiges oder gar Rebellisches findet man bei FIVE FINGER DEATH PUNCH aber nur ganz tief unter der Oberfläche. Unterhaltung wird großgeschrieben!

Bevor ich nach der für mich notwendigen Einleitung zum tatsächlichen Konzertbericht komme, muss ich mich aber nochmal wie schon so oft die Frage stellen, wie es manchen Bands gelingt, die Stadthalle zu füllen und andere, musikalisch oft hochwertigere, in Underground-Clubs vor ca. 50 Zusehern ihr Dasein fristen müssen. Da geht man Samstags in die Linzer KAPU und kann sich mit wenigen Gleichgesinnten an österreichischen Newcomern wie VENATOR und DUSK erfreuen oder am Sonntag in der SIMM-City die lässigen MONSTER MAGNET gemütlich reinziehen.

In der Stadthalle ärgert man sich über unaufmerksames Publikum bei MEGADETH, die die Wartezeit auf ihre Band natürlich mit lautstarkem Plaudern überbrücken. Dann furzt wieder jemand genau vor einem, dass es eine Zeit lang nach Arsch riecht, oder rennt mit stinkenden Leberkässemmerl oder Hot Dogs an dir vorbei und schüttet dich mit Glück nur mit wenig Bier – seit neuestem Heineken - an. Nicht in eine Speibelache zu steigen wurde auch zu einer Kunst gekürt. Immer wieder ein Genuss!

KAPITEL 1: Böse Wölfe und Moosbeeren

So jetzt geht’s aber mit BAD WOLVES los, die gehörig mit Vorschusslorbeeren bedacht waren. Und dann knallten sie mit dem Opener „No Messiah“ auch gleich richtig los: fetter Sound, kräftige Stimme – wenn auch ordentlich durch Backing-Vocals unterstützt. Ich war da ziemlich positiv überrascht, passte auch das Gehabe, wenn es einem gefällt, eigentlich perfekt zum Headliner. Kein Wunder, dass Sänger Tommy Vext, der am NOVA ROCK 2017 als Ersatz für Ivan Moody einsprang, damals von einigen Besuchern gar nicht als solcher erkannt wurde. Mit „Foe Or Friend“ wurde sogleich stark nachgelegt, da knackt der Bass, die Gitarrenriffs fetzen und das Doublebass-Pedal an den Drums wurde ordentlich durchgedrückt.

Der restliche Auftritt war dann leider durchzogen mit Ansagen, Publikumsanimationen und Sprüchen. Zuerst die Entschuldigung, dass Tommy aufgrund einer Grippe stimmlich nicht wie erwartet abliefern kann, was sich bis zum Schluss leider immer mehr abzeichnete. Gut, er kann zwar nichts dafür, aber ich dachte, dass sich Rockstars für nichts entschuldigen müssen. Nach der lauwarmen Ballade „Remember When“ ließen BAD WOLVES mit dem hymnischen „No Masters“ nochmal Adrenalin fließen. Vor allem Tommy sorgte mit seinem durchtrainierten Körper bei einigen Männern für Wunschvorstellungen und bei Frauen für weiche Knie.

Songtechnisch konnten mich BAD WOLVES danach mit dem fast NICKELBACK-ähnlichen „Killing Me Slowly“ und dem radiokompatiblen „Sober“ nicht überzeugen. Beim letzten eigenen Song „I’ll Be There“ durften ein paar Rap-Passagen nicht fehlen und immer wieder dieselbe Ansage, „We are BAD WOLVES from Los Angeles, California“.

Mit dem finalen THE CRANBERRIES-Cover von „Zombie“ versagte die Band für meine Ansprüche - trotz den guten Absichten mit einer Ansage zur Selbstmordprävention - aber komplett. Vollkommen unnötig sowas, wie schon DISTURBED mit „Sound Of Silence“ beweisen durften. Da war der Aufruf, Feuerzeuge oder Smartphone-Lampen in die Höhe zu halten, der Todesstoß für authentischen Metal. Gut, dass nun MEGADETH an der Reihe war.

KAPITEL 2: Megatote und Symphonien der Zerstörung

„Hangar 18“ stellte von Anfang an klar, wer an diesem Abend mit grandiosen Gitarrenmelodien und –soli glänzen würde. Alleine das geniale Intro - zum Niederknien, der Gesang wie seit jeher Geschmacksache. Dave Mustaine lieferte aber ordentlich ab, als hätte es die Kehlkopfkrebs-Diagnose vor einem Jahr nie gegeben. Seine neuen Bandkollegen und das Gründungsmitglied David Ellefson am Bass, zeigten virtuos ihr Können auf ihren Instrumenten. Das im Verhältnis zum Headliner kleine Bühnensetting mit Monitoren für stimmige Visuals hätte aber einen Tick mehr Budget vertragen.

Große Ansagen waren für MEGADETH nicht notwendig, was dem Großmaul und überzeugten Christen Dave Mustaine besser zu Gesicht steht, als seine oft unüberlegten Aussagen in Interviews. In der knappen Stunde regierte die Musik, manchmal auch mit Klassikgitarren-Einlagen, was leider durch das teils nicht wertschätzende Publikum von der Lautstärke überlagert wurde. Die Setlist selbst war bei elf Titeln für das anwesende Publikum meines Erachtens nicht optimal gewählt. Es wurde kein einziger Song von „Youthanasia“ gespielt, was wohl gut angekommen wäre. Stattdessen standen gleich drei Songs von dem durchaus guten aktuellen Album „Dystopia“ auf der Setlist. Ob da neben dem abgefeierten Klassiker „Symphony Of Destruction“, der wohl bei diesem Publikum in der J.B.O.-Variante auch gut angekommen wäre, nicht auch der Titelsong „Countdown To Extinction“ die bessere Wahl gewesen wäre?

Das Finale entschädigte danach aber mit „Peace Sells“, bei dem auch Bandmaskottchen Vic Rattlehead als Mini-Version von IRON MAIDENs Eddie kurz auftauchen durfte. Die Steigerung des Songs bis zum repetitiven End-Chorus ist nach wie vor ein Meilenstein im Genre. Beim epischen Meisterwerk „Holy Wars…“ holte Dave Mustaine noch ein letztes Mal zum Rundumschlag aus und präsentierte ein Lehrstück in Sachen Metal-Songwriting. Einige Besucher, vor allem ältere Semester, goutierten die Vorstellung des Altmeisters durchaus, freuen sich aber sicher auf die nächste Vorstellung von MEGADETH als Headliner in einer kleineren Location.

KAPITEL 3: Fünf Finger Todes Schlag in schlechter Gesellschaft

Kurz vor 22 Uhr war aber nun Heavy Metal für Wrestling-Fans und „Fitnessclub-Mitglieder“ angesagt. Ivan Moody startete in einem eigenartigen Outfit mit übergroßem roten Hemd mit Stachelschultern und giftgrüner Hose dazu, auf die Bandpatches gestickt waren, mit dem Opener „Lift Me Up“ gleich in die Vollen. Ein mitsingkompatibler Ohrwurm jagte den anderen und zündete erwartungsgemäß beim Publikum, vor allem beim ersten Höhepunkt „Jekyll And Hyde“, bei dem schon nicht wenig angetrunkene Fans lautstark „Oh, yo, yo,…“ mitgrölten.

Auch die anderen Bandmitglieder - allesamt durchaus coole Socken - strahlten pures Testosteron aus. Die Bühnendeko mit überdimensionalem Totenkopf und zwei Baseball-Schlägern beindruckte. Flammensäulen, Konfettikanonen und eine Lasershow durften natürlich auch nicht fehlen. Auch zeigte sich Sänger Ivan mit Ansagen wie beim fanverbindenden „Bad Company“-Cover publikumsnah.

Schwungvoll gings dann mit „Burn It Down“ weiter und bei „We Got Your Six“ durfte Bassist Chris Kael ans Mikro. Auch wenn er für mich die lässigste Sau auf der Bühne darstellte, war der Song meines Erachtens mehr schlecht als recht gesungen. Ich finde seinen Cthulhu-Style Zottelbart ja ziemlich cool, was mich zum Gedankenspiel verleiten ließ, ob er sich die Dreads von Gitarrist Zoltan Bathory einflechten ließ. Ein noch kreativerer „restfettnbedingter“ Einfall eines Kumpels attestiere ihm, dass ihn wohl ein Bieber [Anm. d. Red.: Ich hoffe wirklich, der Herr Kollege meint den tierischen Biber und nicht den Popschlumpf?!] ins Gesicht gebissen hat und seit dem nicht mehr loslässt. Naja, Alkohol ist an dem Abend genug geflossen und viele Besucher hatten wohl ihre Sinne nicht mehr beieinander.

Ich konnte dem akustischen Balladenmittelteil mit dem patriotischen „Battle Born“ im Roland Emmerich-Modus nicht viel abgewinnen. Mit dem „Blue On Black“-Cover wurde nochmal unterstrichen, dass es sich – wie böse Zungen behaupten – um eine „Mädchen“-Metalband handelt. Danach war aber mit „Coming Down“ und „Never Enough“ zumindest wieder ein wenig Metal angesagt. Der neue Schlagzeuger Charlie „The Engine“ Engen durfte dann auch noch bei einem Drum-Solo sein Können zeigen. Es folgte „Burn MF“, bei dem „Motherfucker“ gefühlte hundert Mal wiederholt wurde. Statt einem punktgenauen Crescendo gab es dann aber eine Lasershow.

In der Zugabe stellte die Band danach den neuen Song „Inside Out“ vom neuen Album „F8“ vor. Ziemlich schnell kamen FIVE FINGER DEATH PUNCH dann zum Finale: nach „Under And Over It“ war mit dem Klassiker „The Bleeding“ bereits Schicht im Schacht und die feierwütigen Fans wurden danach mit dem „traditionellen Traditional-Song“ „The House Of The Rising Sun“ von der Band heimgespielt.

EPILOG

Mein persönliches Fazit des Abends war, dass FIVE FINGER DEATH PUNCH für mich mehr ein ökonomisches Konzept als künstlerisch-kreatives Konstrukt darstellen, bei dem auch der für meinen Geschmack hässliche und überteuerte Merchandise eine große Rolle spielt. Wenn das die Zukunft des Metal sein soll, dann Gnade uns der Teufel. Unter Authentizität verstehe ich etwas anderes. Aber na gut, jedem das seine. Ich freu mich jedenfalls schon auf das nächste VIENNA METAL MEETING, was wohl als das Gegenteil dieser Veranstaltung in der Stadthalle angesehen werden kann.

Um nochmal auf die Behauptung "10.000 fans cannot be wrong" zurückzukommen: Fragende Facebook-Kommentare auf den Konzertbesuch, wer sich so eine generische Amikacke anhört, wurden mit den Worten „andere als wir“ beantwortet, aber dort waren wir trotzdem. Metalheads, die nicht vor ihren truen Metal-Freunden bloßgestellt werden möchten, durften zumindest den Vorwand vorgeben, nur wegen MEGADETH dabei gewesen zu sein. MORTAL STRIKE Fans ließen sich die Ohren wohl erst am nächsten Tag bei TESTAMENT, EXODUS und DEATH ANGEL in der Arena durchpusten - da wurde noch praktiziert, was gepredigt wird.


WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE