10.06.2020, Pannonia Fields II, Nickelsdorf

Nova Rock 2020 - das Festival das nie stattfand: Tag 1

Veröffentlicht am 11.06.2020

Nova Rock 2020 ist abgesagt – wie alle namhaften oder nicht so namhaften Festivals nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa, ja, weltweit. Es war ein Schock für die Freunde harter Musik, dass das renommierteste Festival unseres Landes wie so viel andere Veranstaltungen der Pandemie zum Opfer fiel. Getreu nach dem Motto „You can't cancel Rock'n'Roll!“, haben wir uns Gedanken gemacht, wie Nova Rock 2020 aussehen hätte können, wenn das Festival unter Einhaltung aller Corona-Sicherheitsrichtlinien doch stattgefunden hätte.

Hierzu haben wir uns in die Person eines durchschnittlichen Festivalbesuchers versetzt und seine fiktiven Erlebnisse auf dem Festival das nie stattfand protokolliert. Vielleicht hie und da ein klein wenig übertrieben und nicht vollends ernst gemeint, präsentieren wir euch nun den ersten fiktiven Festivalbericht zum legendären Nova Rock 2020! (Reihenfolge und Spieltage der Bands evtl inkorrekt)

 

Der Auftakt

Es wurde uns gesagt, wir sollten ein wenig mehr Zeit als sonst zur Anreise einzuplanen, da wegen der Corona-Schutzmaßnahmen der Geländeeinlass schleppender als sonst stattfinden würde, da sich auf behördliche Anordnung alle Besucher schon bei Ankunft ausweisen und einem Gesundheitscheck unterziehen müssten. Nach insgesamt etwa einem ganzen Tag (so genau weiß ich das nicht mehr, da mein Gehirn irgendwo zwischen verstopfter Autobahnabfahrt – die Rückstaumeldungen im Radio habe ich geflissentlich ignoriert, man will sich ja nicht die Laune verderben – und Gesundheitscheck-Kontrollstelle ein paar Aussetzer hatte) stehe ich also nun irgendwann Dienstagnacht vor den Pforten der gelobten Pannonia Fields.

Kaltes, weißes Neonlicht strahlt unangenehm hell in die Nacht, als ich langsam an die riesige Kontrollstelle rolle. Mit rotgeränderten Augen lasse ich das Fenster herunter und blicke in die reflektierenden Schutzschilder von Seuchenschutz-Anzügen.
Ausweis?! Ja, klar, hier.
Gesundheitszeugnis?! Ääh, was, wozu?
Man erklärt mir, mit einem gültigen, maximal drei Tage alten Gesundheitszeugnis würde ich jetzt gleich weiterfahren dürfen. So wird zuerst Fieber gemessen, dann muss ich zunächst in der Parkschleife auf meine Freigabe durch den Corona-Schnelltest warten.

Während eines der beiden Marsmännchen meinen Rachenabstrich beschriftet, werde ich darüber aufgeklärt, die offizielle Festival-App auf mein Smartphone zu laden und mit meinem Bankkonto, meiner Kreditkarte oder meinem Paypal-Account zu verknüpfen. So könne ich überall bargeldlos bezahlen und zudem würde die App jederzeit meinen Standort tracken, um mich auf dem Gelände zurechtzufinden. Vor potenziell gefährlichen Kontakten würde ich damit außerdem gewarnt. Ich bin fast überrascht, dass mir nicht gleich ein offizieller Festival-Mikrochip implantiert wird.

Auf der Kontrollspur neben mir entsteht ein Tumult, als mehrere Leute in Seuchenschutz-Anzügen Warnsiegel auf einem Auto mit zwei lauthals schimpfenden Personen anbringen. Anschließend wird das Auto vom Sicherheitsdienst aus dem allgemeinen Verkehrsstrom geleitet.
Normale Vorgehensweise, erklärt mir das Seuchenschutzanzug-Männchen am Eingang. Alle Personen mit Fieber werden sofort in ein separates Quarantänegelände gebracht, von wo sie das komplette Festival per Großbild-Leinwand verfolgen können. Würde mein Corona-Test positiv ausfallen, würde man mich von der Parkschleife ebenfalls dorthin geleiten. Die Ergebnisse des Tests würde ich dann direkt via App auf mein Smartphone bekommen.

Ich schlucke und folge der Schlange an Autos, die auf das temporäre Parkgelände umgeleitet wird. Es sind nicht wenige Autos, die dort darauf warten, ob sie nun normal am Festival teilnehmen dürfen, oder die Light-Variante auf dem Quarantäne-Gelände genießen dürfen. Ich möchte die Zeit für ein Nickerchen nutzen, doch ich finde trotz der Müdigkeit keinen erholsamen Schlaf. Alle paar Minuten checke ich die App, ob ich endlich meine Freigabe bekommen habe. Es vergehen mehr als drei Stunden und es beginnt bereits zu Dämmern, als mit einem sonoren „plünnnng!“ meine App endlich auf Grün springt! Yeah, es kann losgehen!

Zeitgleich setzen sich auch ein Großteil der umstehenden Autos in Bewegung, während ein Stückchen hinter mir schon wieder ein Tumult mit neonfärbigen Warnsiegeln und erhöhter Securitypräsenz losbricht. Ich bin einfach froh, dass ich es nicht mir gilt.

Quälend langsam rolle ich mit meinem Auto über das staubige Feld, der endlosen Blechlawine folgend. Die Sonne erhebt sich über den Horizont und sogleich klettert das Thermometer wieder sprunghaft in die Höhe. Es hatte in der Nacht, wie schon in den letzten Tagen kaum, abgekühlt und drückende Schwüle machte allen zu schaffen – von der brütenden Tageshitze ganz zu schweigen. Als ich endlich auf den mir zugewiesenen Geländeteil einbiege und nach vorweisen meiner App-Bestätigung (durchs geschlossene Autofenster selbstverständlich) einen Parkplatz zugeteilt bekomme, wird mir über den Nova-Funk, den ich inzwischen auf der in der App angegebenen Frequenz im Autoradio empfangen kann) eröffnet, dass Campen dieses Jahr (mit Ausnahme Caravan-Gelände und gesonderten Flächen für Besucher ohne fahrbaren Untersatz) nicht erlaubt sei und die Besucher abgesehen von der Bewegung auf dem Festivalgelände (mit dem Sicherheitsabstand eines Babyelefanten, der uns schon auf dem Weg hierher von überall verteilten Hinweistafeln angrinst) in ihren Autos zu bleiben haben und die Fenster zu jeder Zeit geschlossen sein sollen.

Das kann ja heiter werden.

 

Tag 1 – Mittwoch

Ich werde also im Auto schlafen müssen. Dafür ist mein Kleinwagen nicht ausgelegt. Dennoch versuche ich an Ort und Stelle mein Glück, um das Schlafdefizit des Anreisetages ein wenig aufzuholen, ehe ich mich zum Festivalgelände aufmache. Doch es findet sich weder eine halbwegs bequeme Position auf zurückgestelltem Fahrersitz, noch auf der Rückbank und zudem sind die Temperaturen im Auto schon nach einer halben Stunde auf Backofenniveau. Ich gebe entnervt auf, packe meine Dokumente und eine Wasserflasche ein und beschließe das Festivalgelände jetzt gleich aufzusuchen. Am Eingang werde ich ohnehin noch lange genug aufgehalten werden – zumindest entfällt die Bändchenausgabe, da unsere Eintrittsberechtigung ohnehin schon in die App geladen wurde. Kontrolliert wird aber vermutlich trotzdem.

Ich schultere motiviert meine kleine Umhängetasche, da werde ich schon von der Seite angeblafft: „Mundschutzpflicht auf dem ganzen Gelände!!!“. Ich grunze etwas unverständliches und ziehe den staatlich verordneten Maulkorb (schlichtes Design, schwarz) aus dem Rucksack und lege ihn an. Ich frage die App nach dem Weg zum Eingang und der Bewegungstracker zeigt mir den Weg. Eigentlich bräuchte ich aber nur der langen Schlange an Fußgängern folgen. Aber immer, wenn ich einem der dutzenden anderen Punkte in der App zu nahe komme, also den Sicherheitsabstand in der Karawane, die, in Staubwolken gehüllt, wie einem kitschigen alten Abenteuerschinken entsprungen scheint, unterschreite, warnt mich die App. Schon nach kurzer Zeit beginnt das ständige Bimmeln und Vibrieren zu nerven. Ich schalte die App auf stumm.

Als ich am Horizont endlich, nach gefühlt mehrstündigem Marsch in der Gluthitze, das große Transparent des Eingangs des Festivalgeländes erspähe, bin ich schweißgebadet und bekomme kaum noch Luft. Dennoch bin ich erleichtert, endlich angekommen zu sein. Ein Blick auf die Uhr lässt mich erschrocken nach Luft schnappen (oder es zumindest versuchen – wenigstens filtert die Maske etwas den Staub, auch wenn der Stoff beginnt in der Sonne meine Haut zu verbrennen. Morgen nehme ich eine helle Maske.), denn es ist schon weit nach Mittag. Ob ich es noch rechtzeitig zu den heimischen Rabauken von BLACK INHALE schaffe, die den Leuten bestimmt die Rübe abschrauben werden und für einige verstörte Gesichter bei den Mainstream-Besuchern sorgen werden?

Ich browse durch die App, um die genauen Spielzeiten herauszufinden und stelle dabei fest, dass ich mir mein eigenes Festivalprogramm zusammenstellen kann, mich die App an meine vorgemerkten Acts erinnern kann und mir gleich den Weg zur jeweiligen Bühne anzeigt. Ist ja doch ganz praktisch. Natürlich verstreuen sich meine Favoriten auf alle drei Bühnen. War ja klar.

Während ich quälend langsam in der Babyelefanten-Warteschlange dem Eingang entgegenstrebe, beginnt meine Laune zu sinken. Mein Wasser ist aus, ich habe Durst, mir ist heiß, ich bin müde und ich will verdammt nochmal endlich mein Bier und eine verdammte Dosis Metal! Den Leuten ringsum, die wahlweise nervös von einem Fuß auf den anderen treten oder sich in der glühenden Hitze gerade noch auf den Beinen halten können, scheint es ähnlich zu ergehen. Ich beginne bunte Sternchen zu sehen, aber traue mich nicht den Mundschutz abzunehmen. Tapfer halte ich durch, bis ich endlich an der Reihe bin.

Fieber messen, Ticket checken, Ausweis checken, App checken (mit Mundschutz und Abstand, obwohl die Kontrolleure in einer Plexiglasbox hocken) Taschenkontrolle (selbstverständlich in voller Seuchenschutzmontur), dann darf ich endlich den heiligen Acker betreten! BIER!

Die Corona-konforme Schlange an den Buden der Fressemeile, die ich nach einem gefühlt halbstündigen Fußmarsch erreiche, ist mindestens so lang wie am Eingang. Die App warnt mich, dass BLACK INHALE bald loslegen werden und ich zuerst noch den Weg zu der Bühne vor mir habe. Ich muss mich also zwischen Bier und Metal entscheiden. Zähneknirschend mache ich kehrt und folge dem vorgeschlagenen Weg zu einer der beiden Hauptbühnen, mich durch die wirr durcheinanderlaufenden Besucher schlängelnd. Im Bestreben, den Abstand einzuhalten, renne ich ja jetzt schon wie ein Besoffener durch die Gegend. Ich habe einen Mordsdurst, aber ich will jetzt endlich meine Dosis Metal, meine Gnackwatschn am Nachmittag, damit mein sonnenverbranntes Hirn endlich wieder klar denken kann! Außerdem darf man am Bühnengelände (angeblich) diese verdammte, inzwischen komplett tropfnasse Maske ablegen.

Überraschung! Vor dem Eingang zum Bühnengelände schon die nächste Babyelefanten-Schlange! Ich reihe mich mit sinkender Laune ein und warte. Und warte. Und warte. Irgendwo aus der Ferne höre ich das Thrash-Gewitter von BLACK INHALE. Die Bühne sehe ich nicht einmal. Als ich dann endlich nach Fiebermessung, Ausweisen, App-Check und Leibesvisitation vom Marsmännchen eingelassen werde, sind BLACK INHALE schon beim letzten Song. Ich sehe mich um, und bin verwirrt – wo ist eigentlich die Bühne? Ich werfe einen Blick auf meine App und... erstarre. Erst jetzt realisiere ich die unzähligen Quadrate, die irgendwelche Helferleins sorgfältig mit Kalkfarbe auf den staubigen Acker gemalt haben. Die App zeigt mir, dass dieses Feld grün ist. Ich gehe noch ein Feld weiter und noch eines. Dann noch eines. Die App randaliert, denn das Feld ist bereits von einem anderen Besucher besetzt. Ich weiche nach links aus und rücke weiter vor. Was zur Hölle ist das hier, Besucherschach? Irgendwann komme ich nicht weiter. Alle Felder ringsum sind rot und irgendein kleines eckiges Ding am Horizont buhlt mit blitzenden bunten Lichtern um meine Aufmerksamkeit. Das soll die Bühne sein? Ich ächze.

Die App teilt mir mit, dass ich den Mundschutz abnehmen darf, so lange mein Feld grün ist, ich also meinen privaten Bereich habe. Ich wundere mich, warum die Leute ringsum ständig auf ihre Handys starren, anstatt zur Bühne zu schauen. Gut, man sieht genau nichts davon, weil diese so weit weg ist, doch wenn man schon mal hier ist...?

„Show streamen?“ schlägt mir die App vor. Ich drücke auf den Button und – sehe, wie BLACK INHALE gerade die letzten Takte ihrer finalen Abrissbirne ins Publikum schmettern. So funktioniert das also. Einige Zuschauer rund um mich applaudieren und johlen, während die Kamera einen Schwenk von dem sich gerade von der Bühne verabschiedenden Vierer über das Publikum macht. Fein säuberlich sortiert, jeder Besucher in seinem persönlichen Babyelefanten-Viereck, applaudieren und winken die Leute in die Kamera. Das sieht einfach nur... unwirklich aus. Ich beende frustriert den Stream und steuere den nächstbesten Bierstand an. Wenn ich jetzt nicht bald mein Bier bekomme, werde ich unentspannt.

Die Kitschkleb-Metaller von BEAST IN BLACK mit ihrem in unerhörten Höhen singenden Sänger hätte ich zu gerne gesehen, doch mein Flüssigkeitslevel ist gerade wichtiger. Doch halt – ich kann die Show doch auch streamen! Ich krame mein Handy heraus, das mir passenderweise gerade mitteilt, dass BEAST IN BLACK gleich auf der zweiten Hauptbühne loslegen werden. Ich suche vergeblich den Stream-Button, scrolle wie ein Wilder durch die App und fluche irgendwann lauthals. „Funktioniert nur, wenn man am richtigen Bühnengelände ist. Die Idee hatte ich auch schon.“ teilt mir ein Besucher, der meinen kurzen Ausbruch verfolgt hatte, unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes mit.

Ich grunze etwas Unverständliches in meinen Maulkorb, werfe einen erneuten Blick auf meine App und streiche BEING AS AN OCEAN von meiner Liste. Bis ich an mein Bier komme, schaffe ich den Fußweg zur Red Bull Stage nicht mehr, um noch etwas von der Show der atmosphärischen Metalcore-Partie zu sehen. Dabei hätte das stimmungsvolle, vergleichsweise sanfte und getragene Liedgut eine schöne Entspannung nach den bisherigen strapaziösen Erfahrungen versprochen. Müssen es eben die BLACK VEIL BRIDES rausreißen, die als nächstes auf diesem Gelände dran sind. Nicht gerade meine Favoriten, die geschminkten amerikanischen Rocker, bei denen die Frauenherzen nur so dahinschmelzen - aber zumindest Musik. Wenigstens einmal eine ganze Show und vielleicht können mich die Amis ja überraschen.

Ich hole mir den großen 2,5l-Container; Löblich, dieses Großgebinde spart viel Anstellzeit – allerdings wird die Plörre in einer halben Stunde brühwarm sein. Aber wenigstens kann ich den Plastikkübel mit spezieller Gürtelhalterung überall hin mitnehmen. Besser warmes Gesöff, als gar nichts.

Ich spiele wieder das Besucherschach-Spiel und arbeite mich mit strategischen Moves und dem ein oder anderen Cheat über ein eigentlich besetztes Feld nach vorne. Endlich sehe ich die massige Bühne aus „nur“ mehr knappen 200m Entfernung. Man kann sogar mit viel Fantasie Menschen auf der Bühne erkennen! Einigermaßen zufrieden lasse ich mich auf den Boden sinken, stelle den Kübel mit dem sich erwärmenden Bier neben mich und warte auf den Beginn. Als es wieder losgeht, weiche ich doch recht schnell auf den Stream aus, da ich nicht wirklich etwas sehe. Links und rechts von mir shaken Mädels in knappem Sommeroutfit, schräg gegenüber knutscht ein Pärchen (ist das überhaupt erlaubt? Oder wohnen die zusammen? Ok, ich will es nicht wissen. Auch nicht zu lange beobachten, wie sie sich gegenseitig die Zungen in den Rachen stecken.) Vor mir dreht ein Schlachtschiff von einem Groupie komplett durch und kreischt und winkt am laufenden Band – der Grund, warum ich das Konzert wegen visueller Einschränkung lieber via App verfolge.

Zugegeben, die BLACK VEIL BRIDES sind gar nicht so schlecht, vor allem die exzellente Gitarrenarbeit ist durchaus anzuerkennen. Die Infos die im Stream immer wieder eingeblendet werden sind ebenfalls interessant – dass der starke Clean-Sänger der Band mit Nachnamen „Biersack“ heißt, beschert mir einen spontanen Lachanfall. So wird ausgerechnet eine Band, der ich sonst eigentlich nichts abgewinnen konnte, zum Rettungsanker meines bisherigen Festivaltags. Die Red Bull Stage, auf der heute noch DEEZ NUTS die Hardcore-Sau rauslassen sollen, habe ich nämlich schon als unerreichbar abgeschrieben.

Ich spende den BLACK VEIL BRIDES ihren verdienten Applaus (keine Ahnung ob sie das aus der Entfernung überhaupt noch hören) und mache mich sofort auf die Socken in Richtung der anderen Hauptbühne. Vielleicht kann ich von den schwedischen Alternative-Rockern MANDO DIAO noch den einen oder anderen Song mitnehmen, bevor die Schlacht um die besten Plätze für die japanische Metal-Sensation BABYMETAL los geht. Die Punker THE DISTILLERS auszulassen fällt mir jetzt nicht so schwer, aber so viel wie über die schrägen Japangirls schon geschrieben wurde, muss man sich den Wahnsinn direkt einmal ansehen.

Dank der üblichen Kontrollen am Eingang zum anderen Bühnengelände schaffe ich es gerade so zum Beginn von BABYMETAL hinein und muss auf dem kurz vor der Sperre durch Überfüllung stehenden Gelände ganz hinten mein Babyelefanten-Fleckchen beziehen. Ich verfolge die quietschbunte, überdrehte Show auf meinem Handy, das die hohen Stimmen der Sängerinnen so dermaßen unangenehm kreischend an meine Kopfhörer sendet, dass es mir nach einer halben Stunde zuviel wird. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch zu KORN auf der anderen Bühne...?

Nein, natürlich nicht. Pünktlich zu den letzten Takten haste ich mit meinem lebensspendenden Plastikkübel, in dem sich nur noch ein trauriger Rest pisswarmen Biers befindet, auf das Bühnengelände. Ich beziehe sofort Stellung an der Bierbude und schaffe es tatsächlich meinen Kübel auffüllen zu lassen, noch bevor SYSTEM OF A DOWN loslegen. DEICHKIND, deren Klänge indes weit entfernt von der anderen Bühne herüberwehen, interessieren mich dafür so gar nicht.

Ich versuche mich ein weiteres Mal am Besucherschach, doch die Strategie geht nicht auf. Ich muss, eingekesselt von besetzten Feldern, mit dem hinteren Drittel vorliebnehmen. Wenigstens funktioniert der Stream gut und auch die satten Alternative-Klänge von Serj Tankian, Daron Malakian und Konsorten, die sich einmal mehr in ihrem nicht so arg reichhaltigen Backkatalog bedienen, werden druckvoll ans Ohr geliefert – wenn man schon von der Bühne außer gelegentlichem Donnern des Basses nichts hört. Die Strapazen des Tages machen sich nun immer stärker bemerkbar, dass ich der starken Show, die aber nicht mit dem wahnwitzigen 30 Songs starken Auftritt von 2017 mithalten kann, nur rudimentär folgen kann. Gut, vielleicht liegt es auch an dem dank der etwas erträglicheren nächtlichen Temperaturen nicht so schnell abkühlenden Bier, das zu einem Gutteil vom Kübel in meinen Magen gewandert ist – gegessen habe ich nämlich den ganzen Tag nichts.

Im tosenden Schlussapplaus des riesigen Geländes überlege ich noch, ob es Sinn macht, etwas zu Essen zu suchen, oder erst am Auto ein Dose Ravioli zu schlachten – warm genug werden sie im Auto ohnehin noch sein. Ich entschließe mich für die Essen-im-Auto-Variante und mache auf dem Rückweg, von drängenden Gefühlen gelenkt, an einer Mobilklo-Reihe unfreiwillig lange Station – ein Heer an Dixi-Prinzen muss die Plastikhäuschen nach jeder Benutzung desinfizieren. Fast hatte ich befürchtet die olfaktorische Belastung der massiven Einlagen meiner Vorgänger und der ätzende Geruch des Desinfektionsmittels würden mir den Appetit verschlagen – doch als ich nach dem gefühlt mehrstündigen Marsch (ich muss das morgen wirklich mal checken wie weit das ist...) an meinem Auto ankomme (die App hat mich tatsächlich zielstrebig dorthin geführt, ich liebe sie doch schon ein wenig), hängt mein Magen so dermaßen in den Kniekehlen, dass ich gleich zwei Dosen Ravioli meinem Magen überantworte.

Im Auto ist es allerdings weit nach Mitternacht noch immer so heiß, dass an Schlaf nicht zu denken ist - nachdem das Öffnen der Fenster nicht erlaubt ist, setze ich in Gedanken ein feuchtes Häufchen auf den Klimaschutzgedanken und tue es den unzähligen auf die gleiche Idee gekommenen gleich, starte mein Auto und drehe die Klimaanlage auf.

Für morgen brauche ich einen besseren Plan...


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