17.11.2021, Garage, Saarbrücken

TERRORGRUPPE + ELFMORGEN + SHIRLEY HOLMES

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 21.11.2021

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Hallo Nachbar!

Sapperlot, ist mein erstes TERRORGRUPPE-Konzert wirklich schon achtzehn Lenzen her?! Und hat sich in dieser beträchtlichen Zeit wirklich so wenig geändert? Gestern ein vorlauter Rotzlöffel aus der zwölften Klasse, heute ein vorlauter Mittdreißiger, der nach wie vor nichts von musikalischen Anstandsregeln und Reifungsprozessen jeglicher Art (abgesehen vielleicht mal von der alkoholischen Gärung oder der Herstellung von Käse) hält...um mich herum eine Welt, die sich Tag um Tag redlich bemüht, sozialkritischen Satirikern wie der TERRORGRUPPE Steilvorlagen zu präsentieren.

...und Punker! Eine kleine Gruppe gut gelaunter und moderat betankter, ungefähr gleich alter Punkrocker, die mit einem zeitgemäßen Ghettoblaster im Format "Faxe-Dose" die Bleichstraße und den halben St. Johanner Markt mit erlesenen Exquisitäten wie FAHNENFLUCHTs "Ohne Ausweg" beschallen. Man witzelt über Corona, BSE oder die Maul- und Klauenseuche und die anlassbezogen aufgebohrte Eingangskontrolle wird zum ungewollten Spektakel - Handy raus, Handy rein, Ausweis raus, Ausweis rein, Tickets in der Achselhöhle gebunkert, rauf, runter, hin und quer Kreuztransfer...da bin ich froh, dass am Ende wenigstens noch mein eigener Sack an Ort und Stelle und nicht in der Hose des Nebenmannes prangt.

SHIRLEY HOLMES

Und so wie wir uns nach dem obligatorischen Besuch am Textil- und Hartwarenstand die erste Ration Flüssignahrung einverleibt haben, geht es auch schon los mit dem Eröffnungsact SHIRLEY HOLMES. Das zehnsaitige Sirenenduett an der Front geht sogleich auf Tuchfühlung, betreibt aktive Kommunikation mit dem noch dezent angefrorenen Publikum und erkundigt sich nach der sonderbaren Architektur der Venue, in deren Mitte ein verdächtig menschenleeres Loch klafft. Doch während das Gros der versammelten Meute die ersten Songs aus sicherer Entfernung bestaunt, trauen sich einige Mutige bereits ins Zentrum besagter Architektur und folgen dem Aufruf zu rituellen Tanzhandlungen. Zwar muss sich das Trio anfangs ins Zeug legen, das Eis zu brechen und die Gäste in Wallung zu bringen, doch ein gemeinschaftlicher Exkurs in die Sprachwissenschaften, der einen Pogotänzer scheinbar als Bajuwaren entlarvt, lässt die versammelte Besucherschaft lautstark klarstellen, dass der Tourbus nicht irgendwo zwischen Bonn und Trier falsch abgebogen ist ("Saarland asozial, schalalalala!"). Und nachdem sich mit einem Titel namens "Im Affenhaus" ein respektabler Anteil des Auditoriums angesprochen fühlt, scheint die Mission von SHIRLEY HOLMES schlussendlich geglückt, Beifall und Zugabenrufe inklusive!

Setlist SHIRLEY HOLMES:

  1. Nadines Korsett
  2. Oh Oh
  3. Binichbinich
  4. Das Licht
  5. Auszeit
  6. Vöglein
  7. Smells Like Team Spirit
  8. Im Affenhaus
  9. Machst Du Frühstück
  10. Tanzen
  11. Schachmatt
  12. Ride On Me

ELFMORGEN

Schon während die humorvoll-eindringlich-ehrlichen Hessen von ELFMORGEN zu konservierten BON JOVI-Klängen die Bretter betreten, wird klar, dass die zweite Kapelle des Abends dank versammelter Fanbase keiner weiteren Aufwärmrunde bedarf. Aus drei Mutigen werden mindestens zwölf, der humanoide Wackelpudding vorm Wellenbrecher beginnt sich zu formieren und die gut gelaunten Herren auf der Bühne eröffnen mit einem Staffellauf von expliziter Lyrik, der das politisch gebildete Publikum nur noch weiter anheizt. Band und Crowd sind auf einer Wellenlänge, doch so richtig heiter wird die Stimmung erst, als ELFMORGEN ihren textlichen Schwerpunkt nach reichlich ernsten Themen endlich in Richtung Nonsens, Alltagssatire und Genitalhumor lenken. Die Aversion gegen den braunen Sumpf mag vereinen, doch zünden Songs über die unerreichbaren Ideale chemikalienfreier Potenzmittel auf VHS ("das Leben ist hart ohne Oberlippenbart...") oder den Beziehungskiller IKEA ("nur für dich fahr' ich samstags zu IKEA") einfach am besten. Und so wahr die Freizeitsportler vor der Bühne nach dem humorvollen und abschnittsweise sogar berufsberatenden Set von ELFMORGEN ("wenn ich groß bin, werd ich Kapitän auf der MS Leck mich am Arsch") erheitert, gedehnt und warmgepogt sind, ist die Zeit reif für eine letzte Runde zünftigen Aggropop.

Setlist ELFMORGEN:

  1. Tanz
  2. Gestern erst gesehen
  3. Kind
  4. Anlauf
  5. Junger Mann
  6. Brauner Bär
  7. Bei aller Liebe
  8. Sommer
  9. Halt die Welt an
  10. Oberlippenbart
  11. Nur für dich
  12. Du wirst alt
  13. Kapitän

TERRORGRUPPE

Schrottige Trompetentöne, die klingen, als habe das Instrument eine unglückliche Begegnung mit einer Dampfwalze verkraften müssen, geleiten das Berliner Kultgespann ins letzte Gefecht im deutsch-französischen Grenzgebiet. Und weil heute ganz sicherlich keine "Nazis im Haus" sind, wird geradewegs und von der ersten Note an geprügeltanzt - von Schwermut (noch) keine Spur. Ausgelassene Stimmung, sprudelnde Gerstensaftfontänen, fröhliche Gesichter auf der Bühne und davor - das dargebotene Hitfeuerwerk lässt die Punkerinnen und Punker rotieren wie Paranüsse im Mixer. Die Gags mag man von vergangenen Touren bzw. der "Superblechdose" kennen und auch die (hochkarätige) Setlist bietet naturgemäß keine allzu großen Überraschungen, aber der Spirit stimmt und die TERRORGRUPPE zockt wie das blühende Leben. Bei seinen Ansagen ist "Archi MC Minnie Mouse", wie man ihn heute liebevoll nennen möchte, heiser wie ein Räucheraal, doch in den Songs gibt der charismatische wie modebewusste Frontmann alles und auch in Sachen Geschwindigkeit kennen die Berliner kein Pardon. Die Herren haben sichtlich Bock und bringen so manchen alten Gassenhauer derart motiviert rüber, dass man sich schnurstracks in die frühen 2000er zurückversetzt fühlt oder meint, die alte "Blechdose" liefe vom Band. Die rund 100 Minuten Vollverschrottung vergehen wie im Flug und wenn es nach den singenden und tanzenden Menschen im Saal ginge, wäre danach erst Halbzeit - aber jedes noch so elektrisierende Konzert geht irgendwann zu Ende. So heißt es um kurz nach elf auch für uns "wir müssen raus". Mit dem nun allmählich aufwallenden Abschiedsschmerz im Gemüt waten wir durch ein Meer von Bier und blicken in die glasigen Augen vieler Fans, denen es offenbar genauso geht.

Setlist TERRORGRUPPE:

  1. Nazis im Haus
  2. Leider nur ein Traum
  3. Gestorben auf dem Weg zur Arbeit
  4. Fettes betrunkenes dummes Schwein
  5. Allein gegen alle
  6. Tresenlied
  7. Kathedralen
  8. Schmetterling
  9. Wochenendticket
  10. Sie nationalsozialistische Bullensau
  11. Sabine
  12. Schlechtmensch
  13. Rumhängen
  14. Männers
  15. Keine Airbags für die CSU
  16. Ernst August II
  17. Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin
  18. Keiner hilft euch
  19. Namen vergessen
  20. Adolf Hitler (dem sein Bart)
  21. Opa
  22. Schöner Strand
  23. Hurra, die Welt geht unter
  24. Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland
  25. Wir müssen raus

Tschüssikowski!

Das war's. Schluss, aus, Ende. Die TERRORGRUPPE sagt "Tschüssikowski" und zieht weiter in Richtung Stuttgart, wo die Fans derselbe Strudel aus Bier und Freudentränen erwartet wie die Saarbrücker heute. Und so viel steht nach diesem Abend fest: wenn der MC und seine Spießgesellen mit der Punk-Rente ernst machen und ihr Lebenswerk wie angedroht final verschrotten, dann sei ihnen versichert, dass man wohl kaum würdevoller abtreten und sich selbst ein Denkmal setzen kann als mit der heute abgelieferten Show [Anm. d. Verf.: leider musste die TERRORGRUPPE den Rest ihrer Tour nur drei Tage später wegen ihr-wisst-schon-was absagen...so sollte die Karriere dieser Ausnahmeband nicht enden!]. Auf unserem Heimweg paart sich Freude mit Schwermut, ich schwelge in Gedanken über den heutigen Abend und meinen ersten, schweißtreibenden TG-Besuch auf der "Fundamental"-Tour 2003…weichgekloppt und durchgeschwitzt im selben roten Terror-Shirt...in einem kleinen Schuppen, den es heute schon lange nicht mehr gibt.

In diesem Sinne: macht's gut, Leute! Genießt den schönen Strand, haltet euch von Lastwagenfahrern fern und passt schön auf die Käfer auf! Vielen Dank für eure Musik, eure Shows und den fetten Fußabdruck, den ihr in meinem humoristischen Repertoire hinterlassen habt! Und falls euch zwischendurch doch mal langweilig wird und wir uns auf der "50 Jahre TERRORGRUPPE Tour" wieder sehen, ersetze ich gerne mein standesgemäßes "Fick dich, du Arschloch" gegen ein respektvolles "Opa, halt's Maul"! Tschüssikowski TERRORGRUPPE!


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