30.10.2013, ((szene)) Wien

KARNIVOOL

Text: Mike Seidinger | Fotos: caroline
Veröffentlicht am 15.11.2013

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Letztes Mal in Wien leider versäumt, am Sonisphere-Festival in Knebworth vor zwei Jahren haben sie mir zu früh gespielt - aber heute komme auch ich endlich in den Genuss, die Australier von KARNIVOOL live zu erleben. Die Wiener Szene ist mit über 400 Leuten beinahe ausverkauft, und dem Sprachwirrwarr nach zu urteilen stammen viele der anwesenden Prog-Enthusiasten aus Ungarn, der Tschechei, ja sogar aus Slowenien. Die Opener HAELO haben nun schon ein paar Tour-Dates mit KARNIVOOL absolviert, und der Fünfer ist mit vollem Enthusiasmus bei der Sache. Stilistisch dem Haupt-Act nicht unähnlich, schwingt in den Songs aber eher eine Prise INCUBUS mit, was vor allem Sänger David Szabó geschuldet ist. Spieltechnisch einwandfrei präsentieren sich die Ungarn, die auch hörbar zahlreich ihre Fans aus dem Nachbarland rekrutiert haben, sie heute hier zu unterstützen.

Insgesamt sicherlich schon reif für große Bühnen, wird die Mucke doch ein wenig langweilig nach drei, vier Nummern. Als Opener für KARNIVOOL passt das Budapester Quintett aber trotzdem perfekt in den Rahmen und kommt sympathisch und unkompliziert rüber. Natürlich ist es irgendwo schade dass die Szene heute nur deswegen so voll ist, weil mehr als die Hälfte der Fans aus dem nahen Ausland angereist sind (Österreich ist auf dem Prog-Sektor einfach hinten nach - man muss es so formulieren!), aber die Stimmung ist toll und der Altersschnitt wird allein durch meine Anwesenheit locker auf das Doppelte getrimmt. KARNIVOOL haben sich in den letzten Jahren genug Routine erspielt, um sich heute als hart arbeitendes, perfekt synchronisiertes Präzisions-Uhrwerk zu präsentieren, ohne dabei an Spontaneität einzubüßen. Zwar sind Tracks wie "Nachash" und "AM War" für einen geschmeidigen, runden Einstieg das falsche Programm, aber nach diesen zehn sperrigen Minuten erwacht das Kollektiv zu ungeahntem Leben, lässt das Steife hinter sich und spielt eigentlich alle Songs, die zumindest ich mir für heute erhofft habe, mit ungeahnter Hingabe.

Die Dynamik des Quintetts ist einzigartig, nur der Roadie, der am Bühnenrand ständig die Gitarren und Bässe stimmt, wirkt aus meiner Position störend, denn manchmal sieht es aus, als wären drei Gitarristen zugange. Fad wird dem Herren allemal nicht, erfolgt nach jedem Song zumindest ein Gitarren- oder Bass-Wechsel - das Konservatorium lässt grüßen! Nun sind die Aussies bei Gott keine technikverliebten Frickel-Freaks, aber sowohl das Instrumentarium als auch das jeweilige Können an den Instrumenten dürfen sich sehen lassen. Es gibt denke ich ganz wenige Bands, die ihre Lieder mit solch einer Intensität glaubhaft vortragen. Sänger Ian Kenny sieht aus als hätte Sheldon Cooper bei KRAFTWERK angeheuert, wirkt an der vorderen Bühnenkante immer ein wenig verloren, selbst wenn er sich mal am Mikroständer anhalten kann scheinen seine Bewegungen fahrig, der ist Blick ist meist statisch ins Leere gerichtet. Wenigstens bedankt der schlaksige Typ sich artig beim Publikum und wird seiner Sangesleistung auf Platte mehr als gerecht.

Eigentlicher Mittelpunkt ist aber Bassist Jon Stockman. Selten habe ich einen agileren Tiefton-Zupfer gesehen, der so ganz nebenbei auch noch ziemlich artistische Spielmuster aus seinen diversen Sechssaitern schüttelt. Musikalisch kann den fünf Jungs aus Perth in dieser Liga so ziemlich keiner was. Und dass sie den Nerv der Zeit mit einer Melange aus New Metal, Art-Rock, Progressive Metal und DJent genau treffen, zeigt sich in der Zusammensetzung des Publikums: Mützenträger, Studenten, Teenies und deren Eltern, hie und da sogar ein Metaller dazwischen. Und auffallend viele Frauen. KARNIVOOL deswegen aber als klassische "Metal-Boyband" zu behandeln wäre etwas abwegig, auch wenn die Fünf von Mutter Natur neben Talent auch noch mit halbwegs erträglichem Aussehen ausgestattet wurden. Zumindest die Gitarristen Andrew Goddard und Mark Hoskins entstellen sich momentan aber eher durch Vollbärte in Kombination mit einer fetzigen Nik Kershaw-Frisur. Überhaupt wirken die Fünf trotz der Spielfreude schon ein wenig müde von den absolvierten Live-Konzerten, oder sie sehen heute Abend einfach nur ein wenig erledigt aus. Nichtsdestotrotz stimmt die Musikalische Leistung zu hundert Prozent und man steht gute eineinhalb Stunden auf den Szene-Brettern.

Nach dem großartigen "New Day" als letzte Zugabe - einer meiner absoluten Lieblings-Songs - gehe ich mit dem Gewissen nachhause, heute hier eine ganz außergewöhnliche Band erlebt zu haben, mit der man in Hinkunft extrem rechnen muss, und die jetzt bereits so zeitlos genial ist, dass ihr ein Platz in den Annalen der Rockmusik mehr als sicher scheint. KARNIVOOL sind viel mehr als die anfänglich vielerorts strapazierte Schnittmenge aus MUSE und TOOL. Ihre Musik ist und bleibt zukunftsweisend, die heutige Performance hat das nur noch mehr unterstrichen und der Gig wird noch lange in den Köpfen der Anwesenden nachhallen!

Setlist:

Nachash AM War Themata Goliath Simple Boy Eidolon All I Know The Refusal We Are Set Fire To The Hive Sky Machine __________________ Alpha Omega New Day Spezieller Dank an Caro Traitler für die zur Verfügung gestellten Bilder!


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