21.03.2015, Großer Rathaussaal, Telfs

DELAIN

Text: Laichster | Fotos: Laichster
Veröffentlicht am 24.03.2015

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Während sich in Innsbruck und Landeck die eher härtere Gangart des musikalischen Live-Spektrums breitgemacht hat, so hat sich die Rock-City Telfs dank des Vereins Telfs Lebt zu einer Hochburg für klassische Rocker und Fans der gediegenen metalischen Klänge entwickelt und heute präsentiert man uns wieder ein Package, das sich in dieser Form mehr als gewaschen hat. Drei hochkarätige Acts werden den Rathaussaal mit ihrer jeweiligen ganz eigenen Interpretation des stählernen Genre erzittern lassen, eröffnen darf zu diesem Zweck heute eine der erfolgreichsten einheimischen Bands, die Tiroler Symphonic-Kombo SERENITY, gefolgt von Schwedischer Metal-Coolness in Form der einzigartig irren MUSTASCH und als Headliner dürfen heute die Holländer von DELAIN das Herz eines jeden Symphonic-Female-Fronted Fans beglücken. Wer den Schreiberling ein wenig kennt, der wird wissen dass sich beim Einhorn-Genre ihm meist die Haare aufstellen und er schnellstens mit seinem Panzer den Rückzug in sicheres Death-Metal Land antritt, doch man sollte sich nicht von subjektiver Engstirnigkeit leiten lassen und so tritt man heute doch den Sturm an die Regenbogen-Front an, den allein schon MUSTASCH sind immer eine Reise wert, der harte Kern der Tiroler Krawall-Fetischisten sieht das natürlich ein wenig anders und bleibt zuhause, nichtsdestotrotz füllt sich der Rathaussaal am heutigen Abend recht gut, man hätte doch mit weniger Publikum gerechnet und ist wiederum verwundert über die beträchtliche Anzahl von weit her angereister Fans, richtig knackvoll wird es dann aber doch nicht und als der Opener pünktlich um 20:00 Uhr den Abend eröffnet versammelt sich alles vor der Bühne.

SERENITY:
SERENITY sind eine der wenigen Bands, die es geschafft haben von einer lokalen Kombo zu Weltruhm aufzusteigen, was nicht zuletzt ausverkaufte Shows quer durch Europa bewiesen haben. Die Kombination aus bombastüberladenen Symphonic-Sound und die lyrische Beschäftigung mit geschichtsträchtigen Themen der Renaissance und des Barock, abgemischt mit einem Schuss ritterlichen Schnulzentums zieht nicht nur bei den weiblichen Fans, die vom Ritter in glänzender Rüstung am weißen Hengst Träumen. Geschuldet ist die meist säuberlich recherchierte und korrekt in Szene gesetzte Zeitreise Fronter Georg Neuhauser, welcher sich in seinem Brotberuf als Geschichtslehrer verdient und so die Basis für das ins Heute transportierte Spiel aus barocker Operette und höfischen Maskenball liefert, was zuletzt eindrucksvoll 2013 mit der Langrille "War Of Ages" (zum Review) unter Beweis gestellt wurde. Vorhang auf und unter der Intro Musik von "Game Of Thrones" marschieren die SERENITY-Landsknechte mit Gast-Vokalistin (deren Namen mir leider trotz Vorstellung auf der Bühne entfallen ist, man möge diesen kurzzeitigen Anfall von Alzheimer verzeihen, Madame wird mir jedoch aufgrund ihrer hervorragenden gesanglichen Leistung auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben), welche die aus der Band ausgeschiedene Clémentine Delauney vertritt ein.

Am heutigen Abend gibt es somit ein Gastspiel im Land von Kaiser Maximilian und sich der eigenen Wurzeln stets bewusst zeigt sich die Band dementsprechend motiviert, Publikumsnah und vergisst nicht zu betonen, welche Ehre es ist wieder einmal auf heimischen Boden zu gastieren, der Kontrast zwischen Fronter Georgs kernigen Eingeborenen-Slang und dessen was er aus seinen Stimmbändern alles herausholen kann könnte nicht größer sein, das Tonmischer Glück liegt heute jedoch nicht ganz auf der Seite der Local-Heros, gerade hohe Gesangspassagen klingen des Öfteren übersteuert, was den Glanz einer solch von gesanglicher Leistung getragenen Performance ein wenig schmälert. An der instrumentalen Front gibt es nahezu die gleichen Probleme, den eingeschworenen Fans sind solche vom Kritiker aufgezeigten Mängel natürlich hübsch egal und sie feiern ihre SERENITY lautstark ab, was sich schon zu dieser frühen Uhrzeit durch Mitsingchöre und obligatorisches Händemeer äußert. Nummern wie "Coldness Kills" erwärmen das Herz einer jeden schmachtenden Frau, nur um kurz darauf bei "Legacy Of Tudors" feststellen zu müssen, dass der Herrscher seine Geliebte auch schon mal bei Nichtgefallen einen Kopf kürzen kann, auch wenn dies nicht direkt in den Lyrics thematisiert wird, war es doch des Verfassers erster schwarzhumoriger Gedanke auf Kosten der zahlreich vertretenen Anne Boleyn Wanna-Be-Mädels. Der Sager von Fronter Georg, dass es SERENITY-Merch für Einheimische gegen Vorlage eines Touristenausweises vergünstigt gebe sticht dann noch hervor und beschert nicht nur dem Verfasser einen herzhaften Lacher. Vor Schluss gibt es noch ein kurzes spontanes Duett mit SERENITY-Urmitglied Mario Hirtzinger, welcher eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er es immer noch drauf hat und Fronter Neuhauser doch kurzzeitig, dem Überaschungseffekt geschuldet, in den Schatten stellt. Mit "Serenade Of Flames" geht eine ambitionierte Show zu Ende und hinterlässt glückliche Fans und einen etwas auf die Technik angefressenen Rezesenten, nichtsdestotrotz eine solide Darbietung.

MUSTASCH:
Wer die meist angetrunkenen und voll durchgeknallten Schweden schon einmal Live erleben durfte, der weiß was jetzt gleich Folgen würde, ein Abriss sondergleichen, der sich selbst nicht sonderlich ernst nimmt und vor Coolness nur so strotzen würde. Zuletzt wurde die Highway-Cruise-Tauglichkeit mit dem Longplayer "Thank You For The Demon" (zum Review) wieder einmal mit Leichtigkeit unter Beweis gestellt und genau diese für die Band selbstverständlich leichtfüßige und gleichzeitig zügellose Art der Stimmungsmache sollte auch heute durch den Rathaussaal wüten. Also auf an die Front zu der Absperrung aus zusammengestutzten Bauzäunen, was gerade passend für den räudigen Stil einer Truppe wie MUSTASCH erscheint und als ein Roadie noch schnell fünf Flaschen Bier und eine Rotweinbottle zum Zwecke isotonischer Erfrischung für die Protagonisten auf der Bühne platziert ist klar: MUSTASCH has entered the building!

Das wichtigste an jeder Show der schwedischen Institution ist ihr Fronter Ralf Gyllenhammar, der charismatische, wahrscheinlich recht selten nüchtern anzutreffende Mann mit dem Irokesen und eigenwilligen Bartschnitt ist das was man findet wenn man im Brockhaus unter Rampensau nachschlägt. Personifizierte Fuck-Off Attitüde gekreuzt mit mehr als nur einem Schuss Wahnsinn zerlegen daraufhin mit dem für die Band typischen sägenden Riffspiel und drückenden Drums der Rock-City´s Veranstaltungshalle, die Soundprobleme der Vorband gehören auch der Vergangenheit an und so bleibt kein Stein auf dem anderen. Headbangen und Moshpit ist angesagt angefeuert von den markanten Sprüchen eines Ralf Gyllenhammar. "He du Blonde in zweite Reihe... ja du, ich f**k dich später!", Informationen ob die Dame auf das Angebot eingegangen ist liegen der Redaktion bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor. Musikalisch lässt man nichts anbrennen, "Seit Ihr bereit?" tönt es von der Bühne und man werkt mit voller Präzision, erstaunlich bei diesem Alkoholgehalt, doch wahrscheinlich funktionieren die Schweden erst nach dem fünften Bier ordentlich und so lässt man Brecher wie "Black City", ein tight und extra fett gezocktes "Down In Black" oder die vor Genialität und Ironie strotzende In-Your-Face Nummer "Double Nature" mit voller Wucht auf Publikum herab donnern. Als sich Freaky-Ralf dann noch den Drumstick von Kollege Jejo Perkovic durch den Schritt zieht, bevor er ihn in die Zuschauermasse wirft, lässt dann wohl den einen oder anderen Einhorn-Metaler etwas entsetzt mit den Augen rollen, der Schreiberling hingegen fühlt sich übelst wohl beim Anblick des personifizierten Wahnsinns, denn das hoch gepriesene Unterhaltungsniveau als Deckmantel der prüden Gesellschaftszwänge war ihm schon immer ein wenig suspekt, dass Mr. Gyllenhammar dann seinen Bandkollegen David Johannesson nach einem Patzer als "Schwedisches Schwein" beschimpft und klarstellt, dass einem Österreicher so etwas nie passieren würde und anschließend versucht wird Gitarrist Mats Stam Johansson an die Alpenbraut zu bringen steigert den Unterhaltungswert dieser One-Man Show, welche von mehr als nur fähigen Musiker flankiert wird, noch einmal ins unermessliche. Irgendwann ist dann doch aus und MUSTASCH haben wieder bewiesen, warum in Sachen Coolness relativ wenig am momentanen Musikmarkt an sie heranreicht und Apropos Bodenständigkeit, für Fronter Ralf geht es selbstverständlich nicht Backstage sonder direkt zur Bar um mit seinen Fans ordentlich einen zu heben... volle Sympathiepunktzahl!

DELAIN:
Für das massenweise Schlachten von Zombies, oder die Atmosphäre eines vor Dreck und Blut stehenden Schützengrabens werden DELAIN niemals bekannt werden, hier ist alles irgendwie putzig und vermeintlich mit "Fewa-Wolle" weichgespühlt und so mögen manche und der Verfasser nimmt sich bis zum heutigen Tage nicht davon aus, DELAIN als eierlosen Sound bezeichnen und das nicht nur aufgrund des kürzlich verheerenden Bühnenunfalls des Bassisten Otto Asueer Jacob Baron Schimmelpenninck van der Oije (ja der heißt wirklich so), bei dem er durch Bühnenexplosionsmittel fast seine Männlichkeit einbüßte (der Unfallbericht auf Blabbermouth). Für ihre Fans sind die Holländer, welche zuletzt mit "The Human Contradiction" (zum Review) ihren Anspruch auf den Female-Fronted Thron angemeldet haben, natürlich alles andere als eine langweilige Kombo die mit Tulpen aus Amsterdam um sich wirft. Nun der Schreiberling postiert sich also vor der Bühne und ist gespannt ob es dem Symphonic-Fünfer gelingen wird des Verfassers Meinung zu ändern oder sich die engstirnigen Vorurteile eines Die-Hard Maniacs bestätigen werden.

Das Drumkit von DELAIN lässt derweilen schon Schlimmstes vermuten, ein Schlagzeug dass auf der Bühne Platz hat ist kein Schlagzeug und das daneben vom Verfasser gefürchtete Gedudel-Instrument Keyboard scheint die gleichen Dimensionen zu besitzen wie das Schlagwerk, irgendwo packt einen doch die pure Angst vor 90 Minuten Geschnulze. Doch als man mit "Mother Machine" ins Set startet wird der Verächter alles Untrven eines besseren belehrt, es beginnt frei nach Shakespeare eine "Des Widerspenstigen Zähmung" ähnliche Läuterung des Krawall-Fetischisten. Die Band drückt von der ersten Minute an ordentlich nach vorne, um Welten härter dargeboten als auf Platte und abgerundet von glasklarem Sound, perfekt abgemischt wie man es sich für einen Headliner erwartet doch der eigentliche Höhepunkt der gesamten Darbietung entfaltet sich in kürzester Zeit in der Form von Fronterin Charlotte Wessels. Diese Trällerelse zeigt eine unglaublich charismatische Bühnenperformance, flankiert von natürlicher Ausstrahlung und einer alles in ihren Bann ziehenden Stimme, wem es bei "Sleepwalkers Dream" nicht die sprichwörtliche Ganslhaut aufstellt, der hat eindeutig keinen Sinn für eine überirdische Gesangsleistung. Die Sängerin zeigt sich während der gesamten Show als der Mittelpunkt der perfekt inszenierten Darbietung, performt wie eine Opern-Diva und zeigt sich doch gleichzeitig extrem nah an ihren Fans. Die großen Highlights der Show stellen sich in Form von einem coolen "Get The Devil Out Of Me", dem stark dargebotenen "Milk And Honey" sowie dem Abschluss in Form von "We Are The Others" dar. Zwischendurch gibt es noch eine Schrecksekunde, was ist das was da auf der Bühne zwischen den Musikern wie ein gefährlich wirkender Irrer herumhüpft? Ah, es ist nur MUSTASCH-Fronter Ralf, Entwarnung für alle Beteiligten und kurze Zeit später steht der Schwede direkt neben dem sich soeben in musikalischer Weiterbildung befindenden Stormbringer-Abgesandten und starrt zur Bühne wo sich Mrs. Wessels gerade an der Mikrostange räkelt und denkt sich wahrscheinlich "Dich f...", nein lassen wir das!

DELAIN überzeugen heute auf voller Linie und im Schreiber wurde unverhofft ein neuer Fan gefunden, die starke Live-Performance von Charlotte Wessels hat selbst den kalten zentimeterdicken Stahl ums verrottende Gefühlsleben des Todesblei-Fetischisten erweicht. Man beschließt sich, neben dem Bild von ARCH ENEMY Amazone Alissa White-Gluz, aufs Panzergefährt eine Abbildung von Charlotte als Pin-Up zu pinseln und hofft die Krawall-Kumpanen mögen einem diese kurzzeitliche Verweichlichung doch verzeihen und einen nicht beim nächsten Schwarzmetall-Event rituell zu Opferungszwecken heranziehen.

Setlist:
- Mother Machine
- Get The Devil Out Of Me
- Army Of Dolls
- Stardust
- Electricity
- Milk And Honey
- Sleepwalkers Dream
- Pristine
- See Me In Shadow
- Vultures
- The Tragedy Of Commons
- The Gathering
- April Rain
- Not Enough
- We Are The Others

So zieht man von dannen und ist schon gespannt mit welchen Großkaliber uns Telfs Lebt demnächst beglücken wird, wenn es wieder heißt "Telfs, Rock-City Tirols". Stormbringer wird auf jeden Fall wieder ordentlich Supporten und wie gewohnt ausführlich berichten! Für einen Teil der Bebilderung bedanken wir uns bei Christoph Marberger! Mehr Pics könnt ihr in der Galerie zum Event sehen.


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