Reflections - Exi(s)t

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VÖ: 22.11.2013
Bandinfo: Reflections
Genre: Deathcore
Label: SPV / Steamhammer
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Lineup  |  Trackliste

Obwohl manche Bands den Zusatz "Progressive" in ihrer musikalischen Beschreibung mitführen sind sie mitunter alles andere als fortschrittlich im eigentlichen Sinne. Im Metal mehr als Synonym für "übermäßig vertrackte Songs" missbraucht, bedeutet der Terminus doch eigentlich das Ausbrechen aus bekannten Strukturen, das genreübergreifende Vermischen von Klängen und im ultimativen Falle das Betreten von musikalischem Neuland. Nichts dergleichen trifft auf das Album "Exi(s)t" der Amerikaner REFLECTIONS zu, denn es bewegt sich ausschließlich innerhalb der gängigen Deathcore Genrekonventionen. Und trotzdem klingt es anders, wuchtiger, unnahbarer und schlicht besser als sämtliche anderen Veröffentlichungen aus diesem Sektor im Jahre 2013.

Breakdowns, megatief gestimmte Gitarren (Drop F in diesem Fall), kaum heraushörbare Riffs, vereinzelte Clean-Gitarren-Parts, überstylte, basslastige Produktion, fiese Growls und dezenter Klargesang im Wechsel - all diese typischen Deathcore Attribute finden sich auf "Exi(s)t" und man bricht auch nicht mit diesen Konventionen. SUICIDE SILENCE und ALL SHALL PERISH wohin man hört. Die fünf Amis zeigen sich allerdings als solch geniale Songwriter, dass sie über die Dauer von zehn höchst anspruchsvollen Stücken niemals das Gefühl aufkommen lassen, man hätte einen Part in anderer Form an anderer Stelle schon einmal gehört.

Alles beginnt beim verstörenden Opener "Exit", in welchem atmosphärische Samples auf die unglaublich dissonant vorgehende Band treffen. In "Delirium" wird dann wahnsinnig drauf losgebrettert, ohne dabei Rücksicht auf den Hörer zu nehmen und ihm irgendetwas Griffiges anzubieten. Ohne Refrain, Struktur oder auch nur einem Moment des Durchschnaufens ertönt hier eines der aggressivsten Stücke des ganzen Jahres. Dieses Prinzip wird in "Vain Words From Empty Minds" so weit auf die Spitze getrieben, dass sich der Hörer fast schon gezwungenermaßen an ein absolut unharmonisches und verrücktes Gitarrenlick als Widerhaken klammert, nur um wenigstens irgendetwas Greifbares in seiner Nähe zu wissen. Doch im unerwartetsten Moment erklingen die ersten harmonischsten Parts, die ersten klar gesungenen Töne und leiten den Hörer aus dem erbarmungslosen Sturm. "Bridges" geht danach noch ein Stück weiter und präsentiert ausufernde atmosphärische Passagen, welche nur von (effektbeladenen) Cleangitarren ausgefüllt werden. Und so folgt Wendung auf Wendung, selbst einen waschechten Pop Refrain lässt man nicht aus ("Candle"), welcher aber so verzerrt und distanziert präsentiert wird, dass er sich fremder anhört als alles andere. In den zehn Stücken gibt es einiges zu entdecken und so soll auch nicht alles vorher gespoilert werden.

Trotzdem soll noch einmal hervorgehoben werden: Nichts, was es auf "Exi(s)t" zu hören gibt, gab es in gleicher oder leicht abgewandelter Form nicht schon auf anderen Releases im Genre. Die einzelnen Parameter werden einfach nur so geschickt gesetzt, dass man diese Tatsache vollkommen vergisst. So erwartet den Hörer auf "Exi(s)t" eine brachiale, schwer zu verkraftende Tour de Force, die so abwechslungsreich und geschickt inszeniert ist, dass es eine wahre Freude ist.

Einziges Manko: Die dann doch allzu typische Produktion mit den omnipräsenten Bass-Slides, die einem permanent die Fenster aus der Wohnung (oder wahlweise Auto) herauspfeffern. Mit etwas mehr Subtilität und Zurückhaltung kämen die detaillierten und durchdachten Songstrukturen noch wesentlich besser zur Geltung. Leider geht eben das im Effektgewitter etwas unter.

Fazit: Man sollte für "Exi(s)t" nicht das Wort "progressive" verwenden, denn dies ist irreführend. REFLECTIONS liefern ein vertracktes und technisches Deathcore Album, welches alle gängigen Klischees erfüllt, aber dennoch durch songwriterische Brillianz ein einzigartiges Erlebnis schafft. "Exi(s)t" ist einer der herausforderndsten Alben des ganzen Jahres, zugleich aber auch eines der belohnendsten. Unbedingt empfehlenswert!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (16.12.2013)

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