CULTED - Oblique To All Paths

Artikel-Bild
VÖ: 24.01.2014
Bandinfo: CULTED
Genre: Doom Metal
Label: Relapse Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Im Zuge der Ode an die „Panzerdivision Marduk“ stießen erst kürzlich in Wien drei kreative, eigenwillige Geister aufeinander: Kollege Fröwein, Freund Rudas eines Labelgiganten und meinereiner. Nach einigen wenigen Hopfensäften – GRAVE war überlebt, nach der Schlacht mit MARDUK gab man sich blutend geschlagen –, kam man ob der „besten, einzig wahren“ Black-Metal-Band ins Philosophieren. Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte erspare ich mir an jener Stelle die Nennungen der mitstreitenden Mittrinker, und gebe ausschließlich meine, ohne Zögern getroffene Wahl, zur Protokoll: MAYHEM.

Die Wahl, sie ist eine plakative, das ist mir durchaus bewusst. MAYHEM sind in aller Munde, ob ihrer Popularität beinahe Ö3-tauglich, aber dennoch: Klammert man sämtliche Wirren und genreüblichen Desaster aus, die beinahe so plakativ wie ein Blondinenwitz wirken, so bleibt dennoch ein Fakt schwarz auf weiß (ha!) liegen, der pickt wie Gaffer auf der durchlöcherten Hand von Richard Gecko: Allein in ihrer eigenen Discographie beweisen MAYHEM den Wandel von Black Metal einst bis heute gekonnt und allumfassend wie keine andere Schwarzwurzelfraktion. Ich streite an jener Stelle weder die Qualität, noch den Variantenreichtum von DARKTHRONE (von Swedish Death Metal über Black Metal bis hin zu Punk ‚n‘ Death) oder SATYRICON („too complex to describe, but even found on krone.at“) ab, negiere die Durchschlagskraft der eingangs angesprochenen MARDUK, die mit der „Panzerdivision Marduk“ immerhin das „Reign In Blood“ des Black Metals vorlegten, nicht, vergesse gleichermaßen auch nicht auf IMPALED NAZARENE, die ob ihrer Kompromisslosigkeit stets einer meiner Lieblinge waren. Ich schätze NARGAROTH, die den Slogan „Black Metal ist Krieg“ verbildlichten und knie nieder vor GORGOROTH, die sich seit Anbeginn als der Antichrist himself gebärdeten. Ich schlürfe gierig dunkles Blut aus aufgebrochenen Schädelhälften mit BEHERIT und ritze mir SHINING in die Pulsadern. Ich wandere gerne durch Winterfrost mit IMMORTAL, reite gemeinsam mit BATHORY durch „Blood, fire, death“, und ja, wenn MARDUKs Panzer mal Boxenstopp macht, dann geh ich auch einmal auf „War“ mit BURZUM. „Lords Of Chaos“ habe ich gelesen, und schwarz-weiß angeschmiert habe ich mich auch schon einmal. Und dennoch: Die Essenz, nach welcher olfaktorisch Jean-Baptiste Grenouille in Süskinds „Parfum“ strebt, liegt – VENOM und Konsorten im Hinterkopf habend – unweigerlich in MAYHEMS Discographie begraben.

Gleich ob das ruppige „Deathcrush“ und die programmatische „Necrolust“, ob der allumfassende Frost in „Freezing Moon“ oder der alles einhüllende „Funeral Fog“, die „nihilistischen Ansichten“ auf der „A Grand Declaration Of War“ oder insbesondere das „Hurenchaos“ der beiden letzten Veröffentlichungen, „Chimera“ und „Ordo Ad Chao“: MAYHEM gingen stets mit der Zeit – und blieben in jener gleichzeitig stehen. Ähnlich wie Michael Endes Kassiopeia aus „Momo“ schleichen sie durch Zeit und Raum, schauen in die Zukunft, und sind doch auch Symbol des anno dazumal.

Und in genau jene Kerbe schlagen CULTED, jenes schwedisch-kanadische Kollektiv, das mit „Oblique To All Paths“ nach „Below The Thunders Of The Upper Deep“ (2009) nun – nach dem Intermezzo „Of Death And Ritual“ – den zweiten Longplayer vorlegt. Das Debüt fand, zu Unrecht, wie ich meine, bei Stormbringer wenig Anklang, wenngleich auch der Rezensent augenscheinlich verstand, was CULTED zelebrieren: Hier wird keine schnöde „Musik“ abgeliefert, sondern – um wieder auf Michael Ende zurückzukommen – es werden Korridore erschaffen, die wie jene von Borromeo Colmi eine Realitätsverschiebung hervorrufen. „Gefängnisse der Freiheit“, sozusagen.

„Seit meiner Knabenzeit bewegt mich in zunehmendem Maße der Gedanke, dass unsere sogenannte Realität nur das Parterregeschoss, um nicht zu sagen die Hausmeisterwohnung in einem ungeheuren Bauwerk mit zahllosen Stockwerken nach oben und wohl auch nach unten ist“, sagte dereinst Michael Ende, und ein ähnlich komplexes Gebäude entwirft nicht Udo Jürgens in seinem „Ehrenwerten Haus“, nein, sondern die grandiosen EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN in ihrem „Haus der Lüge“: Im ersten Geschoss wohnen die Tauben und Blinden, im zweiten die, die dem Wahn verfallen sind; Das folgende Stockwerk ist das leere, und doch angerammelte Nirgendwo, während im vierten Geschoss freilich der Herr und Meister haust. Das Dachgeschoss hat einen Schaden, die Türen ganz unten führen lediglich ins Fundament.

Jenes Häuschen fein, keine Villa Kunterbunt, oh nein!, sondern ein Hinterholz-8, haben nun CULTED bezogen, jedes Stockwerk eingenommen, wie einst die Linkslinken die Punkerhütte St. Marx und meißeln in Ziegelstein, Verputz und Zement ihre nihilistische Botschaft: „May the nature of humankind be distorted.“

„Im Dachstuhl sitzt ein alter Mann, auf dem Boden tote Engel verstreut (…), zwischen den Knien hält er ein Gewehr, er zielt auf seinen Mund und in den Schädel, durch den Schädel, und aus dem Schädel heraus in den Dachfirst – dringt das Geschoß.“ Es mag vermessen klingen, MAYHEM und die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN übereinander zu legen, aber genau dies ist, was CULTED ausmacht. „Chimera“ trifft auf das „Haus der Lüge“, und Miley Cyrus, das zungenzeigende Fötzchen, schwingt jenem Gebilde auf ihrer Abrissbirne nackend entgegen.

Es ist klirrend kalt, rund um das Gebäude – ich denke an das wabernde Doom-Inferno von WINTER –, der Frost frisst sich durch das Gemäuer und die siechenden Insassen ergeben sich ihrer Depression, die, genährt von Sludge-Partien wie EYEHATEGOD, kristallen angefeuert wird. Langsam, nur langsam, macht sich der billige Fusel in den Venen breit, Till Lindemann beschwört Benzin als Droge, doch hier, da liegt die Pyromanie unter dem Gefrierpunkt begraben. Langsamer als die Österreichischen Bundesbahnen im Nahverkehr schleppt sich der schwerfällige Koloss CULTED über die Stufen, wissend, dass er beim Run auf das Empire State Building nur Allerletzter werden wird können. Stockwerk um Stockwerk schnauft der fettleibige Bastard dem Suizid durch Kopfschuss entgegen, mit schmerzverzerrtem Antlitz.

Atonal, mit massiven Dissonanzen und Verzerrungen untermalen CULTED den „Dead Man Walking“, schwerfällig die Musik wie die Schritte, keuchend die Stimme wie sein Atem. Die Luft wird dünn, dünner, immer dünner, und schließlich, endlich, ganz oben, da verengen sich die Korridore wie bei Kafka beim „Prozess“, als Josef K. verzweifelt den Rat des Gerichtsmalers Titorelli sucht. Josef K. wird schließlich von einem Fleischermesser in einem Steinbruch erstochen und stirbt „wie ein Hund“, der Protagonist von CULTED jedoch, der erwählte als Schicksal das zuvor angesprochene Gewehr, dass er sich selbst in Eigeninitiative in die Mundhöhle stopft und in freier Entscheidung sich schließlich den Gnadenschuss versetzt.

„Man wird beim Hineingehen nicht nur scheinbar, sondern buchstäblich kleiner und kleiner“, heißt es bei Michael Ende, und bei CULTED, dem Baumeister Bob, wird man sogar so klein, dass man im Nichts verschwindet.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Stefan Baumgartner (09.01.2014)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Enslaved - Utgard
ANZEIGE