THE BEATLES - The U.S. Albums

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VÖ: 00.01.2014
Bandinfo: THE BEATLES
Genre: Rock´n´Roll
Label: Universal Music Austria
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Lineup  |  Trackliste

Die Käfer oder die Steine – eine Glaubensfrage. „She Loves You” oder „Satisfaction”? Die vermeintlich lieben, poppigen Jungs von nebenan, oder die wüsten, ungestümen Rocker? Gemessen an Verkaufszahlen und Chartplatzierungen sind die BEATLES (mit Abstand) die größeren Briten – und waren den STONES stets einen Schritt voraus, allein: vor den „Satanic Majesties“ waren die „Lonley Hearts“. Die BEATLES haben die „Rutles“, BEATALLICA – und zudem ein eigenes Museum. Nach der Lisztomania folgte die Beatlemania – und wurde erst von der Abbamania wieder abgelöst. Das muss man erst einmal innerhalb eines zehnjährigen Bestehens erreichen.

Aber, gemeinsam mit dem neuen Boxset „The U.S. Albums“ aus dem Hause Apple Corps reisen wir erst einmal zurück in die Vergangenheit. Wir befinden uns im Jahre 50 vor Christi Geburt. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt … Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf … – Verzeihung, das war ein Eizerl zu weit. Also, neuer Versuch: Wir befinden uns im Jahre 1963 nach Christi Geburt. Der ganze Globus ist von den BEATLES besetzt … Der ganze Globus? Nein! Denn die Veröffentlichungen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland wichen – bis zum ersten Konzeptalbum der Musikgeschichte (!), dem „Sgt. Pepper“, erheblich vom britischen „Kernkatalog“ ab. Der Einstand, „Please Please Me“, erschien in Deutschland als „Die zentrale Tanzschaffe der weltberühmten Vier aus Liverpool“ – und in den Staaten gar nicht. Erst knapp ein Jahr später wurden mit „Introducing … The Beatles“ die Pilzköpfe auch über dem großen Teich in rilliger Vinylform in die Läden der Connaisseure gestellt.

Anstelle der ersten Studioalben erschienen in den USA Kompilationen, oder abweichende Versionen der britischen Veröffentlichungen. Als die BEATLES endlich Amerika einzunehmen begannen, hatten sie via EMI/Parlophone bereits zwei Alben und eine Handvoll Singles in England draußen. EMIs US-Dependance Capitol sprang erst mit der Single „I Want To Hold Your Hand“ auf den Zug auf, konnte also bereits auf einen reichen Backkatalog zurückgreifen: Diese Single! Ein Jahrhundertwerk! Nein, ein Universum! „Ich will deine Hand halten“ – nicht 24/7-Sex. Kein Dodge Viper. Keine Milliarde Euros, Dollar, Pfund. Einfach nur deine Hand. Das ist, textlich wie musikalisch, ein Höchstgefühl! Meine Herren: Fuckin‘ brilliant!

Anstatt aber den künstlerischen Beschlüssen der BEATLES Sorge zu tragen und tatsächlich die Parlophone-Versionen in Amerika zu veröffentlichen, mixte Capitol munter herum. Daraus resultierte wohl auch das berühmte „Schlächter-Cover“ von „Yesterday And Today“, das die vier Herren in blutverschmierten Fleischerkitteln zwischen Fleischfetzen und verstümmelten Babypuppen zeigte – und eine nicht minder bizarre Melange aus „Help!“, „Rubber Soul“ und „Revolver“ nebst zwei Single-Tracks präsentierte.

Warum der Aufwand, das Chaos? Nun, einerseits waren in den Staaten Alben mit mehr als zwölf Tracks unüblich – die BEATLES hatten stets 14. Außerdem lag bereits eine Vielzahl an Singles vor, eine Praktik, die in den UK zwar üblich war, in den Staaten jedoch nicht. Die BEATLES arbeiteten damals im Akkord, alle drei Monate eine neue EP, alle sechs Monate eine neue LP. Zusätzlich verkompliziert wurde der Sachverhalt noch von Vee-Jay Records, die im Sommer 1963 mit „Introducting … The Beatles“ eine nahezu-Kopie von „Please Please Me“ auf den Markt warfen, also ihren US-Einstand, der freilich in dieser Box hier fehlt – hierfür gibt’s später „The Early Beatles“.

1964 nun hatten die Pilzköpfe vier Alben in den UK veröffentlicht, hierbei klar erkenntlich: Eine gerade Entwicklung von einem bunten Potpourri aus bemühten Eigenkreationen und enthusiastischen Rock 'N' Roll/Soul-Covers hin zu Triumphen wie „A Hard Day’s Night“ und „Beatles For Sale“. Im Gegensatz dazu stand Amerika: Sechs Alben in einem Jahr, die künstlerische Vision zur Unschärfe verkommen. Noch dazu gab’s 1965 – die BEATLES waren gerade auf „Rubber Soul“ und „Help!“ am ersten Zenit – in Amerika erneut das, was Vee-Jay bereits vor zwei Jahren mit „Introducing … The Beatles“ zelebrierten: Beinahe komplett das britische Debüt „Please Please Me“, nun mit „The Early Beatles” betitelt. „Zurück in die Zukunft“?

Ein weiteres US-Album, das neben „Introducing … The Beatles“ in jener Box hier noch fehlt, ist der Soundtrack zur „Magical Mystery Tour“. Jener war in den UK eine Doppel-EP, nachdem sich aber EPs in den Staaten nicht so gut verkauften, stockten Capitol mit fünf Singles auf der B-Seite die Platte auf. Erstmalig hatte Amerika eine wirklich, wirklich gute Idee – dies ist wohl auch Grund dafür, warum künftige UK-Versionen der amerikanische Variante folgten.

An diesem Veröffentlichungschaos, unter dem etwas abgeschwächt auch die ROLLING STONES litten, waren gewissermaßen auch die BEATLES – mit dieser Praktik natürlich höchst unzufrieden – selbst schuld: Überaus produktiv zu ihren Anfängen, nahm man Capitol die Chance, rasch aufzuschließen. Erst 1967 zog man, wie bereits angedeutet, mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ einen Schlussstrich – war ein konzeptuelles Album zumindest guter Grund für einen Neubeginn. Dass da für die Amerikaner, die sich 1987 die CD-Reissues besorgten, ein wahrer Wirrwarr auftat, ist klar: Keine „Beatles VI“, und „Rubber Soul“ begann statt mit „I’ve Just Seen A Face“ mit „Drive My Car“. Uff. Dennoch: Die Originale in allen Ehren, „Meet The Beatles!“ ist eine grandiose Kompilation und ein gelungenerer Einstieg als das Gegenstück „With The Beatles“, und „Rubber Soul“ geriet in der US-Version nuancierter, aufgrund der Zusammenstellung wie ein einheitlicher Guss der aufkeimenden Folk-Rock-Szene. Im Gegensatz dazu stehen vor allem „A Hard Day’s Night“ und „Help!“, die aufgrund einer Vielzahl an Instrumentalen stärker den Soundtrack-Charakter verliehen bekamen als in Großbritannien. Insbesondere erstes leidet stark unter „metrischem System“ – immerhin das erste BEATLES-Album mit ausschließlich Lennon-McCartney-Kreationen, das für den „neuen Markt“ schlichtweg kastriert wurde.

Kopfschmerzen? Nun, dann reiten wir mal – denn George Bernhard Shaw war schon korrekt in seiner Annahme, Großbritannien und Amerika seien „zwei Länder, getrennt durch die gemeinsame Sprache“ – mit Erklärungsbedarf missionarisch querbeet:

„The U.S. Albums“ heißt: Ein fettes Booklet und Vinyl-Replikas von 13 Alben (darunter fünf erstmalig auf CD veröffentlicht, alle bis auf „Hey Jude“ und „The Beatles Story“ in mono und stereo), darunter die CD-Erstveröffentlichung der „The Beatles Story“ (Interviews und Mitschnitte von Konferenzen, 1964) und der Soundtrack zu „A Hard Day’s Night“, der ursprünglich auf United Artists rauskam. Hier ist jedoch anzumerken, dass nicht selten – vor allem im Bereich der Stimmen – der Mix für den „amerikanischen Geschmack“ auch gewaltig verfälscht wurde, aus mono mache „fake-stereo“.

„The U.S Albums“ heißt jedoch nicht: die komplette Discographie der BEATLES. Wenngleich „Help!“, „Rubber Soul“ und „Revolver“ aus dem Kernkatalog auch hier zu finden sind, so doch mit abweichenden Tracklisten – ergo (und hier schießen wir voraus): „The U.S. Albums“ ist ein Fall für Komplettisten, für BEATLES-Fans, BEATLES-Aficionados – nicht für jene, die sich schnell und einfach gern „die größten Hits und all das drum herum“ zulegen möchten. Jene greifen bitte zum etwas teureren Boxset „The Beatles Remastered“ (mit Wahl auf mono oder stereo – bitte nicht zur kostengünstigeren asiatischen Raubkopie greifen, auf der die Mitglieder mit Paul McCarirmy, Paul McCanney, George Harrisun und Ringo Start benannt werden), oder, wenn der Kernkernkatalog ausreicht, zu den beiden überaus gelungenen Best-of-Compilationen „Red Album“ und „Blue Album“.

Eingeleitet wird die – wie zu erwarten verarbeitungstechnisch übrigens hervorragende – Box mit „Meet The Beatles!“, dessen Cover das berühmte Motiv der vier in Schatten gehüllten Köpfe von „With The Beatles“ ziert. Während von selbigem auch neun Stücke hierauf vertreten sind, so ist das Kernstück freilich die Single „I Want To Hold Your Hand“ samt der B-Seiten.

Es folgt „The Beatles‘ Second Album“, das sich gleich von fünf verschiedenen UK-Veröffentlichungen bedient, darunter auch „You Can’t Do That“ von „A Hard Day’s Night“, das erst wenige Monate später in den UK zur Veröffentlichung gelangen sollte.

Das amerikanische „A Hard Day’s Night“ nun ist ein kleines großes Desaster. Capitol hatte nicht die Rechte am Film, das Filmstudio United Artists sehr wohl. Daher finden sich ausschließlich sieben Stücke der UK-Variante, jene, die im Film auch zu hören waren, zuzüglich „I’ll Cry Instead“ und vier George-Martin-Instrumentale nach BEATLES-Melodeien, hierauf wieder.

Ein Teil-Rest von „A Hard Day’s Night“ folgte dann auf „Something New“ – auch als Gegenantwort zu United Artists vermarktet. Kernstück, neben den „Long Tall Sally“-Coverstücken, ist jedoch die deutsche Version von „I Want To Hold Your Hand“: „Komm, Gib Mir Deine Hand“.
„Beatles ´65“ erschien haarscharf auch noch 1964 und präsentiert beinahe vollständig das kurz zuvor veröffentlichte „Beatles For Sale“ aus Großbritannien, zusätzlich einen weiteren Track von „A Hard Day’s Night“ und die neue Single „I Feel Fine“.

„The Early Beatles“ ist, wie bereits weiter oben angesprochen, ein Schritt zurück: „Please Please Me“, wie bereits von Vee-Jay veröffentlicht, jedoch mit anderem Cover. Nicht hierauf vom Debüt vertreten sind „I Saw Her Standing There“ (fand man auf „Meet The Beatles!“), sowie „There’s A Place“ und „Misery“, die erst mit „Rarities“ 1980 den Weg nach Amerika fanden, und „From Me To You“, das zumindest am „Red Album“ gewürdigt wurde.

Mit „Beatles VI“ griff Amerika Großbritannien wieder einmal etwas voraus: Zwei Stücke von „Help!“ rundeten den Rest der „Beatles For Sale“ ab. Neben „Yet It Is“, ebenfalls aus der „Help!“-Session, finden wir hier zwei spezielle US-Stücke, die beiden LARRY-WILLIAMS-Cover „Bad Boy“ und „Dizzy Miss Lizzie“.

Für „Help!“ hatten Capitol zwar – im Gegensatz zu „A Hard Day’s Night“ – die Rechte, jedoch folgte man hier einer ähnlichen „Erfolgsformel“ wie zuvor. Grandios (und demnach hervorzuheben) ist hierauf jedoch das 20-sekündige Instrumental im James-Bond-Style, das dem Titelstück vorangestellt wurde.

„Rubber Soul“ kam gleichzeitig mit der britischen Variante auf den Markt, bot aber nur zehn der originalen Stücke. Präponiert wurden zwei Überbleibsel von „Help!“.

„Yesterday And Today“, durch das Schlächtercover Berühmtheit verliehen bekommen, schaute mit drei Stücken von „Revolver“ wiederum in die Zukunft, bot das Überbleibsel von „Rubber Soul“, sowie die neue „We Can Work It Out“-Single und zwei Stücke von „Help!“, darunter neben „Yesterday“ die B-Seite „Act Naturally“.

„Revolver“ ist ident zur britischen Variante, ohne der drei Stücke jedoch, die bereits auf „Yesterday And Today“ zu finden waren: „I’m Only Sleeping“, „And Your Bird Can Sing“ und „Doctor Robert“. Langsam war man in der „Sgt. Pepper“-Ära angelangt und beinahe synchron …

Schließlich, um vollends synchron zu gehen, gab es abschließend noch „Hey Jude“, eine Kompilation aus Stücken, die Capitol noch nicht irgendwo irgendwie zusammengemischt hatte – am wichtigsten wohl der namensgebende Titeltrack, aber auch – wie „The Ballad Of John and Yoko“ – Singles und B-Seiten, auf die im Kanon nicht vergessen werden sollte. Insbesondere Lennons „Revolution“ ist hier hervorzuheben, die schnellere Variante des ausgemusterten „Revolution 1“, wie auch der einzige Beitrag von George Harrison, „Old Brown Shoe“ – ein unglaublicher Hook!

Wie lautet nun also das Fazit? Kaufempfehlung oder Aufschrei? Historisch gesehen ist mit der vorliegenden Box ein gelungener Einblick in das anno dazumal gelungen, hochwertig und liebevoll gestaltet, sehr retro – ein Einblick in die unweigerlich elementarste Formation seit Anbeginn der Zeitrechnung. 177 Millionen verkaufte Alben – noch vor ELVIS PRESLEY mit lächerlichen 134 Millionen – in den Staaten sprechen eindeutige Bände, das übertrumpfen LED ZEPPELIN (111 Millionen) und U2 (51 Millionen) nicht einmal zusammen, PINK FLOYD (74 Millionen) müssten sich mehr als doppelt im Prisma bündeln, und selbst AC/DC (71 Millionen), AEROSMITH und THE ROLLING STONES (je 66 Millionen) müssten schon gemeinsame Sache machen, um zuerst ins Ziel zu kommen. Nicht allein ob ihrer weltweiten Verkäufe von über 600 Millionen Tonträger sind die BEATLES bis heute – und nicht nur für Fachmagazine wie das Rolling Stone – Basis, Humus, Vater und Mutter gleichermaßen für jeden ernstzunehmenden Musiker. Im Gegensatz zu den ROLLING STONES haben sie rechtzeitig aufgehört, ihre Legende nicht demontiert – im Kanon der Pilze findet sich keine „Voodoo Lounge“ oder „Bridges To Babylon“. Und daran wird sich auch nichts ändern, denn hier ist keine halbgare Reunion zu erwarten: „As far as I'm concerned, there won't be a Beatles reunion as long as John Lennon remains dead“, zog George Harrison einen klaren Schlussstrich – und solange Harrison selbst auch „tot bleibt“, wohl noch viel weniger.

„All You Need Is Love“, singen sie. Und daraus folgt: „All You Need Is The Beatles“. Und dazu gehört zweifelsohne nicht nur ihre Entwicklung, ihre Wahrnehmung daheim, sondern auch und insbesondere am komplex(er)en Markt Amerika. Von daher: „The U.S. Albums“ ist ein Muss für einen gut sortierten, heimischen Plattenschrank – jedoch nur und ausschließlich in Kombination mit „The Beatles Remastered“.



Ohne Bewertung
Autor: Stefan Baumgartner (03.02.2014)

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