ARKONA - Yav'

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VÖ: 25.04.2014
Bandinfo: ARKONA
Genre: Folk Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Wenn in der Vergangenheit das Partyvolk und die Sandkastenwikinger die Halle verlassen haben und sich der Bereich vor der Bühne geleert hat, war klar: ARKONA erklimmen die Sprossen diverser Pagan- und Heidenfest-Feierlichkeiten. Die Russen haben es verdientermaßen geschafft, sich fernab von Bierseligkeit, fröhlichem Gedudel und ohne ausufernde Promotion ganz nach oben in die Line-Ups der namhaften Pagan- und Viking-Metal-Festivitäten zu spielen. Das bedeutete im Umkehrschluss häufig aber auch, dass die Gaffer vor der Stage nur allzu verdutzt drein schauten, als Masha Arkhipova und ihre Mitstreiter ihre ganz eigene Vision dieser Stilgattung zelebrierten. Ende April erscheint nun das vierte Album seit ihrem Deal mit Napalm Records - kurz und bündig: "Yav'".

Im Übrigen verhalfen dieser Vertragsschluss und der sibirische Exoten-Bonus, dessen Präsenz sich recht simpel mit Zitaten wie "Ey, das sind doch diese Russen mit der krassen Sängerin" nähren lässt, der aus Moskau stammenden Truppe seit "Ot Serdca K Nebu" zu einem immensen Aufstieg in großen Teilen Europas, doch das Rezept dafür haben ARKONA auf "Yav'" ein gutes Stück abgewandelt. Die Tatsache, dass es sich nicht verschlimmbessert, sondern verfeinert präsentiert, zeigt zudem, dass die fünf Musik-Idealisten bei ihrer Labelheimat Narrenfreiheit genießen und sich nicht verbiegen müssen.

Vice versa bedeutet das aber, dass sich der Einstieg in das siebente Full-Length-Kapitel der Bandgeschichte denkbar schwierig gestaltet und die Charakteristiken der Band zunächst nicht greifbar sind. Was erstaunlich und anfänglich leicht überfordernd wirkt, ist, dass man sich in eine spirituellere Richtung entwickelt hat. Das zeichnet sich nicht nur textlich im Opener "Zarozhdenie" ab, sondern offenbart sich auch in der Atmosphäre, die ARKONA von Beginn an mit einem dämmrigen Intro und teils verworrenen Riff- und Schlagzeugstrukturen erzeugen, aber auch in den sphärisch angehauchten Keyboard-Passagen, welche die deutlich geradlinigere Variante "Na strazhe novyh let" auflockern, ab. Ein Schritt, der seltsam anmuten mag, nach vielen Hördurchgängen aber immer plausibler wird und nachhaltig Eindruck schindet. Das Konzept um Yav' (körperliche Welt), welche durch Rod von der geistigen Welt Nav' getrennt wurde, funktioniert dabei nicht nur auf der malerischen Ebene, die mithilfe von Gyula Havancsák in Cover und Artwork realisiert wurde, sondern auch musikalisch herausragend: "Serbia" entfacht durch die Ambienteinleitung und die bedachten Gitarrenläufe zum einen und dem Wechsel aus zuweilen gar ritualistischen Gesängen inklusive den eher typischen Klangfarben Mashas auf der anderen Seite ein vielschichtig-intensives Erlebnis, welches Kennern und Liebhabern von Werken wie "Slovo" oder "Goi, Rode Goi" vor den Kopf stoßen kann.

Demnach sucht man heroische Chöre ebenso wie die übliche Party-Nummer vergebens und ARKONA scheinen sich diesem partiellen Stilbruch über die Gesamtspielzeit von 69 Minuten auch bewusst zu sein, denn im fortschreitenden Verlauf von "Yav'" verdichtet sich die äußerst düstere Atmosphäre in "Zov pustyh dereven" zunächst durch ausbruchartige Black-Metal-Fragmente und trüber Geigenuntermalung (für die in diesem Fall Oli Vänskä von TURISAS, bei den meisten anderen Songs aber Aleksey von SVIATOGOR verantwortlich ist), ehe "Gorod snov" zumindest das typische Soundfundament der Russen aufleuchten und einen Anhaltspunkt erahnen lässt.

Letztlich mag das für einige Fans der Band alles "negativer" klingen als es tatsächlich ist, denn ARKONA bleiben ihren Wurzeln auf "Yav'" durchaus treu, gehen musikalisch aber ein gutes Stück Richtung Vergangenheit, erschließen bei dieser langen Reise aber auch viele neue Wege. Die Wahl der Gastbeiträge (ex-THYRFING-Fronter Thomas Väänänen textet und singt das rasende "Ved'ma") spricht dabei ebenso wie das Fehlen der Orchestrierung für eine deutlich rohere und reduziertere Ausrichtung, in der man häufig schwarzmetallischere Töne als zuvor anschlägt und diese in "Chado indigo" mit vertrauteren Rythmen auflockert. Dass bei einem neuen ARKONA-Werk kein Longtrack fehlen darf, beweist man im 13-minütigen Titeltrack, der dem Kontext geschuldet zwar keine ausufernden Chor-Passagen bietet, genau deswegen aber wunderbar als Zusammenfassung des Albums agiert und mit vielen Stimmungswechseln fordert ( aber nicht überfordert) und nach einiger Zeit immer schlüssiger und unterhaltsamer wird.

Wer eine Aversion gegen Grower-Musik im Pagan Metal hegt, fühlte sich bei ARKONA wohl grundsätzlich noch nie so richtig aufgehoben, denn herkömmlich oder leicht waren diese Andersdenker selten, aber "Yav'" hievt Masha und ihre Mitstreiter auf ein ganz anderes Level. Dieses visieren sie allerdings auch vehement an, was auch das abschließende "V ob'jat'jah kramoly" mit seiner verschachtelten Struktur und dem eher zähen Gitarrenwerk beweist. Schwer zu sagen, ob einem das gefallen muss, aber auch wenn diese Rezension nicht überschwänglich positiv wirken mag, so spricht das für die ungeheuer sogartige und finstere Atmosphäre von "Yav'" und vor allem das angesprochene Konzept, welches mit Intensität und Mannigfaltigkeit umgesetzt wurde. Seltene, wenn auch ganz große Kunst, die ARKONA hier abliefern.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (18.04.2014)

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