NUCLEUS TORN - Street Lights Fail

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VÖ: 15.08.2014
Bandinfo: NUCLEUS TORN
Genre: Avantgarde
Label: Prophecy Productions
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Lineup  |  Trackliste

Den musikalischen Reisen des Schweizer Eigenbrötlers Fredy Schnyder zu folgen war noch nie leicht, und NUCLEUS TORN war immer avantgardistisch, nicht schubladisierbar, frei von allen Trends. Das ändert sich auch mit "Street Lights Fail" nicht, dem mittlerweile fünften Langspielalbum. Und erwartungsgemäß wurden wieder einmal sämtliche Strukturen umgestoßen - das Album ist nochmal um einen Zacken experimenteller ausgefallen als sein Vorgänger "Golden Age", dafür wurde die Band, die eigentlich ja keine ist, drastisch umgekrempelt. ELUVEITIE-Goldkehlchen Anna Murphy, die bei diversen vergangenen Alben bereits ihren fragilen Gesang beigesteuert hat, ist nun sowas wie ein fixes Bandmitglied, und ansonsten bestehen NUCLEUS TORN nur noch aus dem Schlagwerker Alain Ackermann und eben dem Herrn Schnyder, der das restliche Instrumentarium bedient.

"Street Lights Fail" ist der erste Teil eines musikalischen Konzeptes, das bereits nächstes Jahr mit "Neon Light Eternal" zu Ende geführt werden soll, und will sich bewusst vom bisherigen Schaffenskatalog abheben. Wie ein stilistischer Bruch mit den verträumten (Neo-)Folk-Eskapaden wirkt der erste der drei Songs, schlicht "-" betitelt. Ungewiss zu Beginn, von einer latenten Tragik durchsetzt, wird der Track im Verlauf aber durchaus "hart" und schon hier wird die Atmosphäre mindestens zur Hälfte durch Anna's Gesang getragen, für die andere Hälfte sorgen entrücktes Klavier und Soundscapes, die in der Unendlichkeit zu verhallen scheinen.
"Worms" ist nicht nur das zentrale Stück der Platte, sondern mit knapp 20 Minuten auch das längste. Wer sich zutraut, sich in einem Aufwaschen durch diesen Bandwurm (sic!) an Musik zu kämpfen, wird am Ende erst mal ratlos ins Nichts starren ob des eben Gehörten.

Oft weiß man nicht, ob das Lied nun endet, oft sieht (bzw. hört) man sich mit abrupten Brüchen konfrontiert, und gerade "Worms" wirkt in dieser Hinsicht wie ein Puzzle, dessen Einzelteile sich der Hörer erarbeiten kann - ja, muss! Wie schon sooft zuvor pfeift Fredy Schnyder auf sämtliche Konventionen - wenn, dann löst er sie höchstens auf und gestaltet sie völlig neu. Einerseits klingt das nach musikalischer Freiheit, paradoxerweise bewegt sich NUCLEUS TORN aber immer innerhalb unsichtbarer Grenzen, die aber ständig verschoben werden. Bei "Worms" reicht der künstlerische Spagat von harschen Prog Metal-Kaskaden über GENESIS-hafte Gitarrenfragmente bis hin zu jazzig-experimentellen Versatzstücken. Auffallend auch das gänzliche Fehlen von Querverweisen zu mittelalterlicher Musik oder Folk, wie es früher oft der Fall war - ein Zeichen der Weiterentwicklung und Eigenständigkeit, wie ich meine.

Das abschließende "The Promise Of Night", das sich erst nach drei Minuten voll unheimlichem Gedröhne zu einer Klaviermelodie aufschwingt, klingt dann wie ein in der Leere schwebender Abgesang auf alles Schöne und Liebliche in der Musik, oft scheinbar dissonant in moll, oft tragisch und traurig, sehnsüchtig und melancholisch, immer ein wenig an klassische Kammermusik gemahnend, klingt dieses zwölfminütige Epos extrem ruhig aus und ist am Schluss doch irgendwie schön. "Street Lights Fail" ist eine Herausforderung, der man sich stellen muss, es ist gottlob nicht die plätschernde Alltagsmusik, die nebenbei konsumiert werden soll. Eher ist es Soundtrack einer gewissen Leere, einer Sehnsucht, einer romantischen Dekadenz. Mag sein, dass Fredy Schnyder mit fortschreitendem Alter etwas kauziger und auch verwegener wird, solange NUCLEUS TORN solche Spannungsfelder erzeugen können, darf er das. Ich bin mal echt auf den zweiten Teil dieses Werks gespannt!



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (11.09.2014)

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