Marilyn Manson - The Pale Emperor

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VÖ: 16.01.2015
Bandinfo: MARILYN MANSON
Genre: Nu Metal
Label: Vertigo
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Lineup  |  Trackliste

Ein Gesamtkunstwerk. So könnte man die Karriere von MARILYN MANSON anno 2015 wohl am besten beschreiben. Brian Warner, der kreative Wüstling, der in den 90er-Jahren noch mit satanischen Aussagen und einem sehr extrovertierten Style für Aufsehen in konservativen amerikanischen Haushalten gesorgt hat, ist in der Gegenwart angekommen. In einer Gegenwart, in der es für ein Gesamtkunstwerk schwierig geworden ist, zu überleben. Der Schock ist Geschichte, die Prüderie ist mit der zunehmenden Internetisierung der Gesellschaft ins Hintertreffen geraten. Das Video zu "mOBSCENE", das im Jahr 2003 mit seiner Koketterie mit Nazi-Symbolik für viel Diskussionsstoff sorgte, würde heute wohl nicht mehr viele Menschen hinter dem Ofen hervorlocken. Ein Grundpfeiler des Gesamtkunstwerks MANSON ist dadurch einfach so den Zeichen der Zeit erlegen. Doch Marilyn wäre nicht Manson, wenn er nicht mit der Zeit gegangen wäre. Der manchmal etwas unterschätzte Künstler, der hinter der symbolträchtigen Bühnenfigur steht, hat in den letzten Jahren immer wieder für Überraschungen gesorgt. Vom vor Selbsttrauer fast schon zerfließenden "Eat Me, Drink Me" (für mich immer noch ein Highlight) über das etwas ausgewogenere, von vielen Kritikern als belanglos beschriebene "The High End Of Low" bis hin zum 2012er Output "Born Villain", das von den einen als passender Umkehrschluss erachtet und von anderen wiederum - als Zeichen des Abgesangs - gnadenlos ignoriert wurde.

Schwierige Zeiten also für den Düster-Rocker und trotzdem ließ er sich nicht davon abbringen, seinem selbst auferlegten Kurs treu zu bleiben. Mit "The Pale Emperor" steht nun nämlich ein brennfrisches Album in den Startlöchern, das sich richtig hören lassen kann. Wie gesagt: Natürlich hat das Gesamtkonzept Manson, das mit "Antichrist Superstar" und "Holy Wood" zwei Klassiker des derben, melodischen Metals eingezimmert hat, seine Kratzer bekommen. Natürlich war der ein oder andere Output nicht unbedingt das Gelbe vom Ei, aber dass Manson experimentiert, neue Wege auslotet und sich, wenn es sein muss, zur Gänze neu erfindet, kann man ihm beim besten Willen nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil, selbst Hardcore-Fans müssen zugeben, dass sich diese Entwicklung bereits auf dem frühen Album "Mechanical Animals" in Maßen zeigte. Die Scheibe war - im Gegensatz zu den restlichen Alben - aufgeräumter, ruhiger, fast schon klinischer. Und genau deshalb überrascht es auch nicht, dass auf dem 2015er Output keinerlei hysterischen Ausflüge zu erwarten sind, sondern "The Pale Emperor" zur Gänze aus starken Midtempo-Rock-Tracks besteht, die nur bei Bedarf ein wenig das Gaspedal durchdrücken. Vorbei sind die Zeiten des Aneckens, des bewussten Spiels mit dem Aufregungspotential der Elterngeneration - vor uns sitzt nun ein Mittvierziger (in Form eines Albums), der den (düsteren) Dandy in sich entdeckt hat, der er nun mal ist und im Herzen immer schon war.

Das geht mit "Killing Strangers" los. Ein getragener Rhythmus, gequälte Vocals, ein langsamer Beat. Keine Nummer, die sofort ins Ohr geht und als Opener vielleicht sogar ungeeignet ist, aber genau so klingt Manson heute - und das ist gut so. Weiter geht's mit den bereits bekannten "Deep Six" und "Third Day Of A Seven Binge". Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Über das Video von "Deep Six" muss an dieser Stelle nicht allzu viel gesagt werden. Dass dieses so manchem Fan nicht gefällt, ist klar, aber passend zum Gesamtkonzept dieses Albums ist auch dieses aufgeräumt, zurückhaltend, fast schon passiv geraten. Und wieder ist da Manson, in einen stilechten Mantel gehüllt (siehe Albumcover, das gänzlich ohne Namenshinweis auskommt), der einerseits pop-rockig und andererseits melancholisch-mitreißend um die Ecke kommt. In dieser Tonart geht es weiter: "Warship My Wreck" ist schwerfällig, doom-lastig geraten (ähnlich auch der Rausschmeißer "Odds Of Even"), "The Mephistopheles Of Los Angeles" ist wahrscheinlich einer der stärksten Titel auf der Platte, indem er mit einem starken Riff, einem mitsingtauglichen Refrain und vielen Tempiwechseln arbeitet.

Schaurig-schön geht es mit dem ebenso zurückhaltend geratenen "Cupid Carries A Gun" weiter. Bei "Slaves Only Dream To Be King" lassen sich am ehesten noch Reminiszenzen an ganz frühe "Antichrist"-Taten erkennen, "The Devil Beneath My Feet" ist wiederum - trotz des düsteren Namens - eher eingängig geraten. Das etwas zähe, mit elektronischen Spielereien versehene "Birds Of Hell Awaiting" ist kein unbedingter Anspieltipp, die drei Bonus-Tracks, bei denen es sich um anders eingespielte Versionen von oben beschriebenen Albumsongs handelt, können sich aber wiederum durchaus hören lassen. Alles in allem ist "The Pale Emperor" für mich persönlich ein starkes Zeichen aus dem Hause MARILYN MANSON. Fans der ersten Stunde werden auch hier nicht unbedingt glücklich werden, wenn sie die letzten Outputs schon nicht gemocht haben. Wer auf die verletzlichere, minimalistischere und gänzlich ohne Schock-Elemente auskommende Variation des Herrn Manson steht, ist hier aber genau richtig. Handgemachte Rock-Musik, die einerseits tiefgründig und melancholisch und andererseits auch mitreißend sein kann - schwächere Elemente natürlich inklusive. Wem "Eat Me, Drink Me" zu weinerlich und "Born Villain" zu konzeptlos war, der dürfte mit "The Pale Emperor" seine Freude haben. Es ist zwar nicht alles Gold was glänzt, aber zusammengefasst ist es wiederum ein Gesamtkunstwerk geworden. Ein gutes allemal.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: mat (27.01.2015)

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