Steven Wilson - Hand. Cannot. Erase.

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VÖ: 27.02.2015
Bandinfo: STEVEN WILSON
Genre: Art Rock
Label: KScope
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Dass er im Prinzip der gegenwärtige König des gesamten Prog-Genres ist, das war Connaisseuren dieser Musikrichtung ohnehin schon lange klar – mit den Remasterings von Alben der Götter JETHRO TULL, YES und vor allem KING CRIMSON hat sich Superstar STEVEN WILSON in den letzten Jahren aber schon zu Lebzeiten unsterblich gemacht. War die Trauer um das Ende (?) seiner Band PORCUPINE TREE am Ende der letzten Dekade noch groß, hat sich der smarte Brite mit mittlerweile drei Soloalben längst von den großen Schatten seiner eigenen Vergangenheit emanzipiert. Völlig egal ob das Debüt „Insurgentes“ (2008), das unerreichte Meisterwerk „Grace For Drowning“ (2011), oder das von allen Kritikern hochgelobte, Jazz-experimentelle „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)“ (2013) – was WILSON angreift, wird zu musikalischem Gold.

So stellte sich den Fans nach der Ankündigung des vierten Solowerks „Hand. Cannot. Erase.“ auch nicht die Frage, OB das Werk denn wohl gut werden würde, sondern nur WIE stark sich der nächste Streich in die nahezu makellose Diskografie des Workaholics fügt. Wie im WILSONschen Kosmos üblich, kann sich jeder Interessierte schon vor dem Hörgenuss der konzeptionellen Story hingeben und – bei Wunsch – selbstständige Recherchen und Nachforschungen betreiben. Dieses Mal ließ sich WILSON vom Film „Dreams Of A Life“ inspirieren, in dem die wahre und tragische Geschichte der Londonerin Joyce Vincent nacherzählt wird, die zeit ihres Lebens viele soziale Kontakte pflegte, im Dezember 2003 aber in ihrer Wohnung starb und mehr als zwei Jahre lang von niemandem entdeckt wurde. Über diese spezielle Thematik hinaus geht es WILSON im Großen und Ganzen natürlich auch um die soziale Entfremdung in Großstädten, die dort herrschende zunehmende Anonymisierung und die allgemeine Entmenschlichung im Miteinander.

So interessant das Thema, so vielseitig auch die Musik. Eines muss aber gleich vorweg gesagt werden: WILSON hat sich nicht nur von den jazzigen Ausflügen des Vorgängers emanzipiert, sondern auch sämtliche Verbindungen zum einst so beliebten 70er-Prog-Rock gekappt. „Hand. Cannot. Erase.“ klingt nämlich keineswegs antiquiert, sondern beweist einmal mehr, das der Mastermind keinerlei Berührungsängste mit Überraschungsmomenten hat. Inspiriert wurde WILSON übrigens auch von KATE BUSHs Früh-80er-Meisterwerk „The Dreaming“, was sich auf seinem Album in Form von Ninet Tayeb manifestiert. Die junge israelische Pop-Sängerin veredelt ein paar Tracks mit ihrem warmen Stimmtibre, besonders gut passt das zum elektronischen 13-Minüter „Ancestral“, dem wohl klanglich dunkelsten Kapitel des mehr als einstündigen Konzeptwerks.

Die allesamt von WILSON selbst geschriebenen und komponierten Songs weisen dabei eine ungeheure Vielseitigkeit auf. Der sanfte, instrumentale Opener „First Regret“ erinnert an einen Drama-Film-Soundtrack, bevor mit „3 Years Older“ erstmals Schwung in die Sache kommt. Gerade hier, noch sehr früh am Album, lebt WILSON seine alte Prog-Phase noch am ehesten aus. Nach herrlich dissonantem Drumming und einer deutlich in den Vordergrund gemischten Gitarre steigert sich das krude Treiben gegen Ende hin in eine jamartige Prog-Wixerei. Doch schon beim folgenden Titeltrack geht der Brite wesentlich eingängiger zu Wege und lässt eine fast schon fröhliche Melancholie durch die Boxen fließen. Ein Sound, der Hoffnung und Freude ausstrahlt und ein in dieser Form völlig unerwartetes frühes Album-Highlight darstellt.

Auf dem elektronischen „Perfect Life“ führt Tayeb mit Sprechgesang durch den Song, „Routine“ mutet fast wie eine akustische Theaterinszenierung an, lässt den Bombast florieren und integriert sogar einen Bubenchor, um das Opulente zu verstärken. Auch die restlichen Tracks weisen zahllose Highlights auf. Etwa die gespenstische Atmosphäre auf „Home Invasion“, das bahnbrechende Keyboard-Solo von Adam Holzman auf „Regret #9“ oder die träumerische Art-Rock-Spielerei „Transcience“, die wirklich sehr nahe an den experimentellen BEATLES liegt. Nach dem dunklen „Ancestral“ gibt WILSON uns mit dem Abschlussdoppel „Happy Returns“ und „Ascendant Here On…“ noch eine kräftige Schippe Hoffnung mit auf den Weg, schlägt versöhnliche Töne an und lässt den Hörer – so sich dieser auch wirklich konzentriert und vollständig an das Werk gewagt hat – verblüfft und geplättet zurück. Wieder einmal schüttelt der gute Mann scheinbar mühelos einen Meilenstein aus dem Ärmel und überrascht klanglich einmal mehr sich selbst und sein gesamtes Umfeld. Mit Sicherheit schon ein früher Mit-Kandidat auf das Album des Jahres!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (25.02.2015)

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