BLASPHEMY - Fallen Angel Of Doom (ReRelease)

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VÖ: 01.07.2015
Bandinfo: BLASPHEMY
Genre: Black Metal
Label: Nuclear War Now!
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Lineup  |  Trackliste

"Wieviel Dummheit man sich leisten kann, ohne dafür in die nächste Klapse zu wandern, zeigen uns vier Frankokanadier mit ihrer grauenvollen Debutscheibe. Schon der Blick aufs Backcover sorgt für endlose Lachsalven: Zwei "Satanisten-Skins", ein Vollidiot der Marke Hyper-Proll und ein "Black Metal-Neger" haben sich da, behängt mit Patronengurten und Handgranaten (!), vor brennenden Gräbern, alten Gruften etc. postiert und strecken uns finster die Fäuste entgegen. Das gesamte Coverkonzept sowie die ultradämlichen Songtitel sind von den ersten beiden Bathory-Alben geklaut, und die genialen Pseudonyme der vier Ultradeppen ("Nocturnal Grave Desecrator and Black Winds", "Traditional Sodomizer Of The Goddess Of Perversity" ...) setzen dem Ganzen die Krone auf. Köstlich! Der Haken an der Geschichte: BLASPHEMY meinen´s, glaubhaften Insiderinformationen zufolge, tatsächlich ernst - und die üblen Noisecore-Attacken der Scheibe sind leider auch kein Scherz! Die zwölfjährigen "Satanisten" unter euch dürfen sich also ein weiteres Juwel in ihre Sammlung stellen. Uns dagegen ist das Lachen inzwischen vergangen - wir finden´s schlicht und einfach peinlich... (0)"

Soweit, so gut. Die Erinnerung täuschte mich nicht, eine Recherche in den "Patsch´schen Metal Archives" bestätigte meine Vermutung. Reviewgegenständlicher Haßbatzen fuhr damals als "Arschbombe des Monats" im ROCK HARD Februar 1991 dezente 0 von 10 Punkten ein. Rezensent Götz Kühnemund schien den räudig aufgeigenden Kanadiern seinerzeit eher wenig Kompetenz in Sachen Metal zu attestieren, Frank Albrecht vergab sogar einen einzigartigen Minuspunkt im Soundcheck (ebenso historisch wie die 8 von 7 möglichen Punkten-Bewertung für AEROSMITH´s "Pump" im Metal Hammer 1989 oder die 0-10 Punkte-Bewertung von Buffo für den MENTORS-ReRelease von "You Axed For It"/"Up The Dose" im ROCK HARD 1997).

Doch 2015 ticken die Uhren bekanntlich anders...

Diese Besprechung könnte gleichsam ein "Metal-Milestones"-Review sein. Bei "Fallen Angel Of Doom" haben wir es nämlich mit einem Eckpfeiler des Extrem-Metal zu tun, der für viele Experten den Grundstein für ein eigenes Genre, den sogenannten "(Bestial)War Metal" legte und zudem einen großen Einfluß auf die heranreifende, zweite Black Metal-Welle ausgeübt haben dürfte, die alsbald eisig über die Death Metal-überdrüssigen Fans hereinbrechen sollte. Die bereits 1984 gegründeten Kanadier BLASPHEMY brachten es erst 1990 auf ihr Debutalbum und knallten damit mitten in die gerade grassierende Thrash/Death Metal-Hochzeit, zeitlich noch vor der bevorstehenden Schwarzwurzel-Hysterie in Skandinavien. Das Quartett mit den ausladend-kultigen Pseudonymen setzte seinerzeit unter dem Kommando von Fronter "Nocturnal Grave Desecrator and Black Winds" neue, abartige Standards in Sachen Räudigkeit und Raserei. Dabei fängt alles recht harmlos mit einem dennoch fies klingenden, hypnotischen Audiosample-Intro an. Danach entlädt sich alle aufgestaute Hyperspeed-Energie explosionsartig und es bricht eine wahre Soundhölle los. Die nächste halbe Stunde regiert der vertonte Wahnsinn, der aus entfesselter Raserei, morbiden, scheppernden Death-Riffs, Holterdipolter-Rumpeldrums, dissonanten Gitarrenabfahrten und dem Charme einer übel stinkenden Sumpfbestie besteht. Das Gegurgel des Fronters beschwört zudem Tod und Verderben herauf, was in Summe ein wahres Schlachtfest für alle musikalisch Hartgesottenen darstellt. Der modrige Sound, der sowohl den Fellgerber als auch den Rostnagel-Röchler zu Lasten der Gitarren in den Vordergrund stellt, schafft zudem eine garstig-primitve Grundaura, welche die dunklen Klopfer, allen voran den Titeltrack, "Ritual", "Desecration" oder der Höllenöffner "Darkness Prevails" noch undergroundiger klingen läßt, als es das Unterfangen der Produktion eines Longplayers ohnehin war.

BLASPHEMY und ihr Sound sind ein wüster Bastard, gründend auf dem Moder des 80er SODOM-Proberaums, der fiebrigen Hitze des Dschungelcamps von SARCOFAGO, gemischt mit der klirrenden Kälte von BATHORY-Frühwerken, des rituellen Tiefgangs früher SAMAEL sowie der visionären Kraft von MAYHEM, geschärft mit skandinavischem Old-School Death Metal und Grindcore-Versatzstücken. Auch optisch setzte man auf die wirksame Kraft der simplifizierten Cover-Darstellung a la VENOM oder BATHORY. Nuclear War Now! Productions legen diesen Bastard an primitivem Lärm zum 25jährigen Veröffentlichungsjubiläum nun neu auf, in dem Wissen, dass es sich nicht nur um eine rohe Ausgeburt der Zerstörung, vertontem Haß und Räudigkeit handelt, sondern das Album im Genre geradezu hündische Verehrung erfährt und weitere, einflußreiche und stilprägende Kreise als ursprünglich angenommen zog. Nicht zuletzt war die Combo später gemeinsam mit IMMORTAL und ROTTING CHRIST auf der "Fuck Christ"-Tour, dem ersten "richtigen" Black Metal-Tourpackage dabei, da hatte das Debut allerdings schon knapp drei Jahre auf dem Buckel. Was für unverständige Außenstehende wie das pure, vertonte Chaos, oder die absolute akustische Apokalypse klingen muß, bedeutet(e) für Legionen von Krachfetischisten weltweit bis heute pure Leidenschaft und Hingabe.

Maßgeblich zur Kult- und Legendenbildung trugen neben den ungewöhnlichen Pseudonymen auch die kultigen Fotos (etwa am Backcover: schwarzer Gitarrist mit Sonnenbrille, martialisches Gehabe vor Grabmälern, Outfits etc.) oder auch die provokante wie irreführende (Selbst-?)Bezeichnung als "Black Metal Skinheads". In Prä-Internet-Zeiten wirkte all dies mythenumwoben und obskur, nur kurze Reviews oder Berichte standen seinerzeit zur Vertiefung des Wissens um Underground- und Kultcombos zur Verfügung. Heute nur mehr vorstellbar für Zeitgenossen, die jene grauen Vorzeiten noch hautnah miterlebt haben. "Fallen Angel Of Doom", das mit seinem ungehemmten Phonsturm eine eigene Ästethik der Räudigkeit kreierte, folgte noch das ebenfalls starke zweite Album "Gods Of War" (lt. Robert Müller/METAL HAMMER 1993 "Seeehr böse und seeehr stumpf", "so muss eine im Fluß Styx aufgelesene Muschelschale klingen, hält man sie ans Ohr"; 3 von 7 Pktn.), danach war Schicht im Schacht. Dennoch hatten BLASPHEMY in der kurzen Zeit ihres damaligen Bestehens - das Vermächtnis der oben genannten Vorväter aufgreifend - gemeinsam mit (seinerzeit ebenfalls geschmähten) Rödelcombos wie den Finnen BEHERIT (siehe unten) ein ganzen Genre zumindest mitgeprägt und avancierten zum Kult, der bis zum heutigen Tagen mit Headliner-Gigs auf Genrefestivals (NWN!, Chaos Descends Festival) reicht. In ihrem Legendenstatus sind BLASPHEMY bis heute von der eingeschworenen Fangemeinde tief verehrt und unumstritten, wie zahlreiche Leder tragende und nieten-/kettenbewehrte, von blasphemischem Geiste beseelten, Lärmkommandos beweisen.

...aber bekanntlich ist man im Nachhinein immer gescheiter...dieses Album darf allerdings als Exempel dafür dienen, wie sehr alte Alben, die seinerzeit schlechte Besprechungen, Verrisse, niedrige Bewertungen, schlechte Soundcheck-Platzierungen und Schmähungen erfuhren, im Laufe der Jahre eine andere Bedeutung bekommen. Und derer gibt es nach Recherche nicht gerade wenige. Grundsätzlich darf wohl gesagt werden, dass sie a) entweder wirklich in ihrer tatsächlichen Qualität und Bedeutung verkannt wurden (natürlich unter dem Aspekt und aus dem Blickwinkel der damaligen Szene betrachtet wie auch die einstige Ausgangslage, Ansprüche und Erwartungen berücksichtigend) oder b) viele Alben schlichtweg retrospektiv zum Kult erhoben wurden, eben weil die Scheiben nicht zur Oberliga gehör(t)en und somit um Credibility und Trueness Bemühte nach Exklusivität suchen und sie in damals recht irrelevanten Alben, die oftmals nur laue Kopien darstellten, finden. Oder auch schlichtweg keine Ahnung haben.

Wie es sich im Falle des BLASPHEMY-Debuts verhält, sei dem Urteil jedes Einzelnen überlassen. Ich jedenfalls hätte 1990/1991 allein aufgrund der Arschbomben-Besprechung des musikverständigen Götz keine 20 Deutschmark über den Tresen der Münchner WOM-Filiale wandern lassen, um ein LP-Exemplar dieser Scheibe zu erstehen. Bekanntlich soll es allerdings damals schon "Arschbomben"-Sammler gegeben haben, deren Original-Vinyl nunmehr wohl ein stattliches Sümmchen einfahren dürfte! BEHERIT belegten mit ihrer 1990er EP seinerzeit übrigens auch einen Arschbombenplatz. Frank Albrecht meinte damals "von Death Metal ist hier nicht viel zu hören" und bezeichnete den Sound der Finnen als "Pop-beeinflußten Krach". Der Gesang hörte sich für ihn "wie eine Klospülung" an, BEHERIT klingen nach seinem Urteil, "als ob man eine 2,50 DM-Leerkassette spielen würde, mit einigen Soundfetzen im Hintergrund". "BEHERIT ist weder Death Metal noch Grindcore noch Noisecore noch sonstirgendwas. BEHERIT ist einfach NICHTS." Robert Müller meinte im METAL HAMMER 1992 zum Thema "The Oath Of Black Blood" etwa, dass "die Jungs wirklich absolut nicht spielen können und dass dagegen Extreme Napam Terror echt die Hexer seien", "extrem finster" sei die Platte, "am Ende kauft das auch noch jemand". Frank Albrecht meinte zu diesem Album etwa im ROCK HARD: "Selbsternannte Undergorund-Freaks, die diesen Mist gut finden, sind entweder krank oder reden sich ein, dass ihnen diese Schrottcombo gefällt, um ja nicht in irgendeinem Trend zu liegen. Wenn sich Bands wie BEHERIT durchsetzen, höre ich auf, Metal zu hören. 0,5 Punkte (von 10), weil die Produktion etwas besser ist als auf der Picture-Single." Those Were The Days.., den Soundcheck in Jubiläums-ROCK HARD Nr. 50 (Mai 1991) gewannen übrigens verdientermaßen ARMORED SAINT mit dem tollen "Symbol Of Salvation".



Ohne Bewertung
Autor: Thomas Patsch (01.07.2015)

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