Lamb of God - VII: Sturm und Drang

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VÖ: 24.07.2015
Bandinfo: LAMB OF GOD
Genre: Thrash Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Am Ende ist es doch schneller gegangen als viele befürchtet hätten. Nur drei Jahre nach dem auf lange Sicht eher lauwarmen „Resolution“ erscheint mit „VII: Sturm und Drang“ schon ein neues Studioalbum von LAMB OF GOD – was dazwischen passiert ist, wissen Fans nur zu genau. Sänger und Ober-Redneck Randy Blythe wurde wegen Verdachts auf Körperverletzung mit Todesfolge verhaftet, verbüßte einen Monat in einem Prager Gefängnis, wurde danach freigelassen, wegen Totschlags angeklagt und schlussendlich im März 2013 gerichtlich freigesprochen. Grund dafür war 2010 bei einem Konzert in Prag von der Bühne geschubster Fan, der auf dem Hinterkopf landete und nach mehreren Wochen im Koma verstarb. Von Beginn an wurde Blythe von Musikerkollegen und Prominenten unterstützt, die Verarbeitung dieser Zeit erscheint übrigens fast zeitgleich mit dem Album durch das Buch „Dark Days: A Memoir“.

Man kann als unbescholtener Normalsterblicher wahrscheinlich nicht einmal erahnen, was dem Sänger mit dem Reibeisenorgan in dieser Zeit emotional wiederfahren ist, einen erklecklichen Teil davon teilt er uns aber auch in akustischer Form mit. Nach diesen Erlebnissen ist es klar, dass das Album ganz im Zeichen von Blythe’s einmonatiger Haft steht, die keinesfalls so beschaulich war, wie man es von unseren medialen Berichten über österreichische „Luxusgefängnisse“ gewohnt ist. Um seine mentale Lage zu testen wurde Blythe in eine finstere Einzelzelle gesteckt. „Ich sah nicht einmal die Sonne, den ganzen Tag über war alles sehr düster“. Nur einmal pro Tag durfte er für eine Stunde nach draußen – seine einzige Chance, eine Uhr zu sehen und dadurch zumindest so etwas wie eine Tagesroutine aufbauen zu können. Davon inspiriert ist der Song „512“, übrigens seine Zellennummer im Pankrác-Gefängnis.

Der Song ist ein Hassbatzen, wie man ihn von LAMB OF GOD gewöhnt ist, dennoch ist das Album abwechslungsreicher, intensiver und vor allem dunkler als die direkten Vorgänger, die trotz hoher kompositorischer Qualität ein bisschen in der Ideenlosigkeit zu versickern schienen. Vor allem die erste Hälfte von „VII: Sturm und Drang“ ist eindeutiges Statement FÜR die Band und ihre Zukunft. Der Abschluss eines dunklen Kapitels und die damit einhergehende, neu gewonnene Hoffnung, sich wieder auf die angenehmen Dinge des Lebens konzentrieren zu können. „Still Echoes“ und „Erase This“ benötigen dennoch ein paar Durchläufe, um sich markant in die Gehirnwindungen reinzudrehen. Die wuchtigen Drums von Neo-MEGADETH-Fellgerber Chris Adler und das gewohnt memorable Riffing der Rhythmusfraktion Mark Morton/Willie Adler haben sich mit Texten und Attitüde der Band förmlich mitverdunkelt. Besonders klar wird das in Songs wie dem brutalen „Engage The Fear Machine“, wo sich verzückte Gitarrensoli um eine morbide Groove-Metal-Atmosphäre schlängeln.



90 Prozent der Texte hat Blythe dieses Mal selbst geschrieben. Im Gegensatz zu den letzten Alben haben sich Morton und Adler beim Komponieren der Songs auch wieder häufiger zusammengesetzt, anstatt dass jeder für sich an den Nummern schraubt. „Ich würde sagen, das Album ist weniger schizophren als die anderen“, betonte Blythe in ersten Interviews, „es ist jedenfalls das in sich am stärksten geschlossene seit langer Zeit.“ Das Konzept der Platte dreht sich um die Psyche von Menschen unter extremen Bedingungen. Ein Thema, das Blythe aus seiner Prager Gefängniszeit nur zu gut kennt, schließlich wurde seine Welt dort auf den Kopf gestellt, was man nicht zuletzt in „Footprints“ oder dem mit überraschenden Klargesang unterlegten Mid-Tempo-Stampfer „Overlord“ heraushört. Von dort stammt auch der deutsche Albumtitel. „In der deutschen Sprache ist es den Menschen möglich, komplexe Dinge mit einem Wort zu erklären“, so Blythe in einem Interview, „,Schadenfreude‘ oder ,Zeitgeist‘ sind solche Worte.“ Auf „Sturm und Drang“ stieß schließlich Mark Morton, der eine deutsche Mutter hat und diese Redewendung in der Literatur entdeckte.

Von humorigen Ausritten wie in der einstigen Erfolgssingle „Redneck“ ist anno 2015 bei LAMB OF GOD nichts mehr zu spüren. Die Erlebnisse haben nicht nur Blythe selbst, sondern die gesamte Band geprägt. Mehr Geknüppel, das starke Zurücknehmen von eingängigen Passagen und wissentliche Einsatz von atmosphärischen Riffkaskaden verstärken den Eindruck, dass die Band endgültig erwachsen geworden ist – leider aus einem traurigen Grund. Die deutliche gestiegene Stimmvariabilität ist neben der instrumentalen Reife der zweite eklatante Veränderungspunkt, der den geübten LOG-Hörer der letzten Alben anfangs zu verstärkter Konzentration fordert. „VII: Sturm und Drang“ könnte auch aufgrund des darniederliegenden Konzepts über die Jahre zu einem Klassiker des Thrash/Groove-Genre reifen. In erster Linie ist es einfach schön, Blythe und Co. wieder auf die Musik fokussiert zurück zu sehen. What doesn’t break you, makes you stronger!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (17.07.2015)

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