GAVIN HARRISON - Cheating The Polygraph

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VÖ: 13.04.2015
Bandinfo: GAVIN HARRISON
Genre: Avantgarde
Label: KScope
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Lineup  |  Trackliste

PORCUPINE TREE liegen für unbestimmte Zeit auf Eis, STEVEN WILSON macht lieber einen auf solo und auch die restlichen Protagonisten liegen nicht gerade faul in der Sonne rum. Richard Barbieri machte vor einiger Zeit zusammen mit MARILLION-Stimme Steve Hogarth auf sich aufmerksam, Basser Colin Edwin macht mit Ex-NO-MAN Tim Bowness Experimental-Jazz. Und dann ist da noch GAVIN HARRISON. Der 52-jährige Brite ist nicht nur einer der besten und gefragtesten Drummer der Gegenwart, er ist auch unheimlich vielseitig. Wusstet ihr zum Beispiel, dass der gute Mann bereits mit EROS RAMAZOTTI, LISA STANSFIELD oder PAUL YOUNG zugange war und überraschend viel mit italienischen Künstlern arbeitet? Diese bewusste Nicht-Einschränkung seit dem Beginn seiner Karriere Mitte der 80er-Jahre schlug sich immer auch schon in seinem Zugang zum Medium Schlagzeug nieder, der eher kindlich-naiv und experimentierfreudig ist statt sich an Noten oder Regeln zu halten. Anything goes, würde der Brite sagen.

Neben seiner Fixverpflichtung bei KING CRIMSON und diversen Studiojobs u.a. für THE TANGENT oder O.S.I. in den letzten Jahren wird dem Stöckchenschwinger aber scheinbar recht schnell langweilig und so muss was Neues her. Die Lösung: PORCUPINE TREE-Songs im Big-Band-Style komplett umarrangieren. Über die letzten fünf Jahre, so ganz nebenbei. Klingt komisch, ist aber so. Immerhin war Gavins Vater passionierter Jazz-Fan, von daher rührt vielleicht auch die Vorliebe fürs Vertrackte. Gemeinsam mit dem renommierten Jazz-Musiker Laurence Cottle und mit Gastspielen unter anderem von Nigel Hitchcock (Saxofon) und Dave Stewart (Marimbas) hat er in acht Songs Fragmente bekannter PT-Tracks wie "Hatesong" "Heartattack In A Layby" oder "The Start Of Something Beautiful" in alle Einzelteile zerlegt, dreimal verdreht und wieder zusammengebaut. Heraus kommt etwas ganz Neues, aber auch etwas ganz Eigenartiges, das jedermanns Sache nicht unbedingt sein dürfte und selbst hartgesottene PT-Fans aufs Äußerste verwirren wird. Mit jedem Durchlauf mehr (und ja, auch ich fand das Zeug anfangs nur ziemlich schwer verdaulich) entfaltet sich in den Songs eine ganz eigenartige Magie.

Nicht dass es Mister HARRISON nötig hätte, aber Vergleiche mit Gene Krupa oder Buddy Rich sind hier durchaus angebracht, schon vom Stil her. Mittlerweile müssen sich aber selbst Experten des klöppelnden Gewerbes eingestehen: Der Mann hat technisch bereits vor Jahren alles hinter sich gelassen und trommelt in seiner ganz eigenen Liga. Ob man es nun Fusion, Jazz, Prog oder Big-Band-Sound nennt - man kann das Ergebnis immer auf einen Nenner herunterbrechen: "Cheating The Polygraph" ist eines der interessantesten Experimente der modernen Musik und wird durchaus seine Freunde finden. Auch, oder gerade weil es näher an FRANK ZAPPA ist als an PORCUPINE TREE, und weil es einfach eine Freude ist, diesem Über-Schlagzeuger dabei zuzuhören, wie er sich ständig neu erfindet und immer wieder über sich hinausschießt. Die Tatsache, dass das alles mit Metal oder Rock nicht mehr viel zu tun hat, klammern wir hier ausnahmsweise mal aus. Eine mutige Sache das.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (05.08.2015)

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