Root - Zjevení (ReRelease)

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VÖ: 27.08.2015
Bandinfo: ROOT
Genre: Dark Metal
Label: I Hate Records
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Lineup  |  Trackliste

Der Begriff "Kult" wird ja oftmals über Gebühr strapaziert. Doch was die Tschechen in den Spätachtzigern hinter dem damals noch existenten Eisernen Vorhang zelebrierten, darf eine Combo wie ROOT zumindest in die Nähe dieses Begriffs rücken! Der Debütdreher "Zjeveni" kroch zwar 1990 an die Oberfläche, just zu einer Zeit, als Begriffe wie Glasnost und Perestroika Freiheit und Aufbruch verhießen und tatsächlich eine Befreiung und Westorientierung der Tschechoslowakei (ja, genau, so hieß das "Werkl" vor der Aufspaltung in Tschechien und die Slowakei!) stattfinden konnte. Dass die Band wohl nicht ohne Einflussnahme bzw. Repressionen seitens des Staates agieren konnte und die Aufnahmen wohl nur mit äußerst eingeschränkten Mitteln vonstatten gingen, dürfte auf der Hand liegen. Wer jemals Berichte ehemaliger DDR-Metaller von Bespitzelung, Repressionen aufgrund metallischer Äußerlichkeiten, Tonträger- und Medienbeschränkungen, staatlich kontrollierten Konzerten von einheimischen Bands und abenteuerlichen, aber erlaubten Reisen nach Ungarn zum Erwerb von ausländischen Metal-Tronträgern oder Tonträger-Geschenken der West-Verwandten gelauscht hat und nur annähernd eine Ahnung davon hat, welche ideellen Werte Originaltonträger hatten, was Kassettenaufnahmen vom Metal-Radio bedeuteten und dass ausgeschnittene Bandberichte aus Westmagazinen gegen bares Geld verhökert wurden, kann sich wohl vorstellen, unter welchen Bedingungen "Zjevení" nach diversen Demos in den Spätachtzigern zustande kam.

Geschlagene 25 Jahre später bringt das schwedische I Hate Rec. dieses Wunderwerk nostalgischen Metal-Undergrounds wieder neu auf Vinyl heraus. Und dieses hat es in sich. Kenner und Liebhaber obskurer, originärer Sound wissen um die Qualitäten einer Band wie ROOT und lassen ihr nahezu hündische Verehrung angedeihen. Aus der ehemaligen CSSR konnten sich zwar vornehmlich TÖRR und vor allem MASTER'S HAMMER (die mit ihrem 1992er "The Jilemnice Occultist"-Album den Grundstein für den symphonischen Black Metal mitlegten) einen Namen machen (derweil lärmten im Nachbarland Ungarn TORMENTOR mit Attila Csihar), doch der kundige Metalarchäologe hat auch ROOT im Visier. Weder Sound noch Riffs von ROOT waren revolutionär, zu sehr orientierte man sich an damals – 1990 - Bekanntem, vor allem an Proto-Black-Metallern wie BATHORY oder CELTIC FROST und schwedischem Früh-Death-Metal. Dennoch trugen die rohen Death-Metal-Riffs große Schwere und Rhythmik (etwa im Titeltrack) in sich und dokumentieren gleichzeitig jene Zeiten des Übergangs vom Death in den Black Metal, der seine hässliche, wüste Fratze etwa in „Výslech“ oder auch in „7 Cerných Jezdcu“ (damals als Single mit "666" als B-Seite "ausgekoppelt") und "Upálení" offenbart. ROOT agierten auch unter dem Einfluss eines gewissen theatralischen Elements (das ja auch MASTER'S HAMMER kultivierten), das seinen Niederschlag neben dem Spoken-Word-Intro (aus Anton Szandor LaVey's "Satanischer Bibel") samt Türenknarzen etc. auch in der Einleitung zu „Upáleni“, „7 Cerných Jezdcu“, „Démon“ oder „Znamení“ findet. Zusätzlichen Charme versprühten dabei auch die in Tschechisch gehaltenen Texte, eine gleichsam harte wie außergewöhnliche Sprache, welche das Gesamtwerk in ein noch interessanteres Licht rückte.

Auch wenn die Herrn aus Brno/Brünn kamen, bildete sich in ihrem Sound der morbide Touch, wie er altehrwürdigen Städten wie Wien, Budapest oder Prag nachgesagt wird, ab, welcher der Soundmelange der schon 1987 gegründeten Band eine eigene Note verpasste. Die morbide Seite der Band fand ihren Ausdruck etwa auch in Schweden-Death-ähnlichen Elementen wie etwa dem Gitarrensolo des Titeltracks. Dass man sich auch auf Doom verstand, zeigt schließlich noch der Rausschmeißer „Cesta Zkazy“, der jedoch mit zunehmender Spieldauer auch feist und blackmetallisch daherklopft, mit dem Drumming etc. noch einmal das theatralische Element kultiviert und den Hörer nach knappen 36 Minuten wieder entlässt. Und so sind auch Jahrzehnte später getragene Metalriffs (etwa "Zjevení" - auf Deutsch: "Geist") ebenso wie das einprägsame „Pisen Pro Satana“ (der wohl bekannteste Song der Tschechen), symptomatisch für jene Zeit und gleichzeitig kultumweht. „Aralyon“ kriecht mit seinem Refrain auch Jahre später noch in die Ohren des Hörers und dass "666" noch heute gern live gespielt wird, unterstreicht die Qualitäten des Albums. Eigenwillig, atmosphärisch und archaisch... unter diesen Adjektiven ist dieser Release zu sehen. Nicht stilprägend oder essenziell, aber zu seiner Zeit unter schwierigen Umständen zustandegekommen und absolut dem seinerzeitigen metallischen Zeitgeistverständnis entsprechend, für eine Exotenband aber doch irgendwie relutionär, zudem gepaart mit einer gehörigen Portion Kauzigkeit und eingehüllt in eine Schwade der Obskurität. Eine kultige Suppe, die aus dem späten Death Metal den frühen, rohen Black Metal der sogenannten "zweiten Welle", die ihren Ursprung wie größte Ausprägung in Norwegen fand, jedenfalls um eine dunkle und schräge Note bereicherte, zumindest vom ideologisch-atmosphärischen Unterbau her.



Ohne Bewertung
Autor: Thomas Patsch (19.08.2015)

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