Tsjuder - Antiliv

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VÖ: 18.09.2015
Bandinfo: Tsjuder
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Ganz persönlich will ich eingangs dieses Reviews einfach nur bescheiden danke sagen. Danke, lieber Nag, dass du dich vor fünf Jahren nach einer längeren Pause doch noch dazu entschlossen hast, TSJUDER ins Leben zurückzuholen, denn – und da spricht jetzt ganz klar der Purist aus mir – richtig knackigen Norwegen-Black-Metal mit einer kräftigen Dosis Früh-90er-Seele gibt es heute ohnehin kaum mehr. DARKTHRONE? Längst im NWoBHM-Punk angekommen. MAYHEM? Ihnen avantgardistische Tendenzen zu unterstellen, wäre noch untertrieben. EMPEROR? R.I.P. – quasi. SATYRICON? Spielt lieber mit professionellen Orchestern durch die Gegend. Also muss dann eben doch eine Band die Fahne hochhalten, die zu den Glanzzeiten des Second-Wave-Black-Metal noch im Demostatus war.

Und das tut sie glücklicherweise mit großer Würde, denn so sehr ich Veränderungen im Genresegment persönlich schätze, so sehr freut es mich auch zu sehen, dass kompositorischer Stillstand manchmal auch goldrichtig sein kann. Wer sich bei TSJUDER-Scheiben wie „Desert Northern Hell“ oder dem bockstarken Comeback-Werk „Legion Helvete“ stets schwer tat, die Erektion zu verbergen, der wird sich auch beim Hörgenuss von „Antiliv“ das nächste Packerl Taschentücher bereitlegen müssen. Was würde auch besser als Albumeinstieg passen als ein Hochgeschwindigkeitsdiktat namens „Kaos“, das in dreieinhalb Minuten schon einmal jegliche Form von Gemütlichkeit aus allen Hirnrinden pulvert und sich schmerzvoll-schneidend durchs Trommelfell quetscht. Behaglichkeit ist ein Fremdwort, Lethargie verpönt – Krach und teuflische Atmosphäre dafür oberstes Gebot.

Spätestens beim darauffolgenden „Krater“ finden TSJUDER aber in die gewohnte Spur. Das bedeutet, neben Blastbeat-Stakkatos und Nags unwiderstehlich peitschender Keifstimme finden auch die ersten Black’n’Roll-Zitate in den Soundkosmos, um dem munteren Treiben die gewisse Dosis Arschleck-Attitüde anzugedeihen. Kenner wissen ja, dass die Osloer erst dann so richtig geil sind, wenn sie dem Rotzrock den nötigen Platz zur Entfaltung geben. Insofern ist auch schnell klar, welche Nummern am längsten im Gedächtnis bleiben. Einerseits wäre das der punkige Nackenbrecher „Demonic Supremacy“, andererseits das acht Minuten lange, aber zu keiner Sekunde fade Abschlussmanifest „Antiliv“, wo TSJUDER die rifflastige Geilheit fast schon zur Perfektion bringen. Würde sich Fenriz beim Demohören im Postkammerl nicht so stark in britischen und südamerikanischen Gefilden aufhalten, er könnte mit Sicherheit auch solch eingängige Meisterwerke verfassen.

Ausnahmsweise geht’s hier aber eben um TSJUDER und die liefern – wie bereits mehrfach erwähnt – einfach diese Art von arschtightem Norwegen-Black, den man heute nicht mehr so einfach bekommt wie in den inflationären Tagen des musikalischen Überangebots. Und das Schöne an dem Album ist, dass auch Fans der kalten Metallverarbeitung auf ihre Kosten kommen. Den Rock’n’Roll-Anteil schrauben TSJUDER auf „Djevelens Mesterverk“ und „Ved Ferdens Ende“ auf ein Minimum zurück, aber durch die knackige Produktion und das angenehme Zurückstellen des Schlagzeugsounds bekommt man die frostige Breitseite mit fein austariertem Karacho in die Magengegend geboxt. Alles andere ist sowieso Kinderkram. Schön zu sehen, dass das fidele Trio immer noch weit davon entfernt ist, ein qualitativ abfälliges Album zu verfassen. Um es mit den Worten der Band zu sagen: No Post! No Progressive! No Whatever! Fuck yes!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (09.09.2015)

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