Swallow the Sun - Songs From The North I, II & III

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VÖ: 13.11.2015
Bandinfo: SWALLOW THE SUN
Genre: Doom Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste

Wenn sich eine Band schon drüber traut ein Dreifach-Album auf den ohnehin bis zum Übermaß gefüllten Markt zu werfen, dann soll, nein, dann muss man das auch honorieren. So geschehen beim neuesten Output der Düster-Finnen von SWALLOW THE SUN. Die „Songs From The North“ genannte Trilogie, die man alleine ob des Mutes so etwas in der heutigen Zeit und jeglichen Kommerz- und Konsumgedanken zum Trotz durchzuziehen, würdigen muss. Und zwar nicht mit einem profanen Review, sondern mit der Wiederauflage des berühmt berüchtigten Stormbringer-Gangbangs (do you remember DRAGONY und „Shadowplay“?).

Dieses Mal fanden sich vier Redakteure (und Innen!) zusammen um SWALLOW THE SUN restriktive „Songs From The North I, II & III“ zu sezieren, auseinander zu nehmen und in durchaus ausschweifender Art und Weise die Vorzüge, oder - wie im Falle unseres Kollegen Phillip Annerer - die Nachteile von über 150 Minuten an Finnen-Depri-Kost darzulegen:


Reini Reither:

Ein Dreifach-Album ist per se eine immense Herausforderung. Die Düster-Finnen von SWALLOW THE SUN meistern diese Aufgabe auf den drei nun vorliegenden Teilen von „Songs from the North“ aber mit einer derart leichtfüßigen Bravour, dass man meinen könnte Mastermind Juha Raivio hätte bislang nichts anderes gemacht. Überaschend ist hier weniger die exorbitante Spielzeit (mehr als zweieinhalb Stunden!), sondern die Tatsache, dass es SWALLOW THE SUN obendrein geschafft haben drei nahezu gänzlich unterschiedliche Stimmungen auf ihre drei Alben (bzw. fünf LPs) zu verteilen.

Ist der erste Part noch gewohnte STS-Kost (man will ja schließlich die Stammhörerschaft nicht gleich zu Beginn überfordern), zelebrieren die sechs Herren aus dem unaussprechlichen Jyväskylä auf Teil zwei ihre zerbrechlich/verletzende, zumeist auch rein akustisch gehaltene Seite, nur um uns beim dritten Teil mit einer Funeral-Doom-Kante zu erschlagen, die ihresgleichen sucht und tief in die Bandvergangenheit zurückgeht.

Teil Eins also eher gewohnt, Neo-SWALLOW THE SUN eben, wobei man mit „10 Silver Bullets“ ein wahres Monster am Start hat und auch die gut platzierten Gothic-Schübe in „Heartstrings Shattering“ (samt Female-Vox) ein wenig für Auflockerung im düster-depressiven Klangbild der Finnen sorgen. Generell ergötzt sich Fronter Mikko Kotamäki oft und gerne an cleanen Vocals und als man in „The Memory of Light“ gar TYPE O  NEGATIVE-Gedächtnisriffs platzierte kullerte auch mir eine „Peter Steele I Am Missing You“-Träne über die Wange.

Der zweite Teil ist irgendwie die Achillesferse von „Songs From The North“ geworden, ungemein ruhig, viel Piano, akustische Gitarren, Mr. Kotamäki macht einen auf Weichling, das auf in meinen Augen viel zu langen 42 Minuten erschließt sich nicht immer, hat aber durchaus auch Momente und dient vielleicht ob seiner Wärme und Güte als perfekte Überleitung zum hasserfüllten, kaum topbaren dirtten Teil…

… die Funeral Doom-Roots werden herausgekramt, es wird geschrien und gekrächzt, Songs zwischen neun und 13 Minuten, hasserfüllt, böse, niederträchtig und dennoch nie ins uferlose ausartend, erschaffen die sechs Finnen eine vor klirrender Kälte fast in Schockstarre verfallende Atmosphäre, die dich nicht nur peinlich berührt, sondern auch vor Verzweiflung fast die Rasierklinge gen Pulsadern wandern lässt.

Songs from the North I, II & III will expand minds, release souls, and cleanse hearts

4,5/5


Phillipp Annerer:

Als ich hörte, dass SWALLOW THE SUN diesmal ein Dreifach-Album veröffentlichen würden, war ich sehr gespannt und meine Erwartungen fielen dementsprechend hoch aus. Wenn man sich schon damit brüstet gleich eine ganze „Trilogie“ zu veröffentlichen, dann sollte die auch wirklich auf allen Ebenen überzeugend sein.
 
„With You Came The Whole Of The World’s Tears“ ist ein gut gewählter Opener für den ersten Teil dieses Dreiteilers und spiegelt ihn sehr gut wieder. Es erinnert ein wenig an das was SWALLOW THE SUN bis jetzt gemacht haben. Sehr dunkle und düstere Musik, die aber trotzdem noch melodisch ist. Der Gesang ist, wie man es von ihnen gewohnt ist, mehr oder weniger abwechslungsreich gestaltet. Akustikgitarren werden gut eingesetzt und die Leadgitarren geben dem Ganzen ein etwas filigraneres Gefühl. Lauter und härter geht dann es dann bei „10 Silver Bullets“ zur Sache, für mich ganz klar eine der besten Nummern auf dem Album.

Der zweite Teil ist im Großen und Ganzen ein Akustikalbum und erinnert ein bisschen an „Dethroned & Uncrowned“ von KATATONIA, bei dem sie ihr Album „Dead End Kings“ als schwächere und entstellte Unplugged-Version neu veröffentlichten. Man sollte sich hier als Band die Frage stellen, ob es denn wirklich eine gute Idee ist alle „Balladen“ hintereinander auf einem Album zu platzieren. Das Ganze wirkt sehr langatmig und gibt nicht wirklich was her. Grund dafür ist sicherlich auch, dass die ganze „Trilogie“ rein musikalisch gesehen nicht unbedingt viel zu bieten hat und es hier noch deutlicher wird, als im ersten Drittel. Beim ersten Mal durchhören ist es mir nicht wirklich aufgefallen, aber das mag auch daran liegen, dass ich da eher versucht habe mich in die Stimmung der Musik reinfallen zu lassen und wenig darüber nachzudenken. So wirkte „Songs From The North“ auch erst einmal wirklich gut. Sobald man aber anfängt die Nummern ein wenig zu analysieren, so schwächeln einige sehr. Das trifft besonders auf den dritten Teil zu. Ich empfinde persönliche eine gewisse Hass-Liebe dafür. Ich liebe dieses Genre und die Stimmung, die die Musik mit sich bringt. Bei Songs wie „Empires Of Loneliness“ empfinde ich auf der einen Seite Genugtuung, weil er so schön böse und gemein klingt. Auf der anderen Seite muss man aber sagen, dass dieser letzte, in Richtung Funeral Doom gehende, Teil von „Songs From The North“ musikalisch noch weniger hergibt als die anderen zwei und was noch schlimmer ist: er wirkt überhaupt nicht authentisch, sondern sehr aufgesetzt. Das ist für mich ganz besonders bei dieser Art von Musik einfach nicht in Ordnung. Ich hoffe auch, dass der Sound, der auf dieser Promo-Version zu hören ist, nicht der originale ist, denn die Gitarren klingen sehr verwaschen und der Mix ist generell nicht wirklich gut, man achte beispielsweise auf den unnatürlichen Klang des Schlagzeugs.

Trotz allem kann man nicht sagen, dass „Songs From The North“ ein schlechtes Album wäre.
Der Inhalt entspricht eben einfach nicht der Aufmachung und es handelt sich eher um eine durchschnittliche Veröffentlichung. Es wird versucht dem Zuhörer ein riesiges und mächtiges Werk vorzugaukeln, dass aber bei genaueren hinschauen leider nicht standhalten kann.  Mit den ganz Großen können SWALLOW THE SUN damit nicht mithalten und ein Einzelalbum mit den besseren Songs des Dreiteilers wäre wohl eine bessere Idee gewesen.

3,0/5,0


Anthalerero:

An ein gar episches Unterfangen haben sich die Finnen von SWALLOW THE SUN gemacht indem sie ihren neuesten Streich "Songs From North" gleich als Dreifach-Album auf die Menschheit loslassen. Selbiges scheint ja neuerdings in Mode zu geraten, hatten doch auch die Landsleute von NIGHTWISH ihr Album in einer Special Edition als 3-Disc-Variante am Start. Doch wo andernorts drei unterschiedliche Versionen des gleichen Albums kredenzt werden, spielen SWALLOW THE SUN kurzerhand drei vollkommen eigenständige Alben ein. "Eigenständig" ist bei den Finnen hierbei wörtlich zu nehmen, unterscheiden sich die drei Teile von "Songs From The North" doch stilistisch erheblich voneinander ergeben aber jeweils für sich gesehen ein homogenes Album.

"Songs From The North I" besticht durch schwere, melancholische Kompositionen, die mit trauriger Anmut durch den Äther schweben. Überraschend viel Raum wird hier den Clean-Vocals eingeräumt, sodass die derben Growls inmitten der oftmals fragil und zerbrechlich wirkenden Passagen umso mehr Prägnanz entwickeln. Vor allem "Lost & Catatonic" weiß mit wunderbarem Spannungsbogen zu bestechen, und entwickelt mit seinem geradezu hypnotischen Refrain eine Tiefenwirkung die Gänsehaut verspricht. Auch die gefühlte, sukzessive Zunahme der Härte gegen Ende des ersten Albums weiß zu gefallen und sorgt dafür dass sich der Hörer immer weiter in die akustische Welt der Finnen gezogen wird, ehe das Album mit dem harmonisch-träumerischen "From Happiness to Dust" wunderschön ausklingt.

Das instrumentale "The Tomb Of Winter" läutet mit Klavier und Wolfsgeheul "Songs From The North II" ein, auf dem SWALLOW THE SUN ihre sanfte Seite ausleben und mit hauptsächlich akustischen Songs eine düstere und dennoch auf schwer beschreibbare Art hoffnungsvolle Atmosphäre kreieren. Eine ganz andere Seite von sich, die die Finnen hier präsentieren und die auch überraschend gut funktioniert. Ein paar Längen schleichen sich hier allerdings doch an ein paar Stellen in die atmosphärischen, zarten Titel die von ruhigen, unaufgeregten Kompositionen mit dezentem Gesangseinsatz leben. Hie und da ist "Songs From The North II" fast ein wenig zu ruhig, was es schon mehr zu einer Ambient- als zu einem Doom-Scheibe macht.

Dafür gehen die Finnen bei "Songs From The North III" noch einmal in die Vollen und präsentieren astreinen Funeral Doom mit so tief gestimmten Gitarren, dass der Bassist vermutlich seinen Tieftöner in die Ecke gepfeffert hat und sich noch immer in Verzweiflung ergeht. Die Stille am Beginn von "The Gathering Of The Black Moths" macht den hämmernden Beginn des Titels der sich wie flüssiges Blei aus den Boxen wälzt nur umso wirkungsvoller. Ein wahres Monster aus 13 Minuten Zeitlupen-Riffing, finsterstem Gegrowle und Gekreische, düsteren Orchesterparts und sogar Kirchenglocken läutet den Reigen aus durchwegs um die zehn Minuten füllenden schwersten tonalen Konstrukten ein. "Songs From The North III" schlägt einen zu Boden und zerrt die Eingeweide aus dem verfaulenden Kadaver des Seins, ehe zäher schwarzer Teer über einem zusammenschwappt und die nutzlose Hülle hinabzieht in die tiefsten Tiefen des Erdreichs.

Was SWALLOW THE SUN auf "Songs From The North I, II & III" abliefern ist nur mit einem Wort zu beschreiben: Monumental. Ein schwieriges, aber äußerst mutiges Werk, das die Finnen ihren Hörern da servieren und dessen Facettenreichtum viel Zeit braucht um sich zu entwickeln.

4,0/5,0


Pascal Staub:

Seit stolzen zehn Jahren fühle ich mich den harten Klängen nun schon zugehörig und bin just in diesem Moment ziemlich erstaunt, wie schnell doch die Zeit vergangen ist. Und vor genau fünf Jahren machte ich meine größte Leidenschaft (Musik bzw. Metal) zum Beruf, habe als Schreiberling wirklich schon unfassbar vieles erlebt, was sowohl in's Negative als auch in's Positive ausschlug, mich mitriss und überwältigte, langweilte oder gar nervte. Warum ich das hier rekapituliere? Natürlich weil das kleine Jubiläen sind, die einen daran erinnern, dass ein Traum Wirklichkeit wurde und man dankbar dafür sein sollte, ihn ausleben zu dürfen. Doch abgesehen davon gibt es noch einen weiteren Grund, dem bzw. der dafür hauptverantwortlichen Band ich im Folgenden nur allzu gerne die Bühne überlasse: "Songs From The North I, II & III" von SWALLOW THE SUN. Richtig, ein Dreifach-Album. Und was für eines.

Da das alleine den Finnen wohl nicht anspruchsvoll genug war, praktizieren sie auch noch drei unterschiedliche Stilistiken, die sie auf atmosphärischer wie auch emotionaler Ebene miteinander fügen. Heißt: Mit "I" betritt man am ehesten die typischen SWALLOW THE SUN Wege, während man in "II" abdriftet und den tiefen Schneespuren folgt, bis man im nahegelegenen Wald eiskalte, akustische Klänge registriert, deren reinigende, wohltuende Wirkung einen zu einem gefrorenen See geleiten. Ein falscher Schritt, und "III" vermittelt einem sofort das beklemmende Gefühl abyssischer Dunkelheit.

Das macht "Songs From The North" als ganzheitliches Werk zunächst zu einem verdammt komplizierten Brocken, den es nach und nach abzuarbeiten gilt. Dabei ist die größte Hürde (auch für den hartgesottensten Fan), sich überhaupt zurechtzufinden, da selbst der charateristischste erste Teil im Vergleich zum bisherigen Schaffen in Sachen Schwermut erheblich zugelegt hat, was man beispielsweise in "With You Came The Whole World's Tears" und "Rooms And Shadows" intensiv zu spüren bekommt. Erzeugt durch sehr persönliche Texte, wehklagende Vocals und melancholische Melodiespiele, entsteht eine mitreißende Talfahrt in Abgründe, die man bislang nicht mal von SWALLOW THE SUN kannte, nach einem gewissen Einsatz aber wertschätzen wird.

Mit dem akustischen Teil, der in seinen besten Momenten an zahlreiche TENHI-Meisterwerke erinnert, ist dem Sextett anschließend sowohl ein interessanter, doppelseitiger Twist als auch eine willkommene Abwechslung gelungen, die stimmungstechnisch zwar in eine ähnliche Kerbe schlägt, angesichts der stromlosen Darbietung den Klammergriff aber ein wenig auflockert, bevor man mit dem dritten Teil eine Reise in Funeral-Doom-Untiefen antritt, die SWALLOW THE SUN u.A. auch im letzten Song ("Weight of the Dead") auf dem "New Moon"-Album grob skizziert haben, auf "III" aber noch schleppender und düsterer untermalen.

Um zum Abschluss auf mich zurückzukommen: Über all die Jahre habe ich mich entwickelt, stets an meiner Ausdrucksform gefeilt und mich - so hoffe ich doch - verbessert. Eine Charakteristik, an der ich meiner Meinung nach am meisten geschraubt habe? Der Anschaulichkeit dienende Songbeispiele und Verknüpfungen, die ich unseren Lesern an die Hand geben möchte. Das fällt mir bei "Songs From The North" noch schwerer als bei meinem Jahreshighlight "Shards Of Silver Fade" von MIDNIGHT ODYSSEY. Auch wenn jeder der drei Teile für sich funktionieren, will dieses nordische Meistwerk am Stück gehört und aufgesogen werden, seinen mal melancholischen, mal klaftertiefen Charme regieren lassen und die Sinne seiner Hörerschaft fordern. Das führt eingangs zu Überforderung, die SWALLOW THE SUN aber mit ihrem größten Trumpf, nämlich den Emotionen, die die Hoffnung in dieses Werk schüren, bis auf extrem rar gesäte Ausnahmen tilgen. Schlussendlich lässt sich zu "Songs From The North" nur noch folgendes sagen: Elegischer Doom Metal, melancholische Akustik-Stücke, Funeral Doom – das ist 2015 die heilige Dreifaltigkeit von SWALLOW THE SUN, die auf diesem neuen Terrain mehr als nur überzeugen.

4,5/5,0



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Reini (13.11.2015)

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