GRÜßAUGUST - Strophe Bridge Refrain

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VÖ: 09.11.2015
Bandinfo: GRÜßAUGUST
Genre: Crossover
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

Kann sich noch irgendwer an die INCHTABOKATABLES erinnern? Ok. Wenn doch (waren in den Neunzigern ein wenig angesagt), hier haben wir den Drummer Titus Jany und den Sänger Robert Beckmann dieser Schräg-Combo bei der Wiederbetätigung, und das bereits mit der dritten CD. Was sie auf "Strophe Bridge Refrain" machen, wird im Infosheet bereits schön als Gruppensex mit "SWANS, MOTORPSYCHO, MELVINS, VIOLENT FEMMES und SONIC YOUTH" beschrieben, und das trifft es meiner Meinung nach auch ganz gut. Vehement erinnern mich die vier Klang-Anarchos an die Dortmunder HONIGDIEB (nicht zuletzt weil Sänger Robert, der auch die Violine sexuell belästigt, wie ein gewisser Sir Hannes Schmidt klingt) oder, ortsbedingt vielleicht, ein wenig an die Berliner Nachbarn von DRITTE WAHL. 

Für alle Info-Fetischisten findet sich für GRÜßAUGUST bei Wikipedia übrigens folgende Bezeichnung: "... ist eine salopp abwertende oder scherzhafte Bezeichnung für einen Empfangschef in einem Hotel oder einer Gaststätte, sowie für eine Person, die ein repräsentatives Amt bekleidet, mit dem aber keinerlei Machtbefugnisse verbunden sind." Nun, da kennen wir ja jeder einige davon. Der Herr Bezirksrat lässt ...ähm, grüßen. Wissen wir das auch jetzt. Fern jeglicher Genre-Normen wüten die vier Grüßauguste im musikalischen Biotop, mal ist es Punk, mal ist es eine augenzwinkernde "Hamburger Schule", öfters mal ein unkonventioneller Crossover. Dazwischen lugt radikale Poesie hervor, wie wir sie sonst nur von Blixa Bargeld oder Sven Regener kennen: Das ruhige, schleppende "Nothing" betört mit bildhafter Sprache, schwebend in der Strophe gleichwohl wie brachial im Refrain (ohne Bridge jedoch).  Hier liegen die zuckersüßen und die bittermandelnen Gedanken ganz nah beieinander.

Auch den Duden möchte man um einige Wortkreationen bereichern, so reimt sich auf "Rosen bemulchen" irgendwie "erdulchen", lyrisch erklimmt man immer wieder teils neue, wenngleich auch seichte Höhen, zum Beispiel in "Gesicht": so wirst du rollig, so spitz wie auch ich, also bitte sehr nun, setz dich auf mein Gesicht. So richtig schön romantisch eben. In der Anarchopunk-Ode "Loipe" ist der Kopf zu fett für einen Helm, und man reimt sich kompromisslos durch eine frei erfundene Wintersportrhetorik. Das eröffnende "Jetzt", das sich ob seines Eins-Zwo-Taktes auch wunderbar als Tanzbodenkracher eignen sollte, zitiert aus dem INCHTABOKATABLES-Song "Tomatenfisch", und immer wieder kommt auch die gefürchtete schräge Fiedel zum Einsatz - beim industriell stampfenden "My Love" genauso wie bei "Lachen" und dem an gemäßigte FIDDLER'S GREEN erinnernden Folk-Exponat "Smells Like".

Epische Dimensionen bekommen die beiden finalen Eruptionen "Mein Weg" und "Prikas" - bei letzterem wird russisch gesungen, fragt mich also nicht, worum es geht, "Prikas" heißt jedenfalls "Befehl". Also wird's zumindest um Befehle gehen. Am besten ihr findet es selbst raus! Eine erfrischend "andere" Platte wird uns hier vorgelegt, von wackeren Musikern, die die Einfachheit zur Genialität hochstilisieren, die den Mut haben, auf sämtliche Konventionen zu spucken, und die lieber nach einer experimentellen Nineties-Alternative-Combo klingen wollen als sich irgendeinem Flach-Trend anzubiedern. Das machte ja schon die INCHTABOKATABLES aus, und daran ändert sich auch bei den GRÜßAUGUSTEn nicht allzu viel. Zwischen-allen-Genres-Liebhaber und Freunde der gewagten germanischen Kellerpoesie sollten hier mal ein Ohr riskieren!
 



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (07.12.2015)

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