Abbath - Abbath

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VÖ: 22.01.2016
Bandinfo: ABBATH
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
Lineup  |  Trackliste

Es gibt genau zwei norwegische Black Metaller, die ganz und gar freiwillig zu Klischees ihrer selbst wurden, ohne dabei an Credibility eingebüßt zu haben. Der eine sortiert die Post in Kolbotn und gilt neben PRIMORDIAL-Mastermind Alan Averill als DER Szenepapst für alle Fragen rund um undergroundig Gehacktes (Fenriz), der andere hat mit Crabcore-artigen Bewegungen, humorigen Videos und unvergleichlichen Grimassen bereits vor 20 Jahren für eine gelungene Persiflage der norwegischen Kühle gesorgt (Abbath). Selbst die „Guitar Hero“-Computerspielreihe ehrte den Ober-Panda mit dem etwas zu dick gezeichneten Charakter Lars Ümlaüt. Ebenjener Abbath hatte einst auch Zornbinkerl Varg Vikernes alias BURZUM in die hohen Weihen des Schwarzmetalls eingeführt und trotzdem niemals den Sinn für Humor verloren – schon allein dafür gebührt ihm ein Orden.

Normalerweise würde ich hier – dem Anlass entsprechend – über ein brandneues IMMORTAL-Album schreiben, da sich die beiden Lebensmenschen und ex-Schwager Demonaz und Abbath im Laufe der letzten Jahre aber nicht wirklich über Terminisierung, musikalischer Ausrichtung und weiterer Zukunft ob ihrer Band einig wurden, hat den 42-jährigen Olve Eikemo die Ungeduld gepackt und er hat seine - teilweise bereits gut ausgereiften – Ideen in sein Soloprojekt ABBATH gebuttert. Warum er nicht gleich mit seinem Kurzzeitprojekt I weitergemacht hat, blieb bislang unbeantwortet, zumal er mit dem einstigen GORGOROTH-Bassisten und Gaahl-Intimus King Ov Hell seinen alten Sidekick neu rekrutierte, was sich schlussendlich auch entscheidend auf die Songlandschaft dieses Albums auswirkte.

Die gute und die schlechte Nachricht bezüglich dieses Albums besteht nämlich aus demselben Inhalt – es gibt hier keine musikalischen Überraschungen. Das gefällt natürlich dem Gros der Fans, das noch immer gerne zu „Blashyrkh“ die Fäuste reckt, bei „Where Dark And Light Don’t Differ“ in kollektive Verzückung versetzt und bei „Tyrants“ wiederholt zur vorzeitigen Ejakulation genötigt wird. Das ist natürlich ganz und gar legitim, denn seit BATHORY selig gab und gibt es keine Black-Metal-Combo, die IMMORTAL in punkto Opulenz, Epik und kompositorischer Brillanz das Wasser reichen konnte. Weniger gefallen wird es den vereinzelten Jüngern, die sich eine Abkehr gängiger Sound-Stigmata erhofften, ein Zeichen der Emanzipation gegenüber den alten Tagen, von denen sich viele Künstler im Zuge einer Neuerfindung ja gerne bewusst trennen.

ABBATH hingegen weiß natürlich, dass die Kuh gemolken gehört und nachdem Demonaz bereits hat anklingen lassen, dass auch ein IMMORTAL-Album vor der Tür steht, muss der Erstwurf seines heiß ersehnten Spin-Offs natürlich ein gewaltiger, ein bahnbrechender sein. Nun ja – eine Weltrevolution stellt ABBATHs Debütalbum natürlich nicht dar, aber in punkto Atmosphäre, Erhabenheit und vor allem klirrender Kälte wird es nur schwer zu überbieten sein. Mit Marschklängen „To War“ beginnt die akustische Kriegspalette, die schon von Anfang an mit Riffs überzeugt, die weit mehr im Thrash, denn im Black verankert sind. Das ist wohl ein großer Verdienst von King, der schon bei den späteren GORGOROTH und auch bei GOD SEED seiner Liebe für knallige Riffs frönte. Das infernale Gekloppe beim Albumeinstieg ist aber noch lange kein Highlight, denn angenehmerweise verstärken sich die Tracks mit Fortdauer stetig.

„Winter Bane“ ist mit knapp sieben Minuten Spielzeit zwar das längste, aber bei weitem nicht epischste Stück des Albums. Abbath krächzt-keift in seiner einzigartig-unnachahmlichen Manier, im Hintergrund knüppelt Kurzzeitdrummer Creature (auch bekannt als Kevin Foley, der unlängst aus der Band ausstieg) seine Blast-Teppiche, während Abbaths Gitarre arktische Eisberge fein säuberlich in zwei Hälften schneidet. Wer spätestens hier, bei diesem eindeutigen Klanghybriden aus I und IMMORTAL, nicht zumindest kurz mit plötzlich aufkommender Gänsehaut konfrontiert wird, der hat den guten Panda einfach nicht verstanden. Das unlängst veröffentlichte „Ashes Of The Damned“ überzeugt einerseits mit majestätischem „At The Heart Of Winter“-Geblaste, verstört mitunter aber auch mit partiell eingesetzten Synthies, die sich aber niemals offensiv und angriffig in die Gehörgänge graben. Im Refrain zeigt Abbath, dass ihm die headbangende Mid-Tempo-Ausrichtung immer noch am besten liegt – diesen Eindruck bestätigt er auch auf „Ocean Of Wounds“, einem unwiderstehlichen Kopfschüttler, der direkt aus der seligen „Sons Of Northern Darkness“-Ära stammen könnte und mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Fixpunkt im Liveset werden wird.

Das bereits bekannte „Count The Dead“ hingegen ist wiederum ein herrliches Black’n’Roll-Lehrstück mit kräftiger Thrash-Harke, so als ob DEW-SCENTED mit dem guten Olve für ein paar Tage in den eisbehangenen Bergener Proberäumen abgesoffen wären. „Fenrir Hunts“, der einst beim Tuska Festival erste live gespielte ABBATH-Track, erweist sich von Anfang an als metallischer Wirbelsturm im Hochgeschwindigkeitssektor, der gar an die Knüppelorgien von „Blashyrkh“ zurückdenken lässt, dieses diabolisch-infernale Gehacke aber mit einem prägnanten Thrash-Refrain verstärkt, der abermals in gedankliche Kristallwelten voller paralysierend-weißer Wintermomente verführt. Das absolute Highlight folgt dann gegen Ende mit „Root Of The Mountain“, wo sich das Trio ganz auf seine großen Idole BATHORY besinnt, bedrohlich und kühl an den Instrumenten schrubbt und mit dem IMMORTALigst-möglichen Refrain begeistert.

„Eternal“, der ideale Songtitel um ein derart episches Album zu beenden, drückt am Ende noch einmal gewaltig aufs Gaspedal und macht dem Hörer unmissverständlich klar, dass es hier niemanden an kompositorischem Selbstvertrauen mangelt. Digipak-Fans dürfen sich noch auf die Cover-Versionen von „Riding On The Wind“ (JUDAS PRIEST) und „Nebular Ravens Winter“ (IMMORTAL) freuen. ABBATHs heiß ersehntes Solodebüt hat neben dem überdurchschnittlich starken Songmaterial und der Blitzeis-Atmosphäre noch ein drittes, großes Plus – die Produktion ist wahrlich genial und mein geschätzter Kompagnon Baumgartner rühmt sie nicht umsonst als die beste seit der letzten TRIPTYKON. So siedelt sich „Abbath“ irgendwo zwischen der viehischen Radikalität von „Battles In The North“, der kompositorischen Veränderungsphase von „Blizzards Beasts“, der Opulenz von „At The Heart Of Winter“, der Durchschlagskraft von „Damned In Black“ und der Genialität von „Sons Of Northern Darkness“ an und ummantelt all das mit der Attitüde von I und der Liebe für Thrash-, Rock- und NWoBHM-Riffs. „Grim And Frostbitten Kingdoms“ 3.0 eben.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (15.01.2016)

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