INTRINSIC - Nails

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VÖ: 16.10.2015
Bandinfo: INTRINSIC
Genre: Speed Metal
Label: Divebomb Records
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Lineup  |  Trackliste

Die Kalifornier mit dem für nicht anglophile Zeitgenossen etwas gewöhnungsbedürftigen Namen waren nach ihrem selbstbetitelten 1987er-Debüt in der Speed-Metal-Szene bald recht hoch im Kurs, doch leider sollte ihnen das gleiche Schicksal beschieden sein wie so vielen anderen (teils auch weitaus erfolgreicheren) Kollegen auch: Als sie sich partout nicht mit der neuen Marktsituation anfreunden wollten, nachdem NIRVANA mit "Nevermind" und METALLICA mit dem "Black Album" Anfang der Neunziger die Parameter der harten Musik neu definiert hatten, war's aus die Maus. 1996, als selbst im VADER-Tourbus nur noch THE PRODIGY dröhnte, hatte die Band außer ein paar altmodischen Kuttenträgern schon niemand mehr auf dem Schirm, da nutzte auch das relativ starke "Closure" nix, eher war der Name hier unglücklicherweise Programm. Umso erstaunlicher, dass die Jungs aus dem sonnigen Morro Bay jetzt plötzlich mit "Nails" um die Ecke gebogen kommen, einer Scheibe, die eigentlich 1992 hätte erscheinen sollen, es aber aus oben genannten Gründen dann nicht tat. Dabei wäre diese Platte nahezu visionär gewesen, vereint sie doch hochklassigen Speed Metal mit Anflügen von gut als Avantgarde getarntem Grunge und lecker Crossover.

Gut, dachte sich die Band in wackerem Pioniergeist der ersten Tage, dann mal eben die DAT-Bänder irgendwo ausgraben. Wer hat sowas eigentlich erfunden? DAT-Bänder. Natürlich waren die Dinger in erbärmlichen Zustand, wie alles, was seit 25 Jahren auf wärmeempfindlichen, magnetisch beschichteten Plastikschnüren irgendwo dahinvegetiert. So wurde dem lieb gemeinten, späten Release erst mal eine ordentliche "Watschen" verpasst. Was also tun? Engineer Jamie King (BETWEEN THE BURIED AND ME, SCALE THE SUMMIT u.a.) nahm sich der Sache an und via Crowdfunding konnte die Band das ungeplant aufwändige Re-Mastering letztendlich auch finanzieren. Natürlich ist eine Speed/Thrash-Platte in der öffentlichen Wahrnehmung heute wesentlich besser dran als zwischen 1991 und 2002, so paradox das klingen mag. Der Metal-Mensch in seinem unstillbaren Retro-Wahn nimmt ja alles dankbar an, was irgendwie "vintage" und "genuine" klingt. Und wo Musiker, die gerade mal der Pubertät entschlüpft sind, sich die Zähne ausbeißen, können INTRINSIC natürlich mit dem Trumpf aufwarten, damals auch wirklich dabei gewesen zu sein. Nennen wir es die Gnade der frühen Geburt.

Wer geglaubt hat, bei INTRINSIC handle es sich um ein Nasenspray und denkt, es käme da wieder mal irgendeine Altherrenpartie daher, die mit ihrem Frühwerk nochmal den großen Reibach machen möchte, weit gefehlt. "Nails" ist der sprichwörtliche Diamant, der 25 Jahre in irgendeinem Studiokeller sein Dasein als zerfleddertes DAT-Band fristen musste, ehe man ihn in aller Pracht erstrahlen sehen (und hören) konnte. Das vorbildlich restaurierte Klangbild greift trotzdem den Metal der damaligen Zeit perfekt auf und der Stil-Crossover ist so gelungen und in sich stimmig, dass er eigentlich kaum auffällt: "Fight No More" huldigt IRON MAIDEN, "Die Trying" und das famose "On Gossamer Wings" nehmen vorweg, was TAD MOROSE ein paar Jahre später bekannt machen sollte, nicht ohne das Ganze mit deftigem Bay-Area-Gedöns zu versehen. Auch NEVERMORE werden in "Pillar Of Fire" schon mal schemenhaft angedeutet, dafür suhlt man sich bei "Mourn For Her" im Geiste der auch längst vergessenen, aber nicht minder genialen LAST CRACK. Mit der unerwarteten Rap-Einlage "The Vicious Circle" verblüffen INTRINSIC ebenso wie mit dem wahnwitzigen Jazz-Instrumental "Yikes!", zeigen sie sich doch open minded wie wenige der Kollegen vor 25 Jahren. Das mit Streichern veredelte "Inner Sanctum" ist dann ebenso überirdisch wie das an PEARL JAM gemahnende "Denial", und bevor man beim Bonus-Track "Cannabis Sativa" gänzlich dem Crossover inklusive Bläsersätzen verfällt, vergeht man sich noch erfolgreich an LED ZEPPELINs "Dazed And Confused".

Zwischen den Zeilen hört man dann noch Kapellen wie NUCLEAR ASSAULT, EVILDEAD oder ATROPHY durch, also wenn's beim weltoffenen Musikliebhaber jetzt noch nicht bimmelt, wann dann? Warum Überstimme Lee Dehmer (singt einfach alles) nach INTRINSIC keinen einzigen Gesangsjob angeboten bekommen hat, ist für mich heute ebenso unverständlich wie die Tatsache, dass kein Label diese Preziose damals veröffentlichen wollte. Ich hoffe, die heutige Metal-Welt ist um einiges freigeistiger als die der Neunziger, und ich hoffe, dieses Meisterwerk (inklusive neuem Artwork und massig Linernotes zur Entstehung) bekommt nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient. Also, flink, flink, flink in den Plattenladen gehöppelt und das Teil abgegriffen, worauf wartet ihr denn noch Himmelherrschaftszeiten!?



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (11.01.2016)

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