In Extremo - Quid Pro Quo

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VÖ: 24.06.2016
Bandinfo: IN EXTREMO
Genre: Mittelalter Metal
Label: Universal Music Austria
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Wenn Musik nicht gerade die schönste Leidenschaft des Universums ist, teilt sie sich - hinterlistig wie sie sein kann - mit Vorlieb auch mal auf, was für ihren Zuhörer gut und gerne auch mal Leiden schafft. Sind wir mal ehrlich: Jeder von uns hat diese eine Band, an die man so dermaßen überzogene Anforderungen stellt, dass schon die ersten Eindrücke eines neuen Albums völlig den Bach runtergehen können, ohne dabei eine realistische Chance erhalten zu haben. In meinem persönlichen Fall tritt dieses Naturgesetz desöfteren vorzugsweise bei Interpreten auf, die ich schon eine gefühlte Ewigkeit kenne und bei denen ich durch ein spezielles Album eingestiegen bin, mit dem sich - höchstwahrscheinlich unterbewusst - zwangsläufig alles nachfolgende Material messen muss. Das wiederum führte in einigen Fällen zu einer regelrechten Hassliebe, bei der aber trotz aller Widrigkeiten stets die Liebe überwog. Um die Überleitung zu spinnen und die lange Rede etwas abzukürzen, kommen wir nun bei IN EXTREMO (und ihrem neuen Eisen namens "Quid Pro Quo") an, die sich unfairerweise Jahr für Jahr in der heimischen Anlage der Schmach ergeben müssen.

Wobei das Wort Schmach die Ausgangslage wahrscheinlich etwas hochstilisiert, denn abgrundtief schlecht waren "Kunstraub" und "Sterneneisen" ja nun auch nicht. Einige Prozentpunkte fehlten dennoch und liessen sich für mich nicht nur mit dem ausgelatschten "Der Mittelalteranteil ist geringer geworden"-Argument, an dem sich viele Kritiker so gerne bereichern, begründen, sondern eben auch durch teils zu deutschrockig-austauschbare Arrangements, denen IN EXTREMO in der Vergangenheit immer geschickt entweichen konnten. Genau diese Fähigkeit ist es übrigens auch, die die Sieben auf "Quid Pro Quo" wieder für sich entdeckt haben und bereits im metallischen Opener "Störtebeker" durchscheinen lassen, mit dem man gleichzeitig auch einen starken Einstieg findet, der die seiner Vorgänger locker egalisieren kann, indem er die Refrain-Stärke von Michael Rhein plus Gefolgschaft unaufdringlich betont und als Dreingabe sogar noch mit einem ausgedehnten, mittelalterlich-instrumentierten Break ausgestattet ist, der das Hitpotenzial zusätzlich anheben kann. Und anstatt wie auf "Kunstraub" mit "Wege ohne Namen" ohne Umschweife im Kitsch abzudriften, legt man mit dem zunächst ungewöhnlichen "Roter Stern" nach, das nach den ersten Durchgängen zwar noch recht ziellos erscheint, im weiteren Verlauf aber nicht nur durch seinen Gastbeitrag von Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN; singt hier zum ersten Mal auf Deutsch) ordentlich zulegen kann.

Ihre zuletzt immer häufiger auftretende, zeitgemäß-gesellschaftskritische Seite haben IN EXTREMO dabei nicht abgestreift, prangern im rockig-eingängigen (aber keinesfalls heiteren) Titeltrack den Umgang mit dem lieben Geld an, oder beackern in "Lieb Vaterland, magst ruhig sein" Themen wie Nationalismus und Krieg, die durch die mal nachdenkliche, mal melancholische Grundstimmung zusätzlich intensiviert werden, sich beide meilenweit vom SALTATIO MORTIS'schen, populistischen Doppelmoral-Gewand aus stumpfem Punk-Rock-Stoff sowie zweckmäßigen Sackpfeifen-Fäden abheben und damit ein weitaus reflektierteres Niveau präsentieren, das die vorzugsweise mit erhobenem Zeigefinger mahnenden Todestänzer nicht mal im Traum besitzen. Hierbei lässt sich übrigens auch der Unterschied zwischen "für den Erfolg den Oberkritiker mimen" und "den Erfolg nutzen, um mit großer Reichweite eine vernünftige Message rüberzubringen" spielend leicht identifizieren, für dessen Erkennen einige betriebsblinde Schönredner der Rosarote-Fanbrille-Fraktion aber immer noch nicht fähig sind. Und das, obwohl er einem mit frisch gewetztem Messer in die Visage springt.

Dieser Aspekt, gepaart mit dem großartigen Beginn von "Quid Pro Quo", wäre alleine schon ein immenser Fortschritt zur restlichen Diskografie aus der neuzeitlichen IN EXTREMO Ära, aber die Berliner leisten darüber hinaus auch wieder vermehrt einige altertümliche und fremdsprachige Abstecher, bei denen zunächst das Album-Highlight "Pikse Palve" besonders hervortritt, das an die Anfänge der Band erinnert und mit dem heftigen Riffing gegen Ende den Bogen zur Moderne spannen kann. Die mit Metall legierte Version des walisischen "Dacw‘ nghariad", das mit slawischen Rhythmen und einem echten russischen Kosakenchor verfeinerte, düstere "ЧЁРНЫЙ ВОРОН (Schwarzer Rabe)" sowie der Bonustrack "Palästinalied II" stehen dem allerdings in nichts nach und vollführen das Kunststück, nicht aufgesetzt oder gar deplatziert eingefügt zu wirken, sondern tragen zum hohen Facettenreichtum von "Quid Pro Quo" bei.

Um diesen sind IN EXTREMO auf ihrem zwölften Studioalbum ohnehin bemüht, was u.A. auch in einem Experiment mit HEAVEN SHALL BURN mündet, das in "Flaschenteufel" voll aufgeht. Neben dem orientalischen Vibe von Percussion und Schalmei, sind es hier die brettharten Passagen der Thüringer Melo-Death-Knüppler, die sich mit dem ureigenen Sound der Extremos zu einer Einheit verbrüdern und auf diese Weise einen überraschten Ausdruck, einen Schmunzler und eine Horizonterweiterung zugleich auslösen. Da kann man auch ganz leicht darüber hinwegsehen, dass sich "Moonshiner" und "Sternhagelvoll" nicht ganz auf dem Level des ansonsten hervorragenden Materials befinden - zumal sie auch nicht deutlich abfallen und zwischen sich auch das bärenstarke "Glück auf Erden" wissen, das mit treibenden Dudelsäcken, den damit verbundenen Melodiebögen und kernigen Gitarren alle Stärken von IN EXTREMO zusammenfasst.

Spätestens ab diesem Punkt ist mir dann klar, dass "Quid Pro Quo" von nun an zu meinen Favoriten der Band zählen wird. Wenngleich die Klassiker weiterhin die Klassiker bleiben und zweifellos in ihrer eigenen Liga spielen, sind IN EXTREMO 2016 so stark wie meiner Meinung nach seit "7" bzw. "Mein rasend Herz" nicht mehr, veröffentlichen ein stimmungsvolles, verhältnismäßig hartes (herrlich druckvolle Produktion) und ungeheuer abwechslungsreiches, dabei aber auch jederzeit kohärentes Werk, das zu meiner Überraschung keine Ausfälle, sondern nur wenige Wackler beinhaltet, keinerlei Experimente scheut und durch erhöhten Bezug auf die eigenen Wurzeln die Gefühle in mir weckt, die ich zuletzt beim Kennenlernen der Band verspürt habe. Man könnte fast behaupten, IN EXTREMO klingen so inspiriert und lebendig wie lange nicht mehr, aber das ist wohl auch eine Sache des Geschmacks und sicherlich nicht als allgemeingültige Floskel zu interpretieren. Zwischen all den härteren, finsteren und auch komplizierteren Jahreshighlights macht "Quid Pro Quo" jedenfalls eine verdammt gute Figur, indem IN EXTREMO einfach IN EXTREMO sind und damit einmal mehr den härteren Sektor bereichern können.

Übrigens: Ich platziere Kaufempfehlungen für gewöhnlich sehr selten, aber in diesem Falle muss man nochmal explizit anmerken, dass sich auch alle Bonustracks überaus lohnen und mehr als nur eine Ergänzung durch Ausschussware sind.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (21.06.2016)

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