THE BROWNING - Isolation

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VÖ: 24.06.2016
Bandinfo: THE BROWNING
Genre: Electro Metal
Label: Spinefarm Records
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Lineup  |  Trackliste

Kennt ihr das? Ihr geht in so einen Club mit mehreren Floors und weil es dort viel zu voll ist, ruht ihr euch in einem Bereich zwischen den Tanzflächen aus. Nun stellt euch vor, ihr seid in einem sehr merkwürdigen Club, der tatsächlich einen Metalcore- und einen EDM-Bereich (für Trve-Metaller: Electronic Dance Music) gleichzeitig und nah beieinander besitzt. Ihr steht dazwischen und in euer eines Ohr wird mit aller Härte des Deathcores hineingeshoutet, während das andere Ohr feinste elektronische Clubmusik an eure tanzbereiten Glieder überträgt. In euch bildet sich ein total abgefahrener Mischsound aus Core- und Elektro-Musik. Ach, von Electrocore oder Trancecore habt ihr schon gehört? Na, dann seid ihr ja beinahe unausweichlich schon auf THE BROWNING gestoßen. Wenn nicht, habt ihr definitiv Nachholbedarf!

 

Vor über zweieinhalb Jahren haben sie ihr letztes Album auf die Interessenten skurriler Genremischungen losgelassen. „Hypernova“ war 2013 relativ gut in die Kategorie Trancecore einzugliedern, da dort die relativ ordentliche Coremusik mit überwiegend trance-artigem Elektro vermengt wurde. „Isolation“, die am 26. Juni erscheinende dritte Platte, dreht in allen Elementen weiter auf. Die solide Core-Stimme ist zu einem gewaltigen Vocalgewitter gewachsen, während die ohnehin schon guten Elektronik-Elemente noch vielseitiger, noch tanzbarer, noch treffender mit dem Metalcore verschmelzen.

 

Wer denkt: „Aber dann ist THE BROWNING ja gar kein richtiger Metal!“, den habe ich wahrscheinlich längst verloren. Für alle Anderen folgt ein detaillierterer Blick in meinen Abend mit den zwölf Songs vom neuen Album „Isolation“:

 

Der Auftaktsong „Cynica“ will den Corefan nicht enttäuschen und lässt das Album mit ausgedehnten deathcoresken Growls, starken Breakdowns und nicht allzu dominanten, einfachen Elektronik-Passagen beginnen. Eher was zum Moshen, wissen nun auch mein Schrank, der Couchtisch und mein daran angeschlagenes Schienbein. Dafür holt Song Nummer Zwei, „Pure Evil“, mit feinstem Hardstyle auf dem Gebiet elektronischer Tanzmusik wieder auf. Munter stampfend reduziere ich die Deckenhöhe der Wohnung unter mir. Für etwas über vier Minuten ist meine Wohnung eine Großraumdisco – scheiß auf die Nachbarn!

 

Der Titeltrack „Isolation“ weiß diese Energie aufzufangen, bewegt sich aber primär in den Bahnen schmerzerfüllt klagenden Metalcores mit Extra-E. Zur Verdeutlichung, dass ich Sänger Johnnys Schmerz mitfühlen kann, habe ich zwei Schubladenknaufe abgetreten und den Abdruck meines Kiefers in der Schreibtischplatte hinterlassen.

 

„Dragon“ kombiniert vieles aus den beiden Vorgängersongs, hätte meinetwegen also gern zwischen „Pure Evil“ und „Isolation“ stehen dürfen, leitet aber durch lange bassgeprägte Breakdowns interessant in den dreckigeren, geradezu postapokalyptischen Song „Fallout“ über, der mit Klargesang und Klassik-Samples arbeitet. Wunderbares Stück zum Mitgrölen. Ich hoffe, meine Nachbarn sehen das auch so – und deren Nachbarn – und deren Nachbarn – und …!

 

Danach geht das vergleichsweise sphärische „Vortex“, mit seiner etwas komischen Laserschießerei-Imitation gegen Ende, eher unauffällig zu „Spineless“ über, für das sich ein paarungsbereites Walross an einem unschuldigen Keyboard vergeht. Ich werfe dazu meinen Sessel durch die Glasplatte des Couchtisches – einfach weil es mir passend erscheint. „Hex“ erhält dann eine Extraportion Epik, die man aber gerne noch dominanter hätte ausspielen können. Anschließend heißt es This is no nightmare! This is reality! in „Phantom Dancer“, das in Teilen das Klagende aus „Isolation“ wieder aufnimmt und auch minimale Cleanparts, Deathgrowls und eine Menge Breakdowns enthält.

 

Wie schön, dass „Cryosleep“ dann wieder sehr elektronisch daherkommt. Hier erinnern THE BROWNING dann ein gutes Stückchen weit an ESKIMO CALLBOY, was meinen Möbeln eine Verschnaufpause lässt, während ich den Fernseher von der Kommode auf den Kaktus twerke (für Trve-Metaller: Nein, ehrlich, braucht ihr nicht zu wissen!). (Anm. d. Lekt.: Unsere Domina fühlt sich durch die Vorstellung erheitert. Gibt's Privatvorführungen?) „Disconnected“ bleibt erst elektrostark, erinnert sich dann aber an die Wurzeln der Band und streut den einzigen Rap-Part des Albums ein, dem zum Kontrast entgegengedeathgrowlt wird, bevor sich der Song erneut in den vielleicht doch etwas zu häufigen Breakdowns verliert. Ich jedenfalls verliere ein bisschen die Lust an der Zerstörung und höre mir den letzten Song von der Couch aus an: „Pathologic“ ist, abgesehen vom relativ spacigen Synthie-Stuff, auch nicht unbedingt etwas Neues. Aber es wird noch einmal auf den Cleangesang zurückgegriffen, der THE BROWNING – im Gegensatz zu so vielen Core-Bands – in geringen Dosen gar nicht so schlecht steht.

 

Fazit: Vorsicht Standard-Phrase! „Isolation“ erfindet den Electrocore nicht neu, was das Album wahrscheinlich aber auch gar nicht möchte. Durchaus interessant spielt es allerdings mit einigen altbekannten und auch neuen Einwürfen, bleibt aber recht schüchtern, sich auf diese auch wirklich einzulassen. So geben die Songs zwar alle zusammen ein gelungenes und in sich stimmiges Album ab, das aber gut ein paar mehr herausragenden Parts vertragen hätte. Doch die Qualität hat zugenommen, THE BROWNING haben sich merklich weiterentwickelt. Etwas weniger Gleichartigkeit, ein paar eingesparte Breakdowns, mehr Refrains wie der aus „Fallout“ und mehr Hardstyle-Club-Sound wie in „Pure Evil“ wären mutiger und wünschenswert gewesen – sonst aber schon ein ziemlich hübsches Abgeh-Album!



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Jazz Styx (25.06.2016)

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