KARMAKANIC - Dot

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VÖ: 22.07.2016
Bandinfo: KARMAKANIC
Genre: Progressive Rock
Label: Inside Out Music
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Als KARMAKANIC-Mastermind und FLOWER KINGS-Langholzer Jonas Reingold mal vor einiger Zeit meinte, die nächste Scheibe seines herzallerliebsten Seitenprojektes würde zu grossen Teilen aus einem einzigen Song bestehen, wurden natürlich sofort Assoziationen geweckt. Nämlich zu Werken wie „A Pleasant Shade Of Gray“ von FATES WARNING, oder zum DREAM THEATER-Opus „Six Degrees Of Inner Turbulence“. Denn Platten, die außer aus einem elendslangen Song aus bloss ein paar kurzen Nummern bestehen sind an sich für Proggies erfreulich, aber tendieren halt leicht dazu, verkopft oder in sich unrund – oder einfach: zu lang - zu sein. Auf dem neuen KARMAKANIC-Opus „Dot“ wurde das Konzept aber letztendlich entschärft, und wer die Arbeiten des sympathischen Bass-Workaholics kennt – und es gibt derer zahlreiche – weiß, dass alles, was Jonas Reingold anfasst, auch Hand und Fuß hat. Da ist der Name dann fast auch schon ein wenig Programm. Und in der entschärften – sprich: in mehrere Teile aufgesplitteten - Version weist die Platte am Ende nun immerhin fünf Tracks auf, von denen der längste immer noch eine 25-Minütige Wurst ist. Und zwar ein Werk mit dem ebenso unkurzen Titel „God, The Universe And Everything Else No One Really Cares About“ (man sieht, der gute Mann las auch irgendwann mal Douglas Adams…), nach dem ursprünglich das ganze Album benannt gewesen wäre.

Da ist doch der simple Titel „Dot“ gleich mal eine Kehrtwende im Konzept, und das schlägt sich auch im Artwork nieder, das von keinem Geringeren als Hugh Syme (vor allem durch seine Arbeiten an Artworks von RUSH oder DREAM THEATER bekannt) gestaltet wurde, und wiederum ebenso simpel wie aussagekräftig ist: Am Ende reduziert sich alles, was wichtig war oder zu sein scheint, in einen einzigen Punkt, und die Erde ist ohnehin nur ein kleiner Furz…ähm…Punkt im endlosen Universum. Da setzt auch die Thematik des Albums an, die grundlegend damit spielt, dass sich der Mensch auf seinem Außenposten der Milchstraße viel zu wichtig nimmt und seine Perspektive mal grundlegend ändern sollte. Musikalisch schweift man diesmal ein wenig vom üblichen Stil ab, der in der Vergangenheit irgendwo zwischen solidem Hard Rock und progressivem Artrock hin- und herpendelte.

Über weite Strecken weist „Dot“ nämlich ein recht hippie-eskes Coleur auf, das mal an YES gemahnt, mal GENESIS zitiert, sich ab und an Anleihen bei den Kollegen von SPOCKS BEARD und TRANSATLANTIC holt, und mit „Steer By The Stars“ einen brillianten Ohrwurm in petto hat, der sich richtig süss und klebrig im Innenohr festpickt und dort gottlob auch lange bleibt. Der Song wurde zusammen mit THE TANGENT-Mastermind Andy Tillison geschrieben und lebt vor allem auch durch die mehrstimmigen, überlappenden Gesangslinien, die den ohnehin exzellenten Vocals von Göran Edman noch das Sahnehäubchen aufsetzen. Das etwas gesetztere „Travelling Minds“ ist eine bluesige New-Age-Verbeugung, die irgendwie an „Eclipse“ von PINK FLOYDs „Dark Side Of The Moon“ erinnert. Das zehnminütige „Higher Ground“, für seine beachtliche Länge erstaunlich kurzweilig, beschwört den Geist alter KAIPA herauf und zeigt, dass man auch völlig unspektakulär einen großartigen, epischen Song zusammenschrauben kann. Das klingt dann, als würde die gesamte Band in regenbogenfarbener Kleidung über eine rosa Zuckerwatte-Wiese hüpfen und dabei fröhlich und unbedarft musizieren und singen. [Anm. d. Lekt.: Ab jetzt gibts keine Pilze mehr zu Mittag.] Zumindest bis die Happy-Stimmung im letzten Drittel jäh von schrägen Psychedelic-Keyboards zerbrochen wird.

Und dann wäre da eben noch „God, The Universe, …“ das mit seinen beiden Teilen das Album quasi vorne und hinten einrahmt, wobei der abschließende, kürzere Teil auch gleichzeitig irgendwie als eine Art Outro funktioniert. KARMAKANIC fahren in diesen insgesamt 31 Minuten alles auf, was Artrock und Prog definiert – vom jazzigen Intermezzo, über flockige Chorgesänge, Flöten-Kaskaden und Hammondburgen, bis hin zu harten, vertrackten Gitarrenriffs (hier kommen am ehesten die „alten“ KARMAKANIC durch), immer zusammengehalten durch episch erscheinende, ausgedehnte Klangbögen, die wie Reisen durch seltsame Gefilde der Psyche anmuten. Natürlich – man wird es bereits ahnen – ist „Dot“ am Stück und in bloß wenigen Durchläufen sicherlich nicht komplett zu erfassen. Man muss sich, wie so oft in diesem Genre, darauf einlassen, dass „Dot“ irgendwo zwischen Retro-Prog, Jam-Session und soundtrackhaften, niemals verstaubt wirkenden Seventies-Improvisationen zuhause ist. Und jeder, der das kapiert hat, wird dieses Album verschlingen, umarmen, lieben! Punkt.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (22.07.2016)

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