WOLF HOFFMANN - Headbangers Symphony

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VÖ: 01.07.2016
Bandinfo: WOLF HOFFMANN
Genre: Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Neben Metal liebt es WOLF HOFFMANN, der Gitarrist von ACCEPT, ganz klassisch. Und bei ihm ist das kein Trend, dass er ein Album mit klassischen Werken aufnimmt, bei ihm ist es eine Langzeitliebe. Bereits 1997 kam sein erstes klassisches Solo-Album auf den Markt. „Classical“ beinhaltete weltbekannte Stücke wie „Bolero“ oder „Die Moldau“, die er für sich und seine E-Gitarre umsetzte. Beim neuen Album „Headbangers Symphony“ ist seine Herangehensweise an die klassischen Werke noch intensiver und durch das Engagieren eines echten Orchesters auch wirklich "klassischer" geworden.

Hoffmann erklärt, dass er zuhause sehr viel Klassik hört und immer wieder das Bedürfnis hat, diese Melodien auf der Gitarre umzusetzen. Das ist aber nicht so einfach, wie es einem Laien erscheinen mag. Die Arrangements sind komplex und manches lässt sich einfach nicht mit sechs Saiten umsetzen. Die Suche nach geeigneten Songs dauert ziemlich lange und das Anpassen der klassischen Stücke an seine Spielart bzw. die Gitarre ist auch keine einfache Sache. [Anm. d. Lekt.: Sonst wärs ja auch langweilig, oder?]

Auf „Headbangers Symphony“ ist ihm die Umsetzung von Klassikern von Mozart oder Bach für Gitarre und Großes Orchester jedoch ausgezeichnet gelungen. Die Stücke überraschen zumeist, weil man sie sogar als Metal/Rock-Fan schon irgendwo gehört hat. Man erkennt sie trotz harter Seite sofort wieder und findet gleich mal ein paar Gustostückerl, die man nicht mehr aus dem Ohr bekommt bzw. wo man überlegt, was nun eigentlich wirklich die bessere Variante ist: die Metal-Version oder das Original. Bei „Air“ von Bach erging es mir zum Beispiel so, wo er die Geigen virtuos ersetzt. Und natürlich auch bei bereits erwähntem Mozart-Lied, der Symphonie Nr. 40, das mit Band und Orchester und harten Klängen genial ist.

Meine zwei Favoriten werden aber nicht für jeden gelten. Ich bin mir sicher, dass jede der elf Nummern ihren Fan finden wird. Da hat man zum Beispiel den flott-eindringlichen und mit Steigerungen versehenen Opener „Scherzo“ aus der 9. Symphonie von Beethoven zur Wahl. Oder das metal-lastige „Night On Bold Mountain“ von Mussorgsky, bei dem man des öfteren ACCEPT-Riffs raushört. Die schön-fließende und ruhige Melodie von Bizets Stück „Je Crois Entendre Encore“, das im Original eine Arie aus der Operette „Die Perlenfischer“ ist, ist fast ein Gegenstück dazu. Bei diesem Stück ist der Orchester-Anteil sehr deutlich zu hören bzw. überwiegt fast - ist aber sicherlich kein Nachteil. Das nachfolgende „Konzert für zwei Cello in G Moll“ von Vivaldi liefert dazu im Gegensatz wieder intensive Takte, wo sich E-Gitarren-Solo und Riffs mit Violinen förmlich einen Kampf liefern.

Richtiggehend verschmust und mit Keyboard ein „Adagio“ (mir ist leider nicht bekannt, von wem dieses ist). [Anm. d. Lekt.: Adagio ist eine musikalische Tempobezeichnung die "sehr langsam" oder auch "schleppend" meint. Bezugnehmend auf die erwähnten Instrumente liegt dem Stück vermutlich Bachs "Toccata C-Dur" zu Grunde, oder auch "Adagio für Violoncello und Klavier" von Bach/Marcello. Ich habe gesprochen, hugh.] Sehr emotionell, sehr gefühlvoll und auch ein wenig leidend. Insofern dann ein fast hart erscheinender Schwenk zu Mozarts „Symphonie Nr. 40“, die sehr melodiös, eingängig und rockig-flott ist. Die Hauptmelodie ist wohl auch fast jedem Rocker bekannt, so berühmt ist dieses Mozart-Stück. Und wenn nicht, dann habt ihr jetzt die Gelegenheit es kennen zu lernen. Mit dieser Nummer rückt Mozart in den Rock-Himmel auf, den er heute sicher inne haben würde, wäre er nicht zu einer anderen Zeit auf der Welt gewesen.

Nach Mozart das nächste klassische Meisterwerk: Die Suite aus „Schwanensee“ von Tschaikowsky. Eine hervorragende Interpretation, die ebenfalls hohen Wiedererkennungswert hat. Hoffmann spielt sie auf der Gitarre so genial, dass sie mir fast besser gefällt, als im Original. Natürlich würde sich jetzt das Ballett nicht so leicht beim Tanzen tun – schweben und tänzeln erscheint einem bei den härteren Riffs nicht möglich. Aber das Gesamtkonzept des Songs ist einzigartig gut.

Je weiter die Nummern fortschreiten, umso bekannter werden sie, habe ich den Eindruck. Nach der Suite kommt ein Stück aus „Madame Butterfly“, einer Oper von Puccini. Das Original ist eigentlich für eine Frauenstimme geschrieben worden. Das Arrangement, das Hoffmanns Partner Melo Mafali hierfür erdacht hat, und Hoffmanns Umsetzung selbst, sind die nächste musikalische Höchstleistung auf dem Album. Gleichzeitig viel Orchester und jammernde Soli erzeugen eine Herzschmerz-Stimmung, die perfekt zur traurigen Oper passt.

„Pathetique“ von Beethoven startet als reiner Klassiker, mit Streichern, ein paar Bläsern und dann mit einer Metal-Gitarre die sich gewaschen hat. Die knackigen Riffs geben Gas, der Bass haut rein und das Schlagzeug lässt sich nicht lumpen. Eigentlich hat man nun einen anderen Song. Denkste. Sobald nämlich das Orchester wieder einsteigt, hat man eine Harmonie der beiden Gegenseiten, und das Orchester wird richtig heavy. Ich bekomme den Eindruck, dass es den Jungs und Mädels aus Prag richtig Spaß gemacht hat, in die Seiten zu streichen und die Tubas und Hörner zu blasen. [Anm. d. Lekt.: Ich hoffe das "blasen" war keine beabsichtigte Allegorie?! Ich krieg die Bilder nicht mehr aus dem Kopf...]

Bei „Pathetique“ und „Madame Butterfly“ kommt sehr schön zur Geltung, was Hoffmann selbst über die Stücke und ihre Gegensätzlichkeit sagt: „Es gibt zwei Hauptkategorien. Zuerst das härtere Material wie Beethoven, die bombastischen, gewaltigen Epen, bei denen man einfach mitshredden kann. Und dann gibt es natürlich noch die Balladen, langsamere Stücke, die tiefere Gefühle in jedem Hörer wecken.“
Weil genau das macht er bei „Pathetique“: er shreddet einfach so richtig schön heavy, was das Zeug hält.

Passend zum heavy Vorgänger nun wieder eine ruhige Gegensatz-Nummer: „Meditation“ aus der Oper Thais von Massenet. Die weichen Streicher und das Piano liefern einen großen Teil des Stückes, dazu die darüber gelegten Soli der E-Gitarre und das einfühlsame Schlagzeug, und man hat eine hingebungsvolle neue Version. Im Original eigentlich für eine Solo-Violine und Orchester geschrieben, übernimmt den Violinen-Part Hoffmann und das macht er einfach gut.

Die letzte Nummer „Air“ von Bach, ist bei den Klassik-Stücken sowieso eine meiner absoluten Favoriten. Nun höre ich diesen Klassiker zum ersten Mal in der Gitarren-Version. Wobei Hoffmann hier eigentlich eine Adaption der Adaption spielt. „Air“ ist im Original nämlich in D-Moll geschrieben. Hoffmann bearbeitet aber die Variante auf der G-Saite von August Wilhelmj. Ich muss sagen, es ist fast kein Unterschied erkennbar, es klingt genau so gut, aber eben anders.

Fazit: Ein Album das absolut begeistert, von der ersten bis zur letzten Nummer. Einzige Voraussetzung: man ist nicht der totale Klassik-Hasser.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lady Cat (05.08.2016)