EVERGREY - The Storm Within

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VÖ: 09.09.2016
Bandinfo: EVERGREY
Genre: Dark Metal
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste

EVERGREY sind wieder da. Album Nummer Zwei nach der Wieder(er)findung fährt unter dem Titel "The Storm Within" in den herbstlichen Hafen der Musikkritik und dann wohl weiter zum Fan und/oder Konsumenten. "Hymns For The Broken" – der Vorgänger – war ein Album, das ganz oben angeklopft hat, das voll von positiv besetztem Pathos und grandiosen Melodien war. Das im Dunklen Licht gefunden hat, das Schmerz und Trauer fühlbar und dennoch gut erträglich machte. Die lebenslustige Seite der Verzweiflung.

Wo verorten sich die Schweden nun also mit "The Storm Within"?

Nicht wirklich weit weg vom Vorgänger, vielleicht noch eine Idee düsterer, noch elegischer und noch weiter. Weit im Sinne einer beinahe als endlose Landschaft zu bezeichnenden musikalischen Gestaltung des Albums. Dicke Gitarrenwände, ein dies noch verstärkender Bass und die unzähligen Schichten, die das Keyboard dazu unterstützend und bestimmend miteinfließen lässt. Schon der Einstieg mit "Distance" zeigt wo es hin geht. Breitwandsound, 4k Ultra HD, was weiß ich.

Gut, die Regensburger Domspatzen am Ende sind für den Geschmack des Rezensenten etwas dick aufgetragen, aber schon mit "Passing Through" geht es flotter, melodischer, beinahe fröhlicher zugange: Ein erstes Highlight mit einem ganz großen Refrain und den wie schon gewohnt genialen Soli. Sei es von der Klampfe oder auch von den Keys kommend. Hier erzählt sogar das Solo eine kleine Geschichte, macht Sinn und nutzt den zur Verfügung gestellten Platz.

Das Spannende an dem Album ist, dass die Songs nicht progtypisch (ein wenig Prog sind EVERGREY auf jeden Fall, auch wenn hier nicht mit schnöder Zurschaustellung von technischen Fähigkeiten geprahlt wird) ewig lang sind, sondern in der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit alles aus den Ideen herausholen, was möglich scheint. Und doch kommen auch Musiker auf ihre Kosten. Exemplarisch hier die verschobenen Rhythmusgitarren auf "Someday" oder die leicht an DREAM THEATER zu "Awake" gemahnenden Riffs bei "Astray".

Ich wage jetzt diesen Vergleich erneut auszusprechen: EVERGREY erinnern ein wenig an DREAM THEATER – zu deren besten Zeiten. Nicht ganz so technisch, aber mit mächtigen Melodien, mit großen Gitarren und Synthies, mit akzentuiertem Schlagzeug und mit Überraschungen, wie dem nur aus Gesang und Keyboards bestehenden "The Impossible". Nein, nein, nein (um die verblichene Baroness Thatcher zu zitieren), sie sind keine Kopie, nicht einmal in der Nähe. Aber sie schaffen es, musikalisches Können in starke Songs umzuformen, heavy zu sein und dennoch nicht unter dem tumben "Mathcore"-Emblem subsummiert zu werden ("My Allied Ocean" – auch hier wieder mit tollen Keys und Hörspieleinspielungen. Und auch hier wieder mit einem fantastischen Solo und einem flotten Groove).

Carina  Tom Englunds Gemahlin  kennt scheinbar die gottgleiche Floor Jansen persönlich, was diese wiederum zum Sozius auf dem Hitsong "In Orbit" macht. Ein simples, großes Lied, das sofort hängen bleibt und mich mit großem Fragezeichen zurücklässt. Warum nur schaffen es NIGHTWISH nicht, mit dieser Sängerin solche Songs zu schreiben...

"The Lonely Monarch" ist ein flotter Rocker, der schön vom schrägen Zusammenspiel zwischen der Gitarre und dem wie immer überragenden Gesang von Tom Englund lebt. Nicht ganz eines der Hightlights des Albums, aber dennoch etwas, was andere Bands in ihrem ganzen Leben nicht schreiben können...

Der nächste potenzielle Hit wäre die Ballade "The Paradox Of The Flame", vorgetragen von beiden Englunds. Auch hier böten sich tief hängende Wolken, waagrechter Regen und der Griff zum Schweizer Soldatenmesser S1 an, aber dafür ist der Song beinahe zu, ja, schön. Ein eher vager Begriff, aber das Lied ist tatsächlich das, schön. Gut, etwas viel Pathos vielleicht, aber die lässigen Gitarren in der zweiten Songhälfte hieven das Konstrukt noch über Wasser.

"Disconnect" dagegen ist wieder richtig heavy, die Rhythmusgitarren sind anfangs richtig tief gestimmt, der Song löst sich in einem für EVERGREY typischen, klagend-anprangernden Chorus auf und auch hier darf ich wieder auf die superbe Arbeit von Rikard Zander an den Tasten erinnern. Allein für seine Arbeit auf dem Album lohnt sich der Erwerb eines gutklassigen Kopfhörers. Der Song ist eine ausgewogene Mischung aus Rhythmusspielereien, deftiger Härte und knackiger Melodie. Laut Promopamphlet ist auch hier die gute Frau Jansen zu hören, allein, ich vermag selbiges nicht. Schreibfehler? Oder hat sie sich im Chorus versteckt? Wir werden es wohl in Bälde erfahren.

Der Titeltrack beschließt nach nicht ganz einer Stunde das zweite Album der "neuen Ära"  und gleichzeitig das Zehnte in der 20-jährigen Historie der Schweden mit allem, was "The Storm Within" ausmacht.

Ein laut Tom Englund sehr persönliches Album mit fantastischen Musikern und ebenso fantastischer Musik, die knapp an der Höchstnote vorbeischrammt. Ob es nun das beste Werk der Band ist oder nicht, sei jedem/jeder selbst überlassen, ein absoluter Hammer ist es auf jeden Fall wieder geworden. Dark Progressive Metal von den ganz Großen der Szene, die es nun endlich auch ganz nach Oben schaffen sollten. Verdient hätten sie es auf jeden Fall.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (06.09.2016)

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