Temperance - The Earth Embraces Us All

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VÖ: 16.09.2016
Bandinfo: TEMPERANCE
Genre: Melodic Metal
Label: Scarlet Records
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Ans Herz gewachsen sind sie mir, diese TEMPERANCE. Wurde das erste Album noch als bloßes AMARANTHE-Plagiat gescholten (obwohl es, unter uns gesagt, auf der Guilty-Pleasure-Liste weit oben stand), war "Limitless" schon ein großer Schritt in Richtung Eigenständigkeit. Mit einem enormen Arbeitstempo im Studio, folgt mit "The Earth Embraces Us All" schon das dritte Album in drei Jahren, und vor dem Resultat kann man nur seinen Hut ziehen. Wie man in so kurzer Zeit musikalisch dermaßen reifen kann ist ein Rätsel.

Oha, da war es, das böse Wort: "reifen". Von Musikkritikern meist dazu genutzt, lahmarschiges Songwriting schön zu reden, für Fans ein Indikator, besser vor dem Plattenkauf Probe zu hören. Nehmen wir ruhig noch einmal AMARANTHE zum Vergleich, denn musikalisch begann man exakt der gleichen Stelle. Deren Drittlingswerk "Massive Addictive" schmiss all das über Bord, was Kritiker als Kitsch bezeichneten, Fans aber als Spielwitz liebten und resultierte damit in einer schnöden Modern-Pop-(Dark)-Rock-Platte ohne ein einziges Highlight. Bei TEMPERANCE darf die Reife dahingehend ausschließlich positiv genommen werden. Anstatt weiter einfach zugängliche Artenklone zu schaffen, werfen die Italiener ihr bislang härtestes, schnellstes und progressivstes Werk auf den Markt, ohne dabei aber auch nur eines ihrer Trademarks abzulegen.

Fangen in der Einzelbetrachtung mal mit "At The Edge Of Space" an, welches sich nach einem NIGHTWISHigen Intro zu einem ganz typischen, direkt zündenden Uptempo TEMPERANCE Hit entwickelt, der wunderbar auch zu "Limitless" gepasst hätte, aber dennoch nicht repetitiv klingt. Auch "Unspoken Words", obgleich um keltische Elemente erweitert, ist eine wunderbar eingängige und tanzbare Nummer. Im weiteren Verlauf gäbe es da das auf italienisch vorgetragene "Maschere", von der Pompösität eher zurückhaltend, aber punktgenau komponiert. "Haze" startet mit einem elektronischen (ist das Dubsteb?) Intro, bevor kellertief gestimmte Gitarren Marke KORN oder SLIPKNOT über den Hörer hereinbrettern. Trotzdem kehrt der Song mit seinem Überrefrain zum typischen Melodic Metal zurück und lässt einen auch nach mehrmaligem Hören nicht mehr los. Hit! Die beiden Balladen "Fragments Of Life" und "Change The Rhyme" folgen untereinander einem ähnlichen, powervollen Ansatz und können beide die Art von Entenpelle erzeugen, die man sich von so einem Song wünscht. Einzig die Single "Revolution" zerschellt an der Niveauklippe im Vergleich zu den restlichen Songs, während sich das Anfangs etwas unspektakuläre "Empty Lines" zu einem echten Grower entwickelt. Allen Songs gemein sind der unglaubliche Spielwitz, der hohe Abwechslungsreichtum und selbstverfreilich die großartigen Leistungen aller Beteiligten. Hier muss man niemanden separat loben, TEMPERANCE funktioniert als technisch anspruchsvolle Band auf der Platte einfach großartig.

Und dann gibt es da noch diese drei überlangen Stücke: Das einleitende "A Thousand Places", das ulkig betitelte "Advice From A Caterpillar" und das finale "The Restless Ride", welche den konzeptionellen und kompositorischen Rahmen des Albums bilden. Hier haben wir es, Hands Down, mit dreierlei absoluten Fünf-Sterne-Meisterwerken im melodisch-progressiven Power Metal zu tun. Jeder Einzelne hat seine ganz eigene atmosphärische Klangfarbe und einen anderen kompositorischen Schwerpunkt. "A Thousand Places" funktioniert als Opener einwandfrei, erzeugt mit seinem langen instrumentalen Intro Spannung, baut sich danach zu einem typischen TEMPERANCE-Brecher auf, bevor ein experimenteller Break die Marschrichtung für das restliche Album vorgibt. "Advice From A Caterpillar" klingt derweil wie eine Verneigung vor Finnland, insbesondere NIGHTWISH und SONATA ARCTICA. "The Power Of One", anyone? Natürlich nicht ohne eigene Note und einem absolut genialen Modern-Jazz-Break im vorletzten Akt. "Restless Ride", mit fast 13 Minuten der längste Track des Albums, stellt dann alles vorher Gehörte noch einmal auf den Kopf. Symphonic Metal trifft auf rasenden Thrash, hier und da scheinen EPICA ein wenig durch. Zumindest bis da auf einmal ein RAMMSTEIN-Riff aus den Boxen dröhnt. Das wiederum verlädt den Hörer kurz in Richtung Industrial, bevor es von der polternden Doublebass wieder zurück in den klassischen Metal überführt wird. Hammer! Die Tour De Force wird dabei von einem Refrain zum Niederknien gekrönt. Er mag zwar erst beim dritten Mal zünden, tut dies dann allerdings mit einer zumindest in diesem Jahr noch nicht vorgekommenen Intensität. Ja, das ist ganz, ganz großes Kino!

FAZIT: "The Earth Embraces Us All" ist einer dieser Alben, welches das Zeug hat, noch viele Jahre im Player zu verweilen. Es liefert Hits En Masse, aber auch höchste instrumentale, sowie songwriterische Qualität mit unzähligen Details, welche sich erst nach ein paar Durchläufen entwickeln, sich dann aber für immer in eurem Gehirn einnisten werden. TEMPERANCE liefern damit einen ersten ernst zu nehmenden Anwärter auf das Melodic-Album des Jahres und dürfen einfach nicht auf taube Ohren stoßen! Well done!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (13.09.2016)

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