MARTYRION - Our Dystopia

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VÖ: 26.08.2016
Bandinfo: MARTYRION
Genre: Melodic Death Metal
Label: Boersma-Records
Lineup  |  Trackliste

„Wir schreiben das Jahr 2153. Die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Apokalypse ist über die Menschheit gekommen und es gibt nur noch wenige Überlebende..“.

Das sind die Worte, mit denen das Szenario, dem sich MARTYRION in ihrer Musik annehmen, beschrieben wird. Doch diese Beschreibung dient nicht nur als kurze Einleitung für die Dinge, die den Hörer noch erwarten werden, nein, viel mehr beschreibt sie ein ganzes Konzept, ein kleines Miniversum, das die Band hier zu schaffen versucht. „Our Dystopia“ zeigt dem Hörer eine Welt, die am Abgrund steht, in der „Töte oder werde getötet“ die gängige Devise ist. Eine Welt, in der jede Farbe und jeder Frohsinn verblasst und der grausamen Realität des Krieges weichen musste. Eine Welt, in der die jetzt schon unsichere Zukunft jeden Tag ein Stück mehr schwindet. MARTYRION zeigen in ihrem neuen Album die tiefsten Abgründe der Menschheit, verpackt im Sinnbild einer finsteren Zukunft, beschrieben durch die Klänge ihrer Stimmen und Instrumente. Die Band wählt für ihre Darbietung eine leicht modifizierte Form des Melodic Death Metal, der die düstere Stimmung so gut wie möglich einfangen und die Hörer in den Bann der von ihnen geschaffenen Welt ziehen soll. Dabei wird trotz aller Animalität, die „Our Dystopia“ bedeutet, nicht auf eine gewisse musikalische Raffinesse verzichtet, viel mehr wird das gesamte musikalische Konzept mit der beschriebenen Thematik abgeglichen und verbunden. Dabei fließen auch kleinere Elemente aus verschiedenen anderen Musikrichtungen ein, was ein stimmiges Gesamtbild erzeugt. Nun zu dem, was der Hörer sich neben dem sehr ausgefeilten Konzept von „Our Dystopia“ noch erwarten kann.

Das Album beginnt, nicht untypisch für ein Konzeptalbum dieser Art, atmosphärisch und düster: Das Grollen eines Helikopters, die Geräusche einer in Angst fliehenden Person, dann der Einsatz von Gitarren, unterstützt von simplen, melancholisch wirkenden Keyboardklängen. „This is our dystopia“ hört man eine verzerrte Stimme krächzen. Plötzlich ein anderes Tonbild: Schnelles Gitarrenspiel, begleitet von tiefen Growls. Dann ein fließender Übergang in ein weit ruhigeres musikalisches Thema, nur um dann wieder bei der anfänglichen rohen Gitarrengewalt zu beginnen. Interessant zu erwähnen ist, dass die folgenden Songs alle diese recht aufgeteilte Songstruktur innehaben: Jeder Song besteht aus mehreren, ineinander geschlossenen Passagen, die für sich selbst stehen. Dennoch gehen diese allesamt fließend ineinander über und sind innerhalb eines einzelnen Songs mehrmalig wiederkehrend. Eine zusätzliche Würze erhalten die Songs durch ihre hintergründige Aufmachung. Regelmäßig hört man, neben den hämmernden Powerchords im Vordergrund, artikulierte, aber doch merkliche, sanftere Klänge im Hintergrund. Diese tragen aufgrund ihrer dysharmonen Natur zum sehr gut zum gewollten, düsteren Klangbild bei.
Allgemein spielen sich die größten Stärken des Albums eher hintergründig ab, beispielweise die oft vorkommenden, extrem schnell gespielten Soli. Ein gutes Beispiel dafür lässt sich im Song „Genozenith“ hören. Die Art, in welcher die hier vorkommenden Gitarrensoli eingesetzt werden, extrem melodisch und doch hintergründig, lösen in Verbindung mit der weiteren Instrumentalisierung ein ganz eigenes Gefühl von Hektik und Endgültigkeit aus.

Gewohnter Melodic Death Metal ist jedoch nicht das einzige, was man auf „Our Dystopia“ hören kann. Vor Allem beim Voranschreiten des Albums fällt auf, dass auch einige Stilmittel zum Einsatz kommen, die man von einer derartigen Veröffentlichung nicht in erster Linie erwarten würde. So kommen vor Allem in der zweiten Hälfte des Albums überraschend viele Breakdowns zum Einsatz, Beispiele dafür lassen sich in Songs wie „We Are Only Human“ oder „When the World Watches finden. Allgemein fällt auf, dass die zweite Hälfte von „Our Dystopia“ anders gestaltet ist als die erste Hälfte: Sie ist wesentlich ruhiger, oft auch klarer und melodischer, in Anbetracht der Albumthematik vielleicht fast hoffnungsvoll. So enthält „From Reality Into Fear“ als einziger Song auf dem Album kurze Klargesangpassagen. Eine nette Abwechslung, allerdings wirken diese Parts dort, wo sie für Stimmung sorgen sollten, eher etwas fehl am Platze, zumal sie nur mäßig mit dem restlichen Klangbild harmonieren.

Der restliche Gesangsstil des Albums ist geprägt von tiefen, verzerrten Growls, die beim ersten Hinhören gerne mal sehr monoton wirken. Jedoch fallen bei genaueren Hinhören oftmals vorgenommene Variationen auf; Zwar sorgen diese nicht für ein noch nie gehörtes Klangbild, allerdings stören sie auch in keiner Weise und fügen sich gut in das Gesamtbild ein. Ein Detail, das ebenfalls gut zu Stimmung des Albums passt, ist der oftmalige Einsatz von gesprochenen Passagen, die man fast resignierend verstehen kann, was vor Allem im Albumfinale für Gänsehautstimmung sorgt:

Die musikalische Reise durch das post-apokalyptische Niemandsland, auf die einen „Our Dystopia“ schickt, endet mit dem fast 9-minütigen Instrumental "The Storm", das das Album würdig beendet: Kurze Stille, dann ein paar letzte, erschütternde Worte, begleitet vom unheilbringenden Heulen von Sirenen, bevor die Welt, die wir kennenlernen durften, erneut verblasst. „This is our dystopia“, hört man einen Mann zum Abschluss sagen, dann nur mehr Stille.
Quasi als Bonus nach dem Finale gibt es zusätzlich noch eine melodische Orchestral Version des Songs „With My Eyes Unaffected“, womit das Album nun letztendlich wirklich endet.

„Our Dystopia“ stürzt den Hörer in eine düstere Welt, eine Welt, von der man nur hoffen kann, dass sie niemals Realität wird. Dabei machen MARTYRION auch musikalisch einen sehr guten Eindruck - es gibt nur wenige Dinge, wie etwa ein leicht unoriginelles Gesangsbild und ein wenig sinnvoller Klargesangeinsatz hier und da, die man wirklich kritisieren müsste. Die Instrumentalisierung der von MARTYRION geschaffenen, zerstörten Welt ist ganz schlicht gesagt „authentisch“ und lässt den Hörer oftmals gar in der Welt versinken.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Daniel Csencsics (25.08.2016)

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