Meister Scheisze - Kot für die Welt

Artikel-Bild
VÖ: 26.08.2016
Bandinfo: Meister Scheisze
Genre: Death Metal
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Webshop
Lineup  |  Trackliste

Manchmal ist es schwierig, dem künstlerisch-intellektuell bedeutsamen Gehalt eines Albums in seiner Erstrezeption gerecht zu werden. So geht es mir an diesem lauen Sommerabend, an dem ich mir erstmals das Debütalbum der Kulturgenies MEISTER SCHEISZE zu Gemüte führen darf. Um diese außergewöhnliche Gelegenheit angemessen zelebrieren zu können, schenke ich mir einen perfekt temperierten 1986er Barolo aus dem Dekanter in ein Weinglas von der Größe eines Taufbeckens, lege die Beine hoch und beginne, ganz große Kunst zu genießen.

 

Der Titel des Meisterwerks lautet Kot für die Welt und macht schon darin eine Komplexität semantischer Verknüpfungen geltend, die ihresgleichen sucht. Der Rezipient wird vielseitig verunsichert: Liegt ihm eine satirische Kritik am Welthunger und dem karitativen System vor? Oder eine misanthropisch-verzweifelte Vergeltung an der Welt im Ganzen? Betrachtet er dann das Bild, auf dem die Erde in Form brennender Ausscheidungen wie ein Schatz, der aus einer öffentlichen Toilette gehoben wurde, dargeboten wird, tritt die Glorifizierung des Kotigen in den Vordergrund. MEISTER SCHEISZE heben, wie der Bandname schon vermuten lässt, Stoffwechselendprodukte heraus aus der unliebsamen Degradierung, zurück auf den ihnen gebührenden Thron als das weltvereinende Darmphänomen, als das es in seiner Meisterlichkeit beinahe jedem Wesen dieses Planeten gegeben ist.

Nach einer gesprochenen Einleitung, die sich auf die heroische, beinahe gottgleiche Personifizierung des Exkrements und ihren Mythos bezieht, erhält ebendiese ihren eigenen Song „Meister Scheisze“. Von diesem Ursprungsmythos und der Eigendefinition als „Jünger des feinsten Kots“ geht eine Reise aus, die sich gekonnt gleichzeitig durch die Popkultur wie auch durch die politisch-soziale Gegenwart manövriert, wie ein Schlauchboot auf einer Jauchegrube.

 

So greift beispielsweise der Song „No Campari, No Party“ parallel die fragwürdige Lebensphilosophie der selbsternannten „Litfaßsäule für Luxus“ Claudia Obert auf, stellt aber auch die Frage, ob eine Party grundsätzlich bewusstseinsverändernden Konsums bedarf, was in der Feststellung „Life is a party“ zu einer Grundfrage des Daseins avanciert. Ähnlich erschütternd stellt sich die von „Sinnlos im Weltall“ entlehnte, repetitiv herausgebrüllte Kernaussage von „Schwarzer Kaffee“ dar: „Kaffee muss immer schwarz sein!“ Ein ultimatives, extremistisches Postulat, dessen Infragestellung mit Gewalt begegnet wird: „Fausttanzparty!“ Eine geschickt inszenierte und nur allzu treffende Entsprechung für weltpolitische, aber ebenso zwischenmenschliche Probleme, mit der MEISTER SCHEISZE in einem Maße Feingefühl und Verständnis beweisen, wie sie im Death Metal ihresgleichen suchen.

 

Death Metal. Er ist die dominante musikalische Basis der zurecht selbsternannten Meister, die sie facettenreich garnieren mit kleinen Deathcore-Entlehnungen und einer gesunden Ahnung von Grindcore, wie im Song „They Call It Fisting“, der auch den Einstieg in sexualethische Debatten nicht scheut. Gekrönt wird dieser angereicherte Death Metal von einer vielseitigen, wiederkehrenden Intermedialität – z. B. zu Internetphänomenen wie dem Durchfallmann, wie aber auch zu Bibelpassagen wie Jeremia 6:28 – und geradezu expressionistischen Losungen, wie dieser unterbrochen-antiklimaktischen Liste aus „Urlaub From Outer Shit“: „Zerstörung Ängste Durchfall Ertrinken Menopause Schulbrot Erregung Kot“. Mein persönlicher Höhepunkt des Albums ist jedoch die A-capella-E-Gitarre, die eine wundervolle Passage in „Ein Leben Lang Die Selbe Unterhose An“ ausfüllt.

 

Dass das Werk dann in einer Entschuldigung endet („Entschuldigung, Ihr Penis Brennt“), kann, will und wird kein Zufall sein, da das Album „Kot für die Welt“ von MEISTER SCHEISZE in Ton und Thema gleichermaßen brutal zur Sache geht, zu Gunsten der Kunst Grenzen – auch die des guten Geschmacks – bewusst missachtet. Schade nur, dass große Kunst doch letztendlich meist nur einen Nischenmarkt erreicht, sodass sich nur einzelne auserwählte Kenner an diesem Auswurf erfreuen werden.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Jazz Styx (26.08.2016)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE