UNZUCHT - Neuntöter

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VÖ: 02.09.2016
Bandinfo: UNZUCHT
Genre: Gothic Synth
Label: Out of Line
Lineup  |  Trackliste

Kennt ihr das? Man will eine Sache ganz arg mögen, obwohl man weiß, dass man einige Fehler übersehen muss? Man liebt ein Element eines Ganzen, kann das andere aber nicht ausstehen? Aus dem Alltag, an einigen Bekannten, vielleicht an versuchten Partnerschaften, daher kennt man dieses Phänomen sehr gut. Aus der Musik eigentlich nicht. Die Meisten werden sagen, gefällt, oder gefällt nicht. Bei aller Differenzierungsfähigkeit, die der Verfasser der schwarzmetallischen Gemeinschaft zugesteht, kommt es in Bezug auf Musik selten vor, dass man hin und hergerissen ist, ob man eine Sache nun gutheißt oder nicht. UNZUCHT hat aber genau damit zu kämpfen: "Neuntöter" ist zum einen herzzereißend effektiver Gothic-Düsterrock zum Verlieben, auf der anderen Seite kaputtproduzierter Lärm.

Seit der Gründung im Jahre 2009 stehen die Hannoveraner Düsterrocker für Melancholie und Härte zu gleichen Teilen. Bislang bei dem Köthener Label "NoCut" unter Vertrag, wechselten die Jungs zu den ebenfalls gothisch geprägten Berlinern "Out Of Line", um das nach eigenen Aussagen "vielseitigste und härteste" Album der Bandgeschichte zu veröffentlichen. Beides Charakteristika, die man dem "Neuntöter" tatsächlich nicht absprechen kann. Nehmen wir mal den "Kettenhund", bei dem sich ein Melodic Death Riff mit einer an RAGE und ihren Song "Down" erinnernden Gesangslinie die Klinke in die Hand geben. Das hat man so auf einem Dark Rock Album sicher noch nicht gehört. Zumal einige Mitbewerber momentan mehr in die seichtere Richtung abdriften, um einen gewissen Grafen zu beerben. Ebenfalls harte, thrashige Riffs darf man bei "Widerstand", "Piotrek" und dem Titelstück bewundern. Auf der anderen Seite liefert man dem Hörer genretypische düsterromantische Kost Marke HIM oder LACRIMAS PROFUNDERE mit deutschen Texten. Und hier liegt auch die unanzweifelbare Stärke der Band, obwohl, vielleicht sogar weil, der Kitschfaktor bewusst hoch angesetzt wird. "Ein Wort fliegt wie ein Stein" mit seiner mitreißenden Hook, der straighte Stampfer "Judas" oder das ganz einfach strukturierte, aber komplett effizient umgesetzte Albumhighlight "Lava" sind alle drei Beispiele für absolut gelungene Genrehits. Hier und da wird die NDH Keule ausgepackt, OOMPH! lassen grüßen, aber das gehört nun mal dazu.

Was ist das Problem? Klar ist Innovation auf der einen Seite zu belohnen. Auf der anderen Seite ist die Umsetzung nur bedingt gelungen. Zum einen passen die harten Salven nicht so wirklich zu den teils butterweichen Melodien, zum anderen nervt, und das muss man ganz deutlich sagen, NERVT, die Effekthascherei bei den "harschen" Vocals. Nicht eine Passage, in welcher De Clercq keift oder brüllt, kommt ohne Megaphoneffekt oder sonstige Spirenzchen aus. Dadurch entrückt man die harten Passagen um so weiter von den eigentlichen Stücken weg und betont ungewollt die Künstlichkeit dieser Elemente.

Fazit: Licht und Schatten wo man hinhört. Egal, ob ihr die harten Momente oder die softeren bevorzugt, es passt auf "Neuntöter" einfach nicht zusammen. Aber man will es doch irgendwie mögen. Und da die Hooks tatsächlich fast alle sitzen, kann man mal ein Auge zudrücken.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (08.11.2016)

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