KNORKATOR - Ich Bin Der Boss

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VÖ: 16.09.2016
Bandinfo: KNORKATOR
Genre: Crossover
Label: Rough Trade
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Lineup  |  Trackliste

Mit KNORKATOR – den J.B.O. für bildungsnahe Schichten, wie ich sie gerne nenne – konnte man als Spaßfraktion eigentlich immer rechnen, und man hat auch immer diesen gewissen „Schmäh“ mit den immer ein wenig Kind gebliebenen Berlinern in Verbindung gebracht. Diesen Schmäh halt, zwischen Irrsinn und Nonsense, jedoch immer mit Methode, lyrisch wertvoll und trotzdem inhaltlich ganz und gar obskur. Ach was, lustig sind sie ja immer noch, aber irgendwie werden die Texte mit dem Alter reifer und nachdenklicher, und der Begriff „lustig“ halt dehnbarer. Musikalisch geben sich KNORKATOR auf „Ich Bin Der Boss“ aber erstmals wirklich rundum kompakt und ziemlich un-dilettantisch: die elf Songs tragen alle Trademarks von Stumpen, Buzz Dee und Alf Ator in sich, ergänzt um ein erdiges Instrumentarium, das so gar nichts mehr mit den Drumcomputern und Konserven-Loops der Frühzeit zu tun hat. Vielleicht hat auch der Umstand, dass sich KNORKATOR diesmal als fünfköpfige Combo präsentieren statt „nur“ als Trio, hier etwas zum runderen Erscheinungsbild beigetragen.

Statt in Absurditäten bedient man sich aber heute lieber bei Wilhelm Busch oder Grimm’s Märchen, und mit „Setz Dich Hin“ hat man einen Ohrwurm geschrieben, der vor allem durch seinen gesellschaftskritischen Text (oha!) besticht und bei dem als Gastsänger Tatort-Kommissar Axel Prahl ran durfte, dessen fast schon gleichgültiges Timbre perfekt zu diesem nachhaltigen Lied passt. Man fühlt sich ab und zu aber schon auch ein wenig an das Buch mit dem „Struwwelpeter“ von Heinrich Hofmann erinnert, das auch meine Kindheit gehörig mit Horrorvisionen von brennenden Katzen, abgetrennten Daumen und anorexen Suppenverweigerern bebildert hat: hier tauchen nämlich die „Schwarzen Buben“ auf und auch die Mär vom „Zappelphilipp“ kommt uns noch irgendwie bekannt vor. Die typische, fast schon theatralische Umsetzung dieser beiden Bilder verstärkt deren Botschaft fast noch mal ums Doppelte.  „Eldorado“ ist der  - auch diesmal äußerst erfolgreiche – Ausflug in die Schlagerwelt, aber die Frank Farian-Verhunze wird eher zu einem mächtig galoppierenden Fanal des teutonischen Powermetal als zu einer saloppen Persiflage. Ganz groß, das!

Natürlich wird sich Stumpen auch weiterhin auf der Bühne sukzessive entkleiden, natürlich nimmt die Band nach wie vor sich und die Rockszene nicht allzu ernst. Und natürlich machen die Songs auf „Ich Bin Der Boss“ Spaß, man muss ihn halt nur genauer und manchmal auch woanders suchen als man ihn vielleicht bislang verortet. Der Unterhaltungswert sinkt also nicht, er erlebt einfach einen kleinen Pradigmenwechsel. Die verschiedenen Geschichten - seien sie nun dumbe, offensive Fantastereien oder harsche, versteckte Kritik - so zu erzählen, als würde man durch ein altes, verstaubtes Märchenbuch blättern, aus dem Pop-Up-Bilder hervorklappen, um uns mit dem moralischen Zeigefinger zusätzlich und dreidimensional vorm Gesicht zu wedeln  – das ist die große Kunst von KNORKATOR. So schleicht der „Dämon“ bei geschlossenen Augen durch unser Schlafgemach, sabbernd und bedrohlich. Und wenn „Sie“ kommen – wer immer „Sie“ auch sind - wird’s nochmal dramatischer. Man sieht sie am Horizont. Bald sind sie hier. Sie fassen alles an.

Nur, wer sind „Sie“? Das konnte ich auch nach mehrmaligem Hören nicht erurieren. Ich weiß nur: Ich kann nicht entkommen. Ich muss eine Mauer bauen. Nichts wird mehr wie früher sein. Ein Hoch auf die Paranoia! Oha. Da hab ich mich doch glatt fast in diesem Text … verlaufen. So arbeiten sie halt, die KNORKATORen. Vorne effizient und hinten lachen sie uns dann aus. „Wenn Die Kinder Artig Sind“ kommt übrigens am ehesten noch an alte Nonsense-Glanztaten heran. In zackigem Crescendo schreit Stumpen die unbelehrbaren Kiddies zur Räson, kurz, bündig, krachend. Eine gesunde, akustische Watsche eben. „Du Bist Kein Mensch“ zeigt abschließend nochmal deutlich, dass KNORKATOR alles, aber wirklich alles beherrschen. Nämlich auch den Nullachtfuffzehn-Metal vom Reißbrett mit königlichen Riffs und Schunkelgesang. Erinnert fast ein wenig an frühe KORPIKLAANI. Am Ende fragt man sich aber trotzdem: werden die Herren erwachsen? Teilweise, ja. Zu einem Gutteil aber sicher nicht. Anstatt sich in kindischem Gedöns zu ergehen setzen die Fünf hier auf textlichen Tiefgang und die eine oder andere geschickt versteckte (moralische?) Botschaft. Der Rest ist einfach genau das, was man von KNORKATOR erwartet. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (18.09.2016)

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