Brain Tentacles - Brain Tentacles

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VÖ: 30.09.2016
Bandinfo: BRAIN TENTACLES
Genre: (stilübergreifend)
Label: Relapse Records
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Lineup  |  Trackliste

Irgendwo in den Tiefen des Stormbringers hieß es: „Ihr wollt was Schräges?“ Da werde ich hellhörig. BRAIN TENTACLES – genau, Hirntentakeln. So heißen die Band und auch das Album, ein Erstling von alten Hasen. Klingt gut, was machen die? Jazz Metal. Oh, goddamn yes please! Da es mir jedoch nicht leicht fällt, die musikalischen Ergüsse von und auf „Brain Tentacles“ in rationaler, berichtender und wertender Struktur systematisch aufzuarbeiten, werde ich nach ein paar einleitenden Informationen dem verstörenden Sog nachgeben, mich dem skurril-transzendentalen Rausch hingeben und das – nur das – schreiben, was die Tentakeln während dieses Trips in meinem Gehirn auslösen. Also überlege dir bitte gut, ob du dir das antun möchtest. Empfehlung: Lauf!

 

Hier die Vorabinformationen: BRAIN TENTACLES sind Bruce Lamont (YAKUZA, BLOODIEST etc.), Dave Witte (DISCORDANCE AXIS, MUNICIPAL WASTE etc.) und Aaron Dallison (KEELHAUL), die sich für dieses experimentelle „Sound Adventure“ (Genre-Eigenbeschreibung) zwischen Metal, Jazz und klassischer Filmmusik zusammengetan haben. Auf „Brain Tentacles“ erschaffen sie unterschiedlichste Klang-Szenarien, die mal atmosphärisch, mal brutal, mal für eine Sekunde witzig, meist gewaltig und tragisch, aber immer ziemlich einzigartig klingen. Wer bereit für etwas Andersartiges im Metal ist, wird hier definitiv fündig, wenngleich das Album auch von einer allpräsenten, anstrengenden, harten Monotonie geprägt ist. Eine gewaltige Platte!

 

Was nun folgt, ist kein vernunftgeleitetes Review eines Albums, sondern der ehrliche Versuch, dem Traumwelt-Trance-Chaos-Rausch namens „Brain Tentacles“ auf seiner eigenen Ebene zu begegnen, ihn zu genießen, ihn in Ansätzen festzuhalten und für den Leser wenigstens entfernt erfahrbar zu machen. Der Genuss ist weitgehend gescheitert. Vielmehr wurde es zu einem nicht enden wollenden Horrortrip, zum Soundtrack meines selbst geschobenen, anstrengenden, gnadenlosen Films. BRAIN TENTACLES möchte ich so schnell nicht wieder durch die Schranke zwischen meinem Bewusstsein und dem Unbewussten lassen. Doch gewissermaßen ist auch das ein positives Qualitätsurteil. Aber lest selbst – so subjektiv und intuitiv wie nie zuvor!

 

Kingda Ka“: Abwärts ein Strudel, erhebend, gefährlich, gefahrvoll, hektisch, durchschüttelnd, holprig, hinauf, hinfort. Warum so laut? Woher die Wut? Dies ist keine Welt, die jemand will. Dies ist ein brennender Höllenschlund und immer wieder diese Angst. Rennt! Rennt! Rennt!

 

Fruitcake“: Angekommen. Warum! Eben noch so böse, jetzt so Zirkus! Dramatik, Witz und Zauberei. Keinen Sinn für Ziele, Spannung, aber ohne Worte. Ohne Ziele! Unspannende Spannung! Bass krabbelt, Blechbläser spielt Pinnball. Monotonie im Chaos. Orientalische 70er. Absturz.

 

Cosmic Warriors Girth Curse“: Alter Film geschoben. Ohne Bild nicht wichtig. Die Dampfmaschine läuft an, wird stärker, wird präsent, ist da. Geschrei! Gleich und gleich und bedrohlich und traurig. Eine Karawane, Sand, Sklaven, Folter, Schweiß, viel Schweiß. Hoffnungslos die Sonne. Elende Schwere. Pochen. Hitze. Herz. Immer stärker, unbarmherzig. Langsamer, keine Kraft, keine Chance. Erliegt seiner übertriebenen 60er-Manier bis zum sphärischen, kreisenden, totalen Licht. Blau. Nichts ist real. Nichts! Wabernde Schatten übernehmen. Feierei, Freude und fließender Wein in unechtem Grün. Irreal, doch da. Kaum, halb, etwas, mehr, weniger, da, nicht da. Sie singen, rufen, verlangen. Bin ich es selbst? Nichts ist außer mir. Bin ich? Sandkörner drücken in das trockene Fleisch meiner Wange. Ich habe keinen Durst mehr. Das Licht ist weiß geworden, kreist, verschwindet. Aus!

 

Hand Of God“: Schwere, strafende, harte Gewalt drückt unnachgiebig. Augen sehen dich. Viele. Alle. Verletzlichkeit und Flucht. Keine Flucht, nur ein Weg. Säulen. Renn, renn, renn! Zorn. Kein Weg, kein Ausgang. Kolosseum. Jede Tür verschlossen. Unbarmherzig sein Gesicht. Seine Faust. Seine Strafe. Ein Kampf. Leid. Schmerz. Keine Chance. Monotone, unendliche Macht ohne Güte. Nur ein Ende. Kein gutes. Keines.

 

Gassed“: Plötzlicher Chaosspaß in den Flammen der Hölle. Orgiastische Genüsse, selbstverletzende Freude, folternder, strafender Genuss. Finger zeigen auf mich. Das habe ich nicht gewollt. Oder? War ich das? Stöhnende Hässlichkeit. Verzerrte Fratzen schauen aus allen Richtungen. Gewusel, alles entgleitet, ist längst entglitten. Sie sollen aufhören zu schreien. Aufhören. Das ist keine Freude. Ich habe mich geirrt!

 

The Spoiler“: Hunde Zerreißen. Hardcore. Wut. Violent Dancers sprengen ihre Ketten – Ketten ihrer Hunde. Kaum gehalten. Wut. Wut. Wut. Hasszornwut! Was will er denn? Wieder Flucht. Immer Flucht. Er kommt näher, er wird lauter. Immer Flucht, alles ist immer auf der Flucht, will sich entziehen, kann nicht.

 

Sleestack Lightning“: Blitze. Augen öffnen sich, wieder, wieder, sehen nichts, verstehen nichts. Fangen Bilder ohne Verstand, ohne Inhalt, ohne Existenz. Hier ist nichts. Nichts! Oder wird hier erst nichts sein? Ist dies das Ende von Wirklichkeit? Kaum. Und doch stürzt alles ein, solange die Augen offen sind. Geschlossen werden sie jedoch ungeduldig. Ich muss sie öffnen, die Welt verlieren. Nein. Struktur. Unendlicher Kater. Hektik, Stress, diese Welt darf enden.

 

The Sadist“: Treibende Kraft. Black Metal. Nadeln. Nägel. Pfähle. Blut. Hauch von Menschlichkeit. Geschrei. In der Ecke, Holz, hart, Tisch, dicke Scharniere. Tanz. Spiel. Freude. Umkreisen. Lieblose Nähe, Konfrontation. Abwenden, Stille. Weinen. Angst. Angst. Angst! Vorfreude. Ende.

 

Fata Morgana“: Schleichende, präsente, gegebene Melodie. Reise. Weile. Schönheit. Düfte. Gleichheit, immer wieder. Sanfte Stimme. Güte. Keine Angst. Hoffnung, Gegenwart. Wünsche. Schweben. Die Welt stimmt. Sie ist nicht aufregend, aber auch nicht kaputt, sondern in Ordnung. Lass sie, wie sie ist, bitte! Für einen Moment. Muss es schon wieder vorbei sein?

 

Peace in War“: Härte ist zurück. Marschiert gegen mich. Lacht kurz, reicht mir die Hand. Stößt mich fort. Grob. Ich stürze, rolle den Hang herunter. Werde aber aufgehoben. Zusammengeflickt. Ich funktioniere wieder. Zurück in die Verzweiflung. Bitte nicht mehr. Das Ende klingt bedrohlich. Ist es das Ende? Bitte!

 

Palantine“: Sanft. Und klar. Geordnet. Abspann. Alles ist gesagt. Nichts ist geblieben. Wind bewegt den Sand. Kein Glück, kein Unglück. Morgen vergisst die Welt dieses Kapitel. Alles bleibt gleich. Alles wird sich wiederholen. Ist es das, was demnächst auf uns zukommt? Mehr davon? Lasst mich begraben! Ich will nicht mehr!

 

[Anm. d. Lekt.: Manchmal frage ich mich wirklich, welche Drogen in unserem Redaktionsloft im Umlauf sind ...]



Ohne Bewertung
Autor: Jazz Styx (30.09.2016)

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