Meshuggah - The Violent Sleep Of Reason

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VÖ: 07.10.2016
Bandinfo: Meshuggah
Genre: Metal
Label: Nuclear Blast Records
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Man erinnere sich an den Mathematikunterricht. Nicht immer wollten sich einem die Wunder der Algebra offenbaren. Oftmals bzw. zumeist dem mangelnden Interesse und Verständnis geschuldet, oft am fehlenden eigenen intellektuellen Vermögen scheiternd, entzog man sich oft (un-)freiwillig der Möglichkeit, das Spezialwissen um logische Schlüsse, Ableitungen, Formeln und Bedingungen nachvollziehen zu können. Dann wiederum lag es am didaktisch unfähigen Lehrpersonal, dass die Mathematik ein Buch mit sieben Siegeln blieb und manches Mal hatte man schlichtweg keinen Bock, seine grauen Zellen anzustrengen und die Mysterien dieser vordergründig wie eine Geheimwissenschaft erscheinenden Disziplin vollends zu entzaubern. Umgelegt auf MESHUGGAH hieße das Folgendes: Wer rein gar nichts von Progressivem, Djentigem, Sludgigem und sonstig Komplexem hält und auch nicht über die Neugier und Offenheit verfügt, sich darauf einzulassen, kein Interesse am Spielen eines Instruments hat (ob aus Unvermögen oder innerer Abneigung) und sich die Rübe lieber mit simplem Humppa-Pagan, stumpfem Mitgrölmetal, seichtem Punkrock & Co. durchblasen will, wird sich eher nicht für das Quintett aus Schweden interessieren und kaum willens sein, in die komplexen Strukturen und mehrzahligen Schichten des Sounds des Quintetts einzutauchen, vom Freilegen derselben noch gar nicht gesprochen. Am mangelnden Können bzw. der Vermittlung der Kunst liegt es jedenfalls nicht, soviel bekommt auch der Laie mit, MESHUGGAH wissen, was sie tun – und das machen sie trotz aller Fragilität und Komplexität mit einem Höchstmaß an niederbügelnder Wucht und zwingendem Druck, der alle Prog-Feingeister wie Federn in die Streber-Ecke befördert.

Dennoch ist es keineswegs so, dass nur die Kinnladen des fachkundigen Personals regelmäßig nach unten klappen, wenn MESHUGGAH neue, wüst anmutende Akustikgeschütze auffahren, und sich der Gutteil des Publikums nicht nur aus Instrumentenvirtuosen, Musikprofessoren und sonstigen Progressiv-Frickel-Freaks rekrutiert, sondern auch der aufgeschlossene Metal- und Musikfan inmitten aller musikalischen Quadratwurzeln, Integral- und Differenzialrechnungen und Logarithmen der Faszination der Skandinavier erliegt. Meine anfängliche Skepsis, als die hektischen Herrschaften 1995 mit „Destroy Erase Improve“ in meine Musikwelt krachten, wandelte sich im Laufe der Zeit in höchsten Respekt. Es erhöht sich der Puls vor jedem „erstmaligen“ Akt des Hörers einer neuen Klangwelt aus Schweden wie vor einer langen Reise in ungewohnt fremdes und bislang unerforschtes Territorium. So auch auf „The Violent Sleep Of Reason“, das mit dem über siebenminütigen „Clockworks“ gleich das volle Arsenal auffährt und mit kernig klingender Gitarrenarbeit überzeugt. Neben dem neu hinzugestoßenen Tue Madsen an den Reglern hat man auch das Studio sowie die Aufnahmetechnik geändert, sodaß die Neue live im Studio eingespielt wurde, wie die Band verlauten ließ. Dürfte ein Mitgrund sein, dass das Material bauchiger und weniger klinisch, aber deswegen nicht "eingängiger" oder stringenter tönt. Titeln wie „Stifled“ oder „Ivory Tower“ kann man sich wohl nur nähern, aber die geschaffenen Soundwelten eher nicht gänzlich durchschreiten. Hier wirken selbst Batzen wie „Our Rage Won´t Die“ oder „By The Ton“ noch recht zugänglich.

Musik zu beschreiben ist naturgemäß so schwer bzw. sinnlos wie Architektur tanzen oder Farben riechen zu wollen, wer aber auf der musikalischen Suche nach Irrsinn, moderner Härte, konsequenter Kompromisslosigkeit und vielschichtig Forderndem ist, ist hier an der richtigen Adresse. Intensives, gepreßtes Gebrüll, drückende Wuchtigkeit, wummernde Bässe und technischer Anspruch warten in Form von sperrigen wie ausladenden Nummern wie „Nostrum“ (samt Gitarrensolo)  oder dem Titeltrack auf den neugierigen Hörer. Während es an allen Ecken und Enden hackt und niedertackert, rollt „Into Decay“ vergleichsweise geschmeidig daher und lässt einmal mehr staunende Gesichter und geschundene Ohren zurück. MESHUGGAH nehmen den wagemutigen Fan mit auf eine Reise durch vertrackte, monolithische Soundmonstren, die fast alle über fünf Minuten lang und schwer zugänglich sind und ihre Faszination in ihrer beeindruckenden Kraft, niederschmetternden Härte sowie der psychotischen Grundstimmung finden und dem Können der Meister aus dem Norden Respekt zollen. Der bedeutungsschwangere Albumtitel „The Violent Sleep Of Reason“ (von einem Gemälde des spanischen Malers Goya inspiriert) verdeutlicht eh schon Vieles, das gelungene Cover krönt diesen neuen vertonten Wahnsinnsbrocken, der sich beharrlich durch die Gehirnwindungen des Hörers gräbt, aber sperriger als die Vorgänger tönt (was für so Manchen auch einen Punkteabzug bedeuten könnte). „Born In Dissonance“ und „MonstroCity“ erleichtern allerdings definitiv den Zugang zu diesem in seiner Gesamtheit zu erfassenden, immer wieder neue Nuancen offenbarenden und mit einem tollen, dunkel-ästhetischen Artwork veredelten Werk. MESHUGGAH verdrehen Gehirne, das steht fest, wären sie aus fester Konsistenz, könnten sie sie brechen.


Eine Retrospektive über das bisherige Schaffen der Band findet ihr HIER.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Thomas Patsch (05.10.2016)

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