ZAUM - Eidolon

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VÖ: 24.10.2016
Bandinfo: ZAUM
Genre: Doom Metal
Label: I Hate Records
Lineup  |  Trackliste

Musikhistoriker haben nicht genau überliefert, wie ZAUM aus Kanada entstanden sind, aber man munkelt hier und da schon, dass es wohl eine gesunde Mischung aus "Dem Flaschengeist zu tief in den Ausschnitt geguckt", "Der Herr sprach: es werde Oriental Doom Metal" und dem ein oder anderen größeren Dübel war, die zur Gründung dieser großartigen Band beigetragen hat. Aus ähnlichen Umständen heraus soll wohl auch das grandiose Debüt "Oracles" erwachsen sein, mit dem man sich auf eine klanglich faszinierende Reise in den Orient bzw. nach Mesopotamien begeben hat. Zwei Jährchen später entführt uns "Eidolon" nun, wenn man dem ebenfalls grandiosen Artwork Glauben schenken darf, wohl zu den Azteken. Moment mal: Über den Orient zu den Azteken? Alles klar, Jungs.

Man kann sich ja mal eben um tausende von Kilometern verfahren oder verlaufen, wenn man, statt bei der Auskunft anzurufen, mehrmals bei der 420 durchklingelt - oder unter dem Einfluss der Magi steht, den der erste von "nur" zwei Songs beschreibt. Dass wir uns an der Stelle aber mal nicht falsch verstehen: Das ist alles keinen Meter abwertend gemeint, denn was ZAUM hier abliefern, ist schlicht und ergreifend genial. Und mutig zugleich. Die beiden Reiseführer verzichten nämlich auf Gitarren und herkömmliche Songstrukturen. Stattdessen packen einen in "Influence Of The Magi" sofort die ätherischen Gesänge, während orientalische Flötenklänge eine düster-mystische und dennoch irgendwie wohlige Atmosphäre heraufbeschwören, die bereits andeutet, dass man hier einem riesengroßen, speziellen Kunstwerk lauscht.

Wenn sich dann zwischenzeitlich das Schlagzeug, der Bass und die Sitartexturen zu einem Drone-Fundament (!) erbauen und sich die endlos hallenden Vocals (mal klar, mal kantig) mitsamt einiger Psychedelic-Anleihen dazugesellen, lösen sich die nebligen Schleier und machen klar: "Eidolon" ist nicht nur innovativ und deutlich anders als 99% aller anderen Veröffentlichungen, die man sonst so hört, sondern erstklassig komponiert und überragend in dem, was es sein möchte: ein originelles, höchst atmosphärisches Doom-Metal-Werk, das seine 41 Minuten ohne auch nur den leisesten Anflug von Langatmigkeit abspielt. Dabei kann es in "The Enlightenment" auch mühelos ruhigere Töne als Etappenziel des großen Ganzen ausgeben, indem es zunächst die exotischen Vögel via Sampling zwitschern und nebenbei fernöstlich-magische Synths für Gänsehaut sorgen lässt. Oder indem es später, nach dem eher härteren Mittelteil als Pointe, einen sanften Regenguss als geeigneten Ausklang inszeniert.

Man kann es also drehen und wenden wie man will: "Eidolon" ist der pure Wahnsinn zweier Musiker (ob unter Zuhilfenahme einer gewissen psychotropen Substanz oder ohne ist dabei völlig nebensächlich), die sich nicht um Konventionen scheren und ein Album geschaffen haben, das wie eine traumwandlerische Reise, wie ein geheimnisvoller Trip in die Fremde funktioniert und unzählige Überraschungen bereithält, die einen aber nicht vom eigentlichen Weg abbringen. ZAUM sind für den Doom Metal also in etwa das, was SUMMONING für den Black Metal sind: Nonkonform und mit einer eigenen Vision. Sie erschaffen aus vermeintlich "einfachen" Mitteln eine Klangwelt, wie sie nur die allerwenigsten Künstler erschaffen können. Eine Klangwelt, die verzaubert, die mitreißt und die den Hörer mit einem beeindruckend positiven Gefühl hinterlassen kann - wenn er sich denn darauf einlässt. Das erfordert Geduld und vor allem einen Hang zu extraordinärem bzw. ungewöhnlichem Songwriting. Hat man das, wird man reichlich entlohnt. So oder so ist es aber zumindest einen Versuch wert, weil gerade in solchen speziellen Fällen wohl auch ein bisschen Glück gefragt ist bzw. grundsätzlich alles und nichts möglich ist. Meiner Auffassung nach handelt es sich hier aber um ein meisterhaftes und zugleich unerwartetes Jahreshighlight und daher ziehe ich meinen imaginären Hut vor diesem Duo.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (24.10.2016)

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