THE RETICENT - On The Eve Of A Goodbye

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VÖ: 05.10.2016
Bandinfo: THE RETICENT
Genre: Progressive Metal
Label: Eigenproduktion
Lineup  |  Trackliste

24 Hours Left
„But There Was Always Something Quietly Tragic In Her Smile….“
Mit diesen Worten im Ohr – und dem Hintergrundwissen warum sie ausgesprochen werden – treibt es dem Hörer Gänsehaut über den Rücken. Noch bevor die ersten Klänge von „The Girl Broken“ einsetzen, ist irgendwie klar, dass es diesmal anders ist.
Das Album „On The Eve Of A Goodbye“ (2016) ist autobiographisch und dreht sich im gesamten Konzept um den Suizid einer Freundin von THE RETICENT-Gründer Chris Hathcock.

„The Girl Broken“ ist gleich zum Beginn sehr bezeichnend, die Worte umreißen die emotionale Tragweite eines solchen Erlebnisses, die Musik dazu passend, mal ruhiger, dann aufgewühlt, brachial. So wie sich manche Ereignisse in das Leben wühlen wie ein Geschwür, so bohrt sich auch „The Girl Broken“ unnachgiebig den Weg durch den Brustkorb mitten in den Hörer und setzt sich irgendwo hinter den Rippen fest.

„The Hypocrite“ fängt flehend an und wird langsam kraftvoller. Vergleiche mit den vorherigen Alben von THE RETICENT kann man anstellen, muss man aber nicht, ich höre hier teilweise an „Le Temps Detruit Tout“ erinnernde Passagen, dennoch wirkt „On The Eve Of A Goodbye“ als Ganzes losgelöst. Vielleicht wegen der Hintergrundgeschichte, wer weiß, mit diesbezüglichen Informationen im Kopf ist das Konzept klar und schwer in Konkurrenz zu setzen.

19 Hours Left
„The Comprehension“ kratzt mit den ersten Tönen schon hart am Limit die Lieblingsnummer des Albums zu werden, Chris’ Stimme passt perfekt zu dem Arrangement, ein Song in den man sich hüllen möchte. Nach einer sehr turbulenten Vergangenheit mit Pausen, Mitgliederwechseln und so weiter ist es eigentlich nur Chris, der die Konstante in THE RETICENT bildet – umso erfreulicher sind derart stimmige Lieder, die zeigen, dass es zumindest aktuell gut passt.

„The Confrontation“ ist ähnlich aggressiv, wie man es bei dem Titel erwartet, überhaupt ist die Gangart von THE RETICENT auf diesem Album härter.

„The Apology“ vermittelt wieder ein ganz anderes Gefühl, die Ambiguität der Thematik spiegelt sich wider in dem zerrissen wirkenden Springen von einer Emotion in die nächste. Von Lied zu Lied wechselt man mit, von Aggression und Wut zu Liebe und Hoffnungslosigkeit.

10 Hours Left
„The Mirror’s Reply“ und „The Postscript“ sind ein letztes Aufbäumen, mit gewaltiger Gitarrenarbeit und großartiger Leistung an den Drums. Die Songs fahren ein wie ein Sturm, der sich nochmal so richtig entfesselt, bevor es ruhiger wird.
Gerade bei „The Postscript“ wummert es aus den Boxen, viel Zeit bleibt nicht mehr, so fühlt sich das Lied auch an, ein letzter Aufschrei.

2 Hours Left
„…And Rest, For A While.“

„The Decision“ lässt keine Zweifel offen, die Lyrics und auch die Musik sind on point, entschieden und klar. THE RETICENT machen keine Schnörkel auf diesem Album, andere Bands erzählen immer nur durch die Blume, in Metaphern und Umschreibungen, THE RETICENT nicht. Es wirkt als würden Aufzeichnungen abgelesen und musikalisch unterlegt.

Bei „Funeral For A Firefly“ muss man ein paar Mal öfter blinzeln als normalerweise, wenn man bis hierhin noch halbwegs cool bleiben konnte, ist es damit jetzt vorbei. Ein perfekter Song für einen Umstand, eine Situation, die man eigentlich weder beschreiben noch verständlich machen kann für jene, die es nie erlebt haben. Egal auf welche Art, wenn man dieses Lied hört, hört man den Schmerz, den man kennt, wenn man auch schon jemanden verloren hat.

„The Day After“ fühlt sich an wie die verkaterte Stimmung nach zu vielen Tränen. Haarscharf an „The Comprehension“ vorbei wird dieser Track zu meinem Lieblingsstück auf dem Album.
Meine Worte reichen nicht aus um zu beschreiben, wie viel Gefühl in diesen knapp sechs Minuten Musik transportiert wird.

Wie bereits geschrieben: Jeder, der Ähnliches erlebt hat, kann sich wohl in diesen Liedern wiederfinden und mit diesem Album mit (er)leben.
„For Eve“ ist der letzte Track, ein Abschied – aber nicht nur traurig, sondern auch hoffnungsvoll, ein letzter Gruß, ein paar begleitende Klänge für eine Reise ins Unbekannte.

Ein Album für ruhige Abende zuhause, wenn man bereit ist, in Erinnerungen und Emotionen zu wühlen.

Lieblingstrack: „The Day After“



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lee (30.10.2016)

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