ATTILA - Chaos

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VÖ: 04.11.2016
Bandinfo: Attila
Genre: Modern Metal
Label: Sharptone Records
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

"So go ahead and get offended by this", rappt Chris Fronzak in der ersten Singleauskopplung "Public Apology" mit gewohnt augenzwinkernder Überheblichkeit, darauf folgt ein provokativ zelebrierter Breakdown. Ein gutes Zeichen: ATTILA haben ihren Humor über die letzten zwei Jahre seit "Guilty Pleasure" schon mal nicht verloren und machen auch auf "Chaos" wieder zu großen Teilen einen auf dicke Hose - und haben einige stilistische Veränderungen durchgemacht: Das bisherige Grundgerüst aus Death- und Metalcore sowie Rap wird um einige Nu-Metal-Zitate erweitert (man möchte noch abwechslungsreicher sein), was aufgrund der ohnehin vorhandenen Crossover-Mentalität der Band durchaus Sinn macht und dem festgefahrenen Genre eine Frischzellenkur verpasst, an der beispielsweise THE WORD ALIVE und aktuell auch MEMPHIS MAY FIRE mit ihren halbgar arrangierten Genresprüngen partiell gescheitert sind.

Man merkt einfach, dass sich ATTILA schon auf diesem Crossover-Terrain bewegten, als in den Staaten alle noch ihren biederen "Pseudobrutaler Breakdown mündet im zuckersüßen Klargesang mündet in pseudobrutalem Breakdown"-Film gefahren sind und zu Heerscharen gleich klangen. Doch selbst Fronz und seine Mannschaft haben auf "Chaos" an Souveränität eingebüßt und bieten, also abgesehen von den klebrigen Refrains, leider ein paar Songs in genau diesem Fahrwasser an, die an manchen Stellen zwar einigermaßen unterhaltsam sind (allen voran das erwähnte "Public Apology" und das später eingeordnete "Let's Get Abducted"), sich die meiste Zeit aber zu sehr in doch arg stereotypen Core-Riffstrukturen verfangen, die man in der jüngeren Vergangenheit entweder durch verschiedenste Einflüsse aus anderen Genres locker kaschieren konnte oder einfach gemieden hat. Dafür verlagern die Jungs gleich zu Beginn "den Shit vom Internet auf die Straße" und erwischen nicht nur durch solche lyrischen Schmunzler einen guten Start mit "Ignite", das mit derben Riffs, arrogantem, mit Bassgrooves unterlegtem Rap und 'nem ordentlichen Solo viel mehr an das erinnert, was ATTILA eigentlich ausmacht. Im folgenden "Bulletproof" findet man dann auch die oben bereits angeteaserten Nu-Metal-Zitate vor, wenn man einen Bastard aus ATTILA'schem Metalcore, einer rhythmischen Prise LIMP BIZKIT und einem melodischen LINKIN PARK Querverweis kredenzt bekommt, bei dem Fronz zusätzlich noch sein ohnehin gut gefülltes Repertoire erfolgreich um Semi-Clean-Vocals erweitert.

Nebst der besonders großen Klappe des Fronters ist es genau diese ungenierte Experimentierfreude, warum ATTILA bisher immer wieder wie ein bunter Hund aus der Core-Szene herausgestochen sind. Hier ein paar Stakkato-artige Industrialparts ("Obsession"), dort ein Feature mit einem amerikanischen EDM-Produzenten namens OOKAY ("Moshpit") - das fügt sich nicht nur gut in's bisherige Schaffen der Band, sondern rettet "Chaos" zusammen mit den rockigeren "Rise Up" und "All Hail Rock And Roll"  zeitweise den Allerwertesten, weil an anderen Stellen ("Legend", "King") zu viel more of the same produziert wurde. Das ist eigentlich nicht sonderlich schlimm, nur fehlen dem Chaos im Vergleich zu den beiden Vorgängern einfach ein paar richtige Smashhits mehr, zumal die fetten Gangshouts, die sicherlich eines DER Markenzeichen der Bands sind, überwiegend fehlen und dann auch noch bei Verwendung von der eher suboptimalen Abmischung vom Michael Bay der Musikproduzenten, Joey Sturgis, ihrer ganzen Kraft beraubt werden.

Trotz allem ist "Chaos" ein überdurchschnittliches, gut hörbares Core-Album, auf dem ATTILA sichtlich bemüht darum sind, weiter frischen Wind in das eigene Songwriting zu bringen - und das an den jeweiligen Stellen auch schaffen. Richtige Männer, also beinharte Metaller, die ihren Nachnamen (der beispielsweise ein "ö" beinhaltet) statt mit "ö" gerne mit "ø" schreiben [Anm. d. Redaktion: woah, krass!], gehören damit natürlich nicht zur Zielgruppe dieser großspurigen Amis, aber aufgeschlossene Metalfans, die da keine Berührungsängste mit Nu Metal respektive Crossover haben, dürfen hier durchaus mal reinhören, wenngleich man für diese Gattung fairerweise dazu sagen muss, dass man, wenn man denn wirklich den Entschluss gefasst haben sollte, dass man sich mit ATTILA befassen möchte, "About That Life" und "Guilty Pleasure" in der Prioritäten-Liste eine Stufe über "Chaos" platzieren sollte, eigentlich sogar muss. No hate.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (04.11.2016)

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